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Wie alt ist Chinas Zivilisation? 

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Die 25 mächtigsten Funktionäre Chinas, darunter nur eine Frau, versammelten sich im Palais des einst kaiserlichen Parks Zhongnanhai, mitten in Peking. Parteichef Xi Jinping hatte sein Politbüro und dessen Ständigen Ausschuss in das 1949 zum Sitz der KP China gemachten Seengelände bestellt. Bis in den späten Abend des 27. Mai tagte Chinas innere Führung.

Der illustre Kreis traf sich nicht zum Krisenmanagement, obwohl an diesem Tag Shanghai weiter gegen die Pandemie ankämpfte, und Peking bangte, als nächste Metropole in den Lockdown zu müssen. Auch der internationale Kollateralschaden, der China bedroht, wegen seiner Billigung von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine, war so wenig Thema wie der Abwärtsdruck auf die Wirtschaft.

Stattdessen lauschten die Granden der Partei – so als lebten sie in einer Blase – sichtlich entspannt den Ausführungen des Pekinger Historikers und Gastreferenten Wang Wei (王巍). Im Anschluss fasste Xi Jinping dessen Vortrag zusammen. Chinas TV-Sender zeigten, wie alle brav mitschrieben. Die Elite hatte sich zu ihrer sogenannten 39. Studiensitzung zusammengesetzt, zu der KP-Chef Xi seit dem letzten Parteitag 2017 sein Politbüro regelmäßig alle vier bis sechs Wochen zusammenruft. Ihre Tagesordnung bestimmte eine scheinbar weltfremde, akademische Frage: Wie alt ist Chinas Zivilisation wirklich?

Ausgrabung von 5.000 bis 7.000 Jahre alten Kultstätten in Xichuan, Provinz Henan
Ausgrabung von 5.000 bis 7.000 Jahre alten Kultstätten in Xichuan, Provinz Henan

Wang Wei, Präsident der Gesellschaft für Archäologie, berichtete über das von ihm seit 2001 geleitete „Projekt zur Erforschung der Ursprünge von Chinas Zivilisation“ (中华文明探源工程). Neue Erkenntnisse hätten die 400 beteiligten Wissenschaftler über die seit 1921 entdeckte Yangshao-Kultur entlang des Gelben Flusses gewonnen, die zu den frühesten neolithischen Kulturen der Menschheit gehöre (7000 bis 4700 v. Chr.).  Ausgrabungen in den Ruinen von Liangzhu bei Hangzhou (5300 bis 4300 v. Chr.) hätten enthüllt, wie komplex die frühere Stadtsiedlung organisiert war. 2019 nahm die UNESCO die Stätte in ihr Weltkulturerbe auf. Weitere Funde in der 1959 in Zentralchinas Henan entdeckten Erlitou-Stätte scheinen frühere Annahmen zu bestätigen, dass Erlitou ein Teilzentrum der Xia-Herrschaft gewesen sein könnte (2070 bis 1600 v. Chr.), der legendären ersten Dynastie im Reich der Mitte, deren Existenz bis heute archäologisch nicht wirklich untermauert ist. 

Xi aber triumphierte: Chinas Forscher hätten den faktischen Nachweis erbracht „für die Millionen Jahre andauernde Menschheits-Geschichte meines Landes, seine zehntausendjährige Kulturgeschichte und seine mehr als 5.000 Jahre alte Zivilisationsgeschichte.“ (实证了我国百万年的人类史、一万年的文化史、五千多年的文明史。中华文明探源工程成绩显著。)  

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler aller Disziplinen, im Auftrag der Partei die Anfänge der chinesischen Zivilisation dingfest zu machen. Historiker aber bleiben bei ihrem Urteil, schreiben von gerade einmal „mehr als 3.000 Jahren“, die sich mit der aus jener Zeit stammenden Schrift auf Orakelknochen noch datieren und dokumentieren lassen.   

Die Partei will dieses Narrativ ändern. Chinas Zivilisation sei einzigartig auf der Welt. Es gebe zwar ältere Kulturgesellschaften, wie etwa die 8.000 Jahre zurückreichenden Ägypter mit ihren Hieroglyphen. Aber die alten Reiche gingen unter. Anders sei es mit China, so Xi: „Seine Zivilisation ist die einzige auf der Welt, die sich bis heute ohne Unterbrechung fortsetzen konnte.“ ( 中华文明是世界上唯一自古延续至今、从未中断的文明). Für ihn ist das neben Nationalstolz auch ein politisches und kulturelles Pfund, mit dem er wuchern kann. Er nannte etwa die Verbindungen, die Peking zu den 50 Millionen Auslandschinesen in aller Welt knüpfen will.   

