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Die Reformagenda im Gesundheitswesen

von Nina Warken

Die deutsche Gesundheitsversorgung steht unter erheblichem Reformdruck. Die Erwartungen an Politik und insbesondere das Bundesministerium für Gesundheit sind hoch. Die Weichen dafür wurden zu Beginn dieser Legislaturperiode bereits gestellt. In diesem Jahr werden weitere entscheidende Veränderungen auf den Weg gebracht.

Ein zentraler Aspekt ist die eingeleitete Trendwende in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Angesichts der über Jahre stark gestiegenen Zusatzbeiträge wurde Ende des vergangenen Jahres ein erstes Sparpaket beschlossen, das nicht nur zusätzliche Mittel für die GKV aus Steuermitteln bereitstellt, sondern gezielt die Ausgabendynamik begrenzen soll. Damit konnten die Einnahmen und Ausgaben erstmals seit Jahren wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden. Weitere Schritte werden in diesem Jahr folgen, um die Beitragssätze dauerhaft zu stabilisieren. Auf Basis der Vorschläge der FinanzKommission Gesundheit, die Ende März vorliegen werden, wird ein Paket an Maßnahmen vorgelegt, das alle Bereiche des Gesundheitswesens umfassen wird.

Parallel dazu treiben wir grundlegende Strukturreformen voran, um unser Gesundheitssystem für die Zukunft aufzustellen. So kann das Leistungsversprechen auch noch in Jahren gehalten werden. Etwa durch eine Reform der Krankenhauslandschaft, eine Notfallreform, eine Apothekenreform sowie die Etablierung eines neuen Primärversorgungssystems. Patientinnen und Patienten sollen zielgerichtet in die Versorgungsebene gesteuert werden, in der ihnen schnell und bestmöglich geholfen wird. So sollen künftig Hausarztpraxen eine zentrale Lotsenfunktion übernehmen, unterstützt durch digitale Ersteinschätzungstools und eine funktionierende elektronische Überweisung. Ähnlich zielt die Notfallreform darauf ab, Fälle gezielter zu lenken sowie die Rufnummern 112 und 116 117 besser zu vernetzen. Damit diese Modelle tragen, wird die Versorgung auf mehr Schultern verteilt werden, denn wir brauchen jede helfende Hand, um die Herausforderungen der Zukunft zu stemmen: Durch ein entsprechendes Gesetz haben Pflegekräfte bereits mehr Befugnisse erhalten, um eigenverantwortlich Leistungen erbringen zu können, etwa in den Bereichen Wundversorgung, Demenz oder Diabetes. Diese waren bisher nur Ärzten vorbehalten. Den neuen Beruf der Pflege- und Gesundheitsexperten (Advanced Practice Nurse) werden wir in diesem Jahr auf den Weg bringen. Durch diesen Abschluss auf Master-Niveau sollen Absolventen in Zukunft erweiterte Kompetenzen erhalten, um mehr Verantwortung übernehmen zu können. Apotheken sollen mehr Dienstleistungen im Bereich Früherkennung und Prävention anbieten.

Die Pflegeversicherung steht ebenfalls vor umfassenden Reformen: Ziel ist eine finanzierbare pflegerische Versorgung, die notwendige Unterstützung leistet. Die Passgenauigkeit der Leistungen wird mit dem Ziel reformiert, die gesunden Lebensjahre auch im Alter zu erhöhen. Deshalb werden die bestehenden Leistungen auf Zielgenauigkeit hin überprüft. Die Finanzsituation muss ebenfalls auf ein solides Fundament gesetzt werden, um die Zuverlässigkeit der Pflegeversicherung wieder zu steigern. Auch in Zukunft wird die Pflegeversicherung nicht für die gesamten Pflegekosten aufkommen können, weshalb die Eigenverantwortung an Attraktivität gewinnen muss, da sie wesentlicher Bestandteil der Pflegevorsorge bleibt. Die vorgesehenen Gespräche zum Praxischeck mit Leistungserbringern starten Ende Januar, danach folgt der Austausch über Finanzierungskonzepte mit den Ländern. Ziel ist eine umfassende Pflegereform bis zum Ende des Jahres.

Flankiert werden die Reformen durch eine überarbeitete Digitalstrategie und darauf aufbauend ein Digitalgesetz im Frühjahr. Dadurch werden wir etwa die elektronische Patientenakte weiterentwickeln und Digitalisierung stärker in den Versorgungsalltag integrieren.

Schließlich rückt auch Resilienz in den Blick: Ein Gesundheitssicherstellungsgesetz in diesem Jahr soll die Versorgung in Krisen- und Verteidigungsfällen besser absichern.

Große Bedeutung hat das Vertrauen in das Gesundheitssystem insgesamt. Steigende Kosten, Umstrukturierungen und lange Wartezeiten verunsichern viele Menschen. Das kann demokratiepolitische Folgen haben. Reformen sollen daher Stabilität und Vertrauen schaffen – nicht nur finanziell, sondern insbesondere auch gesellschaftlich.

Die Agenda bleibt herausfordernd. Die kommenden Monate werden arbeitsreich, das ist aber notwendig, um die Chance zu nutzen, das solidarische Gesundheitssystem grundlegend zu modernisieren und für die Zukunft aufzustellen.

Autorin: Nina Warken ist Bundesministerin für Gesundheit.

Dieser Beitrag beruht auf einem Impulsvortrag von Bundesministerin Nina Warken beim High-Level-Round-Table des Table.Forum Gesundheitsinnovationen am 13. Januar 2026.

Parteiübergreifend wird über die Notwendigkeit von Reformen im Gesundheitssystem diskutiert. Aber wie kann die Systemwende gelingen? Und wie finanzieren wir das Gesundheitssystem der Zukunft? Im Table.Forum Gesundheitsinnovationen diskutieren führende Köpfe aus Politik und Praxis, wie das deutsche Gesundheitssystem gleichzeitig leistungsfähig und gerecht werden kann.

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