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Die Krise als Chance für die Zukunft

von Prof. Dr. Maike Sander

Gut sechs Jahre ist es her, dass ein winziger Erreger unseren Alltag für eine ganze Weile auf den Kopf stellte. Unbestritten hat das Coronavirus viel Leid verursacht. Zugleich hat die Pandemie auch vieles ins Rollen gebracht. Vor allem hat sie gezeigt, dass Deutschland in der weltweiten Gesundheitsforschung eine führende Rolle spielen kann – wenn alle an einem Strang ziehen und bereit sind, neue Wege zu gehen.

Während das Leben der meisten Menschen hierzulande fast stillzustehen schien, ging in der Forschung auf einmal vieles ganz schnell. Konkurrenten bildeten Allianzen, Schwerpunkte wurden umgehend neu gesetzt, bürokratische Hürden abgebaut, Zulassungsverfahren angesichts der dringlichen Lage vereinfacht. Politik, Wissenschaft und Industrie arbeiteten unter der plötzlichen Notwendigkeit zu handeln Hand in Hand, mit einem gemeinsamen Ziel: einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln.

Und so kam es, dass die Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffes nicht viele Jahre oder gar Jahrzehnte benötigte, sondern nur wenige Monate. Am Ende eines außergewöhnlichen Jahres, drei Tage vor Heiligabend, kam der mRNA-Impfstoff „Comirnaty“, den das Mainzer Unternehmen BioNTech entwickelt hatte, in Europa auf den Markt. Kurz zuvor hatte er bereits in den USA eine Notfallzulassung erhalten. Der Impfstoff war der erste wirksame medizinische Schutz gegen Corona weltweit.

Gezielte Förderung für Hubs

Deutschland kann – das hat es nicht nur in der Pandemie gezeigt – Vorreiter sein, insbesondere in der Gesundheitsforschung. Echte Innovationen entstehen allerdings nicht flächendeckend, sondern da, wo kritische Masse vorhanden ist: in Hubs. Also dort, wo erstklassige universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche und unternehmerische Talente, Investor*innen, Biotech- und Pharmaunternehmen zusammenwirken und sich gegenseitig stärken. Dort, wo sich wissenschaftliche Expertise mit technologischem und unternehmerischem Know-how für zukunftsträchtige Spin-offs konzentriert, man voneinander lernt, sektorübergreifend denkt und gemeinsam Neues wagt.

Auch in den USA entsteht Innovation nicht flächendeckend in jedem Bundesstaat. Sie bündelt sich in Biotech-Hubs wie der San Francisco Bay Area oder Boston, wo zum Beispiel Harvard und das MIT, die sich einst eher als Konkurrenten betrachtet haben, im Broad Institute sehr erfolgreich zusammenarbeiten. Auch Firmen wie Genentech zeigen, welches Potenzial entsteht, wenn die richtigen Menschen zur richtigen Zeit aufeinandertreffen.

Was brauchen wir in Deutschland? Einen engen Schulterschluss von Politik, akademischer Forschung und Industrie, privaten und öffentlichen Geldgebern – neue Allianzen, die auf eine gemeinsame Vision hinarbeiten und bürokratische Hürden abbauen. Mit ihnen können wir gewährleisten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse schneller dort ankommen, wo sie gebraucht werden: bei den Menschen, deren Gesundheit wir schützen wollen. Der Gestaltungswille, der mir in Berlin begegnet, ist dabei ausgesprochen groß.

Was es ebenfalls braucht, ist Mut. Die Courage, nicht mehr zeitgemäße Muster und Gewohnheiten hinter uns zu lassen. Neues entsteht dort, wo Raum für Veränderung geschaffen wird. Die USA und China zeigen in vielerlei Hinsicht, wie das gelingen kann. Eine mutige Standortpolitik entsteht im Gespräch mit allen relevanten Stakeholdern, sie setzt Steueranreize, gibt Zuschüsse für Land und Bau und schafft Rahmenbedingungen, die Innovationen erleichtern und es erlauben, zügig voranzuschreiten.

Der Gesundheitsmarkt ist stark

Ebenso entscheidend ist jedoch, dass akademische Institutionen ihre Kooperationsformate weiterentwickeln, interdisziplinär, sektorübergreifend und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig. Wie das gehen kann, zeigt beispielsweise das neue Einstein Center for Early Disease Interception: ein Verbund von zwölf Berliner Institutionen, die es sich zum Ziel gemacht haben, das zukunftsweisende Forschungsfeld der zellbasierten Präventionsmedizin voranzubringen – ein ambitioniertes Projekt, das nur gemeinsam zu stemmen ist.

