What’s cooking in Brussels?

Der Vater von Philippe Lamberts hatte ein kleines Unternehmen, das Sauerkraut herstellte. In Belgien. Nur das Familienunternehmen zu übernehmen, reizte ihn nicht, erst recht nicht ein Unternehmen, das bei der Ernte von den Unwägbarkeiten des Wetters abhängig ist. Also entschied er sich für ein Ingenieurstudium und arbeitete anschließend etwa 20 Jahre lang bei IBM – für die Jüngeren unter Ihnen: IBM genoss damals eine Aura, die mit der von Apple heute vergleichbar ist.

Dann beschloss der Ingenieur, der sich selbst auch als Christ bezeichnet, sich politisch zu engagieren – bei den belgischen Grünen, die in der Partei „Ecolo“ zusammengeschlossen sind. Im Jahr 2009 überging er den Status als freiwilliger Parteiunterstützer und wurde direkt zum Parteiprofi, als er zum Europaabgeordneten gewählt wurde. 2014 wurde er Co-Fraktionsvorsitzender der Europäischen Grünen, neben der Deutschen Rebecca Harms und dann neben Ska Keller, die ihren Posten nun aufgibt. Auch Lambert hat nach mehr als einem Jahrzehnt politischer Tätigkeit auf der europäischen Bühne seinen Rücktritt angekündigt.

Bei den Europawahlen im Jahr 2019 wurden die Grünen mit 75 Abgeordneten zur viertstärksten politischen Kraft – zweifelsohne ein Wahlerfolg. Durch den Aufstieg von 52 auf 75 Abgeordnete sind sie im Europäischen Parlament vom sechsten auf den vierten Platz vorgerückt. Damit liegen sie hinter den Christdemokraten der EVP, den Sozialisten und Sozialdemokraten der S&D und den Liberalen und „Macronistes“ von Renew.

In vielen Ländern noch immer in der Nische

Mais voilà. Philippe Lamberts freut sich zwar über einen tendenziell wachsenden politischen Einfluss innerhalb der EU, „der aber immer noch an eine gläserne Decke stößt“, das heißt: Es fällt schwer, über die traditionelle grüne Wählerschaft hinauszugehen. In diesem Zusammenhang verweist er auf die Situation in Schweden, wo die Grünen 40 Jahre nach ihrer Gründung immer noch nicht aus der politischen Nische herausgekommen sind. Oder die Situation in Südeuropa, wo die Grünen sich nach wie vor schwer damit tun, sich politisch zu etablieren.

Das zukünftige Duo muss versuchen, diese gläserne Decke zu durchbrechen, wenn es die „Bundesliga“ der europäischen politischen Parteien erreichen will, um den von Lamberts benutzten Begriff zu verwenden. Um dies zu erreichen, müssen sie zeigen, dass Fragen der sozialen Gerechtigkeit im Mittelpunkt des grünen Projekts stehen – damit es für einen Teil der sozialdemokratischen Wählerschaft anziehend ist – und gleichzeitig betonen, dass sie für eine freie soziale Marktwirtschaft stehen, womit sie bei einem Teil der liberalen Wählerschaft punkten könnten.

Dies muss aber auch geschehen unter Berücksichtigung der Kritik der Generation Fridays for Future, die der Partei vorwirft, ihren Willen zur Umgestaltung des Systems und der Institutionen verloren zu haben. Alles andere als einfach.

Die Bundesliga der politischen Parteien zu erreichen, bedeutet für Lamberts unter anderem, dass ein grüner Politiker oder eine grüne Politikerin an die Spitze einer nationalen Regierung gewählt wird. „Die Liberalen haben (Anm.: auf Ratsebene) mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Schwergewicht“, sagt Lamberts. Diese Persönlichkeit würde dann als potenzieller Magnet für Kandidaten dienen, die sich für die Grünen interessieren, aber noch nicht konvertiert sind.

Scharfe Kritik an Macron

Der Brüsseler Europaabgeordnete hat sich bei Themen im Zusammenhang mit der Finanzkrise einen Namen gemacht. Im Jahr 2013 initiierte er einen EU-Vorschlag zur Deckelung der Einkommen in der Finanzbranche. „Wir haben die Grenzen eines sich selbst überlassenen Marktes erreicht, der sich um die Forderungen nach Wachstum und Anhäufung von Reichtum dreht“, sagt er heute. „Wir fordern keine staatszentrierte Wirtschaft, sondern eine Marktwirtschaft“ – also eine Wirtschaft, die sich nicht auf Menschen konzentriert, die von ihrem Vermögen leben, und in der das menschliche Glück nicht durch die Anhäufung von Reichtum und Material definiert wird.

Lamberts ist nicht nur durch seine Positionen zur Finanzwelt bekannt geworden, sondern auch durch seine Rhetorik. So kritisierte er 2018 in Straßburg die Politik des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der das Europaparlament besuchte. Macrons Politik stelle „die Devise Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit infrage“, sagte Lamberts und kritisierte restriktive innenpolitische Maßnahmen, Waffenverkäufe, Atomkraft und die Schließung von Flüchtlingslagern.

Der Grünen-Politiker benutzte den Ausdruck „les premiers de cordée“, was auf Deutsch als „Vorsteiger“ zu übersetzen ist – ein Begriff, der Führungsqualitäten beschreibt und dem Staatschef besonders gut gefällt. Dazu ließ Lamberts Macron ein Kletterseil überreichen. Dieses Seil ist Paris bis heute im Hals stecken geblieben.

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