Wie sehr ihn das Thema der Periodisierung umtreibt, zeigte Xi beim ersten Peking-Besuch von US-Präsdent Donald Trump am 8. November 2017.

Als erster ausländischer Besucher sollte Trump Xi unmittelbar nach Ende des 19. Parteitages treffen, der Xis Machtfülle noch erweitert hatte. Nun bereitete Xi dem Ehepaar Trump eine imperiale Empfangsschau der Superlative vor. Donald und Melania wurden vom Flughafen direkt zum abgesperrten Kaiserpalast gebracht, wo Xi und Frau Peng Liyuan sie von 15:30 Uhr bis 19:30 Uhr vier Stunden lang durch alle Paläste führten und höfisch bewirteten. Chinas Fernsehen schnitt einen ihrer Dialoge mit. Es ging zuerst um die 300-jährige Geschichte der USA. Trump sagte zu Xi, er habe gehört, dass „China eine 5.000 Jahre alte Zivilisation besitzt.“ Xi sprach darauf von einer nachweisbar geschriebenen Geschichte von „über 3.000 Jahren.“ Doch lasse sich seine Zivilisation „5.000 Jahre zurück oder noch früher verfolgen.“

Zwei Präsidenten, zwei First Ladies und eine gelbe kaiserliche Robe: Xi führte Trump 2017 hinter die Kulissen des Palastmuseums.
Zwei Präsidenten, zwei First Ladies und eine gelbe kaiserliche Robe: Xi führte Trump 2017 hinter die Kulissen des Palastmuseums

Als Trump auf Ägypten und dessen „8.000 Jahre Kultur“ verwies, sagte Xi: „Ja, Ägypten ist älter. Aber Chinas Zivilisation ist die einzige, älteste sich kontinuierlich bis heute erhaltene Zivilisation der Welt.“ Trump fragte nach, ob es sich „heute um eine originale Kultur“ handele und bekam zur Antwort: „Wir sind die originalen Menschen. Wir haben das gleiche schwarze Haar und die gleiche gelbe Haut. Wir nennen uns Abkömmlinge des Drachens.“ (是原来的人。黑头发、黄皮肤,传承下来,我们叫龙的传人。)   

Dass China eine „mehr als 5.000 Jahre“ alte Zivilisation beansprucht, ist Xis Credo seit seinem Amtsantritt 2012. Kurz vor dem 20. Parteitag Ende 2022, der seine dritte Wiederwahl ermöglichen und die Weichen für eine „neue Ära des Sozialismus unter Xis Führung“ und die Wiederauferstehung der Nation stellen soll, greift Xi auf die Kultur zurück. China ist dabei besonders, sagte er bei der Studiensitzung: „Die chinesische Nation hat einen Entwicklungsverlauf genommen, der sich von anderer Zivilisationen unterscheidet.“    

Alle Parteimedien des Landes veröffentlichten Zusammenfassungen von Xis Belehrungen seines Politbüros. Abgehoben von den Niederungen der Realität sucht er Rezepte für den Aufstieg der Nation auch aus der Vergangenheit zu gewinnen. Er lässt den alten Mao-Spruch wieder aufleben, „die Vergangenheit der Gegenwart dienen zu lassen“ (要坚持古为今用). Verschwurbelt spricht er wiederholt „vom kulturellen Gen der Nation,“ das „auch eine spirituelle Kraft ist, um die großartige Wiederauferstehung der Nation zu realisieren.“  Weil Xi weiß, welche Ängste Chinas Aufstieg im Ausland auslöst, spricht er auch vom „kulturellen Gen des Friedens“. Peking müsse „vom Boden Chinas aus das Narrativ über Chinas Zivilisation gut erzählen und der Welt ein vertrauenswürdiges, liebenswertes und respektables Bild von China vermitteln.“ (要立足中国大地,讲好中华文明故事,向世界展现可信、可爱、可敬的中国形象。)   

Es ist das zweite Mal, dass Xi seine Obsession einer „mehr als 5.000 Jahre alten chinesischen Zivilisation“ zum Thema einer Politbürositzung machte. Am 28. September 2020 verlangte er, Chinas Archäologie für ihren Nachweis zu mobilisieren. Dabei sprach er vom tradierten „kulturellen Gen“, das die Nation „täglich nutzt, ohne sich darüber bewusst zu sein.“ (中华民族日用而不觉的文化基因。)