Deutschland hat einen starken Gesundheitsmarkt, als natürliche Folge einer alternden Gesellschaft mit vielen chronischen Erkrankungen bei einem gleichzeitig noch immer sehr hohen Lebensstandard. Auch die Grundlagenforschung ist exzellent. Die institutionelle Förderung der großen Forschungseinrichtungen Helmholtz, Fraunhofer, Max Planck und Leibniz ermöglicht Spitzenforschung, die in Europa und weltweit hohe Anerkennung genießt.

Für internationale Fachkräfte ist Deutschland attraktiv – besonders die großen Hubs wie Berlin, München oder Heidelberg-Mannheim, wo es neben einer ausgezeichneten Forschungsinfrastruktur viele weitere Angebote gibt, die Spitzenkräfte anziehen. Denn nur selten kommen diese allein: Dual-Career-Lösungen und internationale Schulen zum Beispiel gehören somit ebenfalls zu einer guten Standortpolitik. Auch Initiativen wie „Global Minds“ sind ein wichtiger Schritt, wenn man exzellente Wissenschaftler*innen nach Deutschland holen möchte.

Hubs haben noch einen weiteren Vorteil: Sie schaffen einen großen Arbeitsmarkt. Eine nicht erfolgreiche Ausgründung ist weniger existenziell, wenn die Jobalternative schon an der nächsten Ecke wartet. Wo eine solche Dynamik vorhanden ist, wächst auch der Mut, unternehmerische Risiken einzugehen.

Mehr Anreize für Investor*innen

Exzellente Wissenschaftler*innen allein reichen jedoch nicht aus. Wir brauchen auch mutige Kapitalgeber*innen, die bereit sind, in die hiesige Gesundheitsforschung und -wirtschaft zu investieren. Hier besteht derzeit noch Entwicklungspotenzial. In Deutschland wurden pro Kopf und Jahr zuletzt knapp 13 Euro Wagniskapital eingesetzt. In den USA ist diese Summe fast sechsmal so hoch. Nötig sind also Anreize, auch finanzieller und vor allem steuerlicher Art, um Investor*innen zu gewinnen, die das Risiko nicht scheuen.

Dass Deutschland zu großen Sprüngen fähig ist, hat sich in der Coronapandemie eindrucksvoll gezeigt. Auch am Max Delbrück Center entstanden in dieser Zeit zahlreiche neue Forschungsprojekte, etwa zu Viren im Abwasser, zu Autoantikörpern oder zu Impfstoffen, die über die Nase verabreicht werden.

Heute stehen wir vor neuen und nicht weniger komplexen Herausforderungen. Ein Ziel muss es sein, unsere alternde Gesellschaft länger gesund zu erhalten. Ein Vorhaben, das durch Bioengineering und modernste KI realistisch und erreichbar wird. Es gilt jetzt also, am Ball zu bleiben und schnellstmöglich vom Wissen ins Tun zu kommen – indem wir zum Beispiel die Hightech Agenda der Bundesregierung und andere Pilotprojekte zügig und mit vereinten Kräften umsetzen.

Autorin: Prof. Dr. Maike Sander ist Wissenschaftliche Vorständin und Vorstandsvorsitzende des Berliner Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, einer der großen medizinischen Forschungseinrichtungen in Deutschland, sowie Vizepräsidentin für den Forschungsbereich Gesundheit der Helmholtz-Gemeinschaft. Zuvor war die Medizinerin knapp 30 Jahre lang in den USA in der Forschung und im Wissenschaftsmanagement tätig, seit 2008 bis zu ihrem Umzug nach Deutschland 2022 als Professorin an der University of California, San Diego (UCSD).

Dieser Beitrag basiert auf ihrem Impuls beim High-Level-Round-Table des Table.Forum „Never waste a good crisis“ am 16. Dezember 2025.

„Never waste a good crisis“ versteht Krise nicht als Ausnahmezustand, sondern als Moment der Entscheidung. Das Table.Forum fragt, wie sich die aktuelle Lage nutzen lässt, um in der Gesundheit schneller vom Wissen zum Tun zu kommen – mit mehr Mut zur Kooperation, zu neuen Strukturen und zu gezielter Standort- und Innovationspolitik.

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