Markus Gleichmann - Europa im Bürgerdialog

02. Juni 2023
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Das Dorfleben hat Markus Gleichmann politisiert. Mit 14 Jahren zog er gemeinsam mit seinen Eltern von Jena ins ländliche Eichenberg bei Kahle, etwa 20 Kilometer südwärts. Schlechte Mobilität, Zukunftsängste, soziale Spannungen, Konflikte zwischen Links und Rechts – Stoff zum Debattieren gab es im ländlichen Raum genug. In der Kleinstadt kam Gleichmann schnell in Kontakt mit aktiven Kommunalpolitikern in Stadt und Kreis, seine ersten ehrenamtlichen Schritte in die Politik hinein waren also nicht weit, er war da gerade einmal 21 Jahre alt. Seine politische Heimat fand Gleichmann später bei der Linken.

Heute ist der 37-Jährige Mitglied des Thüringer Landtages und europa- und energiepolitischer Sprecher. In dieser Rolle versucht er, eine politische Brücke zwischen dem Bundesland und Brüssel zu bauen. Gerade bei seinem Herzensthema, der Nachhaltigkeit, ginge das besonders gut, erzählt er. „Dass wir die nachhaltige Transformation nicht in Thüringen allein hinbekommen, das sollte jedem klar sein“, sagt Gleichmann. Und da passiere in Brüssel gerade „unendlich viel“.

Wiege des Bauhauses und Standort für Automobilzulieferer

Thüringen ist die Wiege des Bauhausstils, spielt als Zulieferer der Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Kompetenzen und Interessen, die auch in der Transformationsdebatte in Brüssel einen wichtigen Beitrag leisten können. „Ich möchte den Thüringern die Chancen von europäischer Politik vermitteln und ihnen auch eine Stimme in Brüssel sein“, sagt Gleichmann.

Dass das nicht immer einfach ist, sei ihm bewusst, sagt er. „Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass die EU mehr ist als Futtermittelverordnungen und Krümmungsgradvorschriften für Gurken“, sagt er. „Es geht auch um Friedenssicherung und Themen, für die unser Land zu groß ist.“ Mit dieser Botschaft beackert Gleichmann so viele Bürgerdialogveranstaltungen der Region, wie er schafft. Für die Konferenz zur Zukunft Europas sammelten die Vertreter verschiedenster Länder konkrete Wünsche und Änderungsvorschläge für die EU ein und stellten sie in einem Abschlussbericht zusammen. „Da stecken großartige Möglichkeiten drin“, sagt Gleichmann.

Bücher über die NS-Geschichte

Auch bei seinem Hobby darf es gerne politisch werden. In seiner Freizeit forscht Gleichmann gerne in der Geschichte. Er schrieb zwei Bücher zur Aufarbeitung der NS-Zeit in seiner Heimatregion. 2009 erschien das erste, Titel: „Düsenjäger über dem Walpersberg“. Darin geht es um ein ehemaliges, unterirdisches Flugzeugwerk in Kahla, in dem die Nationalsozialisten Kampfflugzeuge von etwas 13.000 Zwangsarbeitern bauen ließen. Zwei Jahre später veröffentlichte er das Buch „Geheimnisvolles Thüringen – Militärobjekte des Dritten Reiches“, auch in diesem beschäftigte er sich mit den unterirdischen Rüstungsbetrieben der Region.

Die Aufarbeitung der NS-Geschichte ist notwendig und wichtig“, sagt Gleichmann. Kürzlich war er tief in den alten Lagerstollen eines Außenlagers des KZ-Buchenwald. Während der NS-Zeit wurden dort jüdische Gefangene des Konzentrationslagers zur Zwangsarbeit hinuntergeschickt. Recherche für ein neues Projekt von ihm. „Es hat viele Diskussionen gebraucht, bis wir dort reindurften. Aber da war ich hartnäckig und konnte so wichtige Akteure miteinander vernetzen.“ Wenn Gleichmann dann doch mal abschalten will, von den ganzen schweren Themen? „Dann gehe ich Bergsteigen und bin in der Natur unterwegs.“ Pascal Mühle

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026