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Migration: Warum Spanien bei der Einwanderung auf neue Wege setzt – und was der Rest Europas daraus lernen kann

Statt auf Abschreckung und Abschottung zu setzen, ermöglicht Spanien die Regularisierung von Einwanderern. Das Land hat im Gegensatz zu seinen europäischen Nachbarländern die Vorteile von Immigration erkannt. Und nutzt das Ankommen von Einwanderern für die Bekämpfung seiner Probleme.

JK
02. Februar 2026
Judith Kohlenberger
Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger (Vandehart Photography)

Nicht erst seit Bundeskanzler Friedrich Merz die „Migrationswende“ ausgerufen hat, ist der Ton in der europäischen Migrationsdebatte rauer geworden. Mit dem bis Mitte 2026 umzusetzenden Migrationspaket wollen die Mitgliedstaaten „harte Kante“ in der Asylpolitik zeigen.

Sie scheuen dabei auch nicht vor Inspiration durch die menschenverachtende Migrationspolitik Donald Trumps zurück. Während seine Administration in Drittstaaten wie Ghana, Südsudan und Eswatini abschiebt, streben europäische Länder eine ähnliche Kooperation mit Uganda an. Dass es sich dabei um ein Nachbarland großer Konfliktherde handelt, das bereits jetzt zu den Hauptaufnahmeländern Geflüchteter aus anderen Teilen Afrikas zählt und damit das Risiko der regionalen Destabilisierung groß ist, wird ausgeblendet.

Eine nachhaltige Lösung der „Migrationsfrage“ sieht also anders aus. Aber zumindest, so wohl die Kalkulation vieler EU-Staats- und Regierungschefs, lassen sich durch solche und andere Maßnahmen Härte demonstrieren und Migrationswillige „demotivieren“, sprich abschrecken.

Einen gänzlich anderen, ja fast schon disruptiven Weg geht Spanien. Der Aufschwung des Landes geht, neben anderen Faktoren, auch auf die Einwanderung zurück. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße nimmt Spanien mehr Menschen auf als Deutschland, Frankreich oder Italien. Ein neues Gesetz erleichtert zudem jenen, die vor 2024 ins Land gekommen sind, den Erhalt von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen; undokumentierte Migranten sollen eine Amnestie erhalten. Damit wird in den nächsten Jahren etwa 500.000 Menschen ohne gültige Papiere der Weg zur spanischen Staatsbürgerschaft eröffnet. Es ist nicht die erste Regularisierungsoffensive des Landes, aber die bisher größte.

Anders als seine europäischen Nachbarländer scheint Spanien die Vorteile von Migration erkannt zu haben: Dass es mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter braucht, um Arbeitsmarkt und Sozialsystem auf Dauer aufrechterhalten zu können. Seine Geburtenrate ist mit 1,4 die zweitniedrigste der EU. Gleichzeitig hat Spanien vor allem in der Landwirtschaft und im Tourismus viele Jobs, die spanische Staatsbürger nicht mehr verrichten wollen. Dort arbeiten bereits jetzt viele Migranten, jedoch illegal und ohne Steuern zu zahlen.

Die Regularisierung hat also vor allem pragmatische Gründe. Der Bedarf an Arbeitskräften ist evident. Das wäre er mit Blick auf demografische Prognosen auch in anderen Ländern, wo es an solchen Regularisierungsoffensiven fehlt. Und das, obwohl laut einer EU-Studie etwa sieben von zehn Europäern der Meinung sind, dass der demografische Wandel den wirtschaftlichen Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit Europas gefährden wird.

Aus dem spanischen Beispiel lassen sich Handlungsoptionen für den Rest Europas ableiten. Die Regularisierung der Aufenthaltstitel hunderttausender Menschen war keine von oben verordnete Idee der spanischen Regierung, sondern die Zivilgesellschaft mobilisierte dafür. Eine Volksinitiative sammelte rund 600.000 Unterschriften, unterstützt von 900 NGOs, Verbänden und der spanischen Bischofskonferenz. Spanier seien selbst oft Migranten in anderen Teilen der Welt gewesen, argumentierte Regierungschef Pedro Sánchez. Sie hätten aufgrund ihrer kolonialen Vergangenheit eine besondere Verantwortung für Einwanderer.

Die Haltung der in Verantwortung stehenden Politiker spielt also eine wesentliche Rolle. Sie hat Auswirkungen auf die Einstellungen der Bevölkerung. Zum anderen ist Migration auch eine Frage der Identität des Aufnahmelandes. Ein starker Regionalismus in Katalonien oder dem Baskenland macht das Eintreten für eine von Rechtspopulisten proklamierte vermeintlich homogene nationale Identität zu einem schwierigen Unterfangen.

Was also lässt sich aus dem Beispiel Spaniens lernen? Wie der amerikanische Politikwissenschafter Alexander Kustov in seinem Buch „In our Interest“ argumentiert, kann ein zunehmend negativer Migrationsdiskurs im globalen Norden mittelfristig nur verändert werden, wenn der Bevölkerung die eigenen (wirtschaftlichen) Vorteile von Zuwanderung durch entsprechende politische Maßnahmen bewusst gemacht würden.

Dazu zählt ein selektives Einwanderungssystem. Dieses bietet jenen Menschen legalen und niedrigschwelligen Zugang, die eine Zusage für einen Arbeitsplatz haben oder nachgefragte Qualifikationen vorweisen können. Auf Dauer, so Kustov auf Basis großangelegter Studien, würde sich dies auch auf die Aufnahmebereitschaft gegenüber Geflüchteten auswirken. Damit es dazu kommt, muss die Bevölkerung jedoch davon überzeugt sein, dass die nationale Migrationspolitik in ihrem Interesse und zum Wohle aller ist.

Das tut sie noch zu wenig. Dies zeigt sich etwa bei hohen Hürden für legal Ankommende und eine bürokratische Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Spanien, das ideologische Rigidität gegen eine positive Migrations- und Aufschwungserzählung getauscht hat, könnte hier Vorbild sein.

Judith Kohlenberger leitet das Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) an der WU Wien. Zuletzt erschienen: „Migrationspanik“ (2025).

Hinweis: Standpunkte spiegeln die Meinung der Autorin wider.

Letzte Aktualisierung: 04. Februar 2026