Ich habe als Korrespondent in Peking zwei Mal miterlebt, wie der politische Versuch scheiterte, die chinesische Zivilisation neu im Sinn der Partei zu periodisieren. Im November 2000 behaupteten 200 Wissenschaftler nach fünf Jahren interdisziplinärer Forschung, sie könnten Chinas legendäre ersten drei Dynastien der Xia, Shang und Zhou genau datieren und alle Herrschaftshäuser chronologisch auflisten. Die Xia hätten 2070 bis 1600 v. Chr. geherrscht, die Shang bis 1046 v. Chr. und die Zhou bis 771 v. Chr.. Damit sei Chinas Zivilisationsgeschichte nachweislich über 4.000 Jahre alt, jubelte damals die Volkszeitung. Rasch stellte sich heraus, dass die Forscher nur durch Schlussfolgerungen, Ableitungen und Neuuntersuchungen bereits bekannter Quellen zu ihrem Urteil gelangt waren.

Im Jahr 2010 versuchte es Peking erneut. In einer spektakulären Ausstellung wurden im Hauptstadtmuseum 400 uralte, zumeist noch nie gezeigte Fundstücke aus Ausgrabungen ausgestellt. Doch der damalige Kurator Wang Wei, der gleiche Archäologe, der Ende Mai auch vor dem Politbüro sprach, machte einen Rückzieher.  Obwohl die Parteipresse behauptete, die Geschichte der chinesischen Zivilisation müsse neu geschrieben werden, nannten verantwortliche Wissenschaftler damals die Ausstellung eine Würdigung der 60-jährigen archäologischen Arbeit seit Gründung des Instituts für Archäologie 1950. Sie sei nicht dazu gedacht, eine neue Debatte über die Periodisierung der Geschichte anzustoßen.

Jade-Tafel aus einer Ausgrabung in Wuwei, Gansu (2021): Xi lässt die Zivilsation Chinas älter werden.
Jade-Tafel aus einer Ausgrabung in Wuwei, Gansu (2021)

Es gibt keinen Mangel an chinesischen Ausgrabungen in jüngsten Jahren, die zahllose Fundstücke, phantastische Bronzen, Jade-Ornamente, spektakuläre Kulturgüter ans Tageslicht gefördert haben. Sie entdeckten frühzeitliche menschliche Siedlungen, Grabanlagen, Wasserbau, Reis- und Agrarkulturen. Chinas Altertumsforscher aber halten sich an die gleichen Kriterien wie ihre ausländischen Kollegen, ab wann sie von einer ganzheitlichen Zivilisation sprechen. Zu deren Merkmalen gehören etwa Nachweise einstiger größerer Städte, eines Glaubenssystems, von Infrastrukturarbeiten, Sozialschichtungen in der damaligen Gesellschaft, sowie ein entwickeltes Schriftsystem. Viele der Ausgrabungen enthüllten einstige regional entwickelte Hochkulturen. Aber sie konstituierten offenbar noch nicht eine einheitliche chinesische Zivilisation.

Das Problem liegt wie bei allen Wissenschaften Chinas in ihrer politischen Vereinnahmung. Um seine absolute Herrschaft und die seiner Partei über China zu legitimieren, bettet Xi seine hundertjährige Partei in die Nachfolge der modernen chinesischen und sozialistischen Entwicklung bis zurück in die „mehr als 5000-jährige Entwicklungsgeschichte der chinesischen Zivilisation“ ein. In seiner „großen historischen Perspektive“ (大历史观)  ist für ihn alles „aus einem Guss mit Blick auf die Vergangenheit wie in die Zukunft“ (既向过去看,又向未来看), schreiben marxistische Sozialwissenschaftler.

Was aber, wenn sich nicht nachweisen lässt, ob Chinas Zivilisationsgeschichte so alt und so besonders anders ist, wie von Xi erhofft? Zumindest stellt er die Frage im Politbüro rhetorisch: „Was wäre an China dann noch besonders, wenn es keine mehr als 5.000 Jahre alte chinesische Zivilisation aufweist? Wie könnten wir dann heute so erfolgreich Chinas besonderen sozialistischen Weg gehen?“ (如果没有中华五千年文明,哪里有什么中国特色?如果不是中国特色,哪有我们今天这么成功的中国特色社会主义道路?) Eine Antwort bleibt Xi schuldig.

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