Themenschwerpunkte


Dialog am Abgrund

Von Christian Straube
Christian Straube über Wichtigkeit des Dialogs mit China.

Dialog mit China zeichnet sich durch mehr Facetten als eine Konferenz mit politischen Entscheidungsträger*innen für geladene Gäste in Peking aus. Er beinhaltet auch mehr als den öffentlichen Schlagabtausch von Bekenntnissen zwischen Politiker*innen aus China und Europa. Dieser sichtbare Dialog der „hohen Politik“ scheint genauso verzichtbar wie die Notwendigkeit von Reisen nach China.

Die Entwicklung des Dialogs zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen in den letzten zehn Jahren hat gezeigt, dass die Räume für den Austausch deutlich schwinden. Neue Regeln und Gesetze in China erdrücken den Dialog mit bürokratischem Aufwand und autoritärer Überwachung. Gleichzeitig zeigen die Begegnungen zwischen beiden Seiten aber auch, dass inhaltliche Schwerpunkte oft ähnlich gesetzt werden und es ein Interesse daran gibt, Themen wie zum Beispiel Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit weiterhin gemeinsam zu bearbeiten.

Gerade aufgrund der restriktiveren Politik unter Xi Jinping steigt der Bedarf an Chinakompetenz. Die Notwendigkeit des Dialogs mit zivilgesellschaftlichen Organisationen spielt dabei, auch mit Blick auf die Neuen Seidenstraßen, eine zentrale Rolle. Denn gerade die Zivilgesellschaft hat die wirtschaftliche Entwicklung des Landes miterlebt und mitgestaltet. Zivilgesellschaftliche Organisationen kennen die chinesischen Strukturen hinter z.B. den sozialen Auswirkungen von Großprojekten, dem Export fossiler Energieproduktion oder der urbanen Entwicklung in BRI-Ländern. Es braucht mehr Projekte, welche Dialogräume zwischen chinesischen und z.B. südostasiatischen Umweltorganisationen eröffnen.

Steigender Druck – auch durch die Polarisierung

Allerdings setzen sowohl die zunehmend einschränkenden Strukturen in China als auch die polarisierte Debatte in Deutschland mich und meine Arbeit als Dialogschaffender immer mehr unter Druck. Oftmals entsteht der Eindruck, dass „Dialog“ an sich bereits für aktive Kollaboration mit und passive Fremdsteuerung durch die Kommunistische Partei Chinas steht. Die Debatte in Deutschland entzieht mir die Sprache in meiner Arbeit als Kommunikator für zivilgesellschaftlichen Austausch.

Beispielhaft dafür ist der Direktor des GPPi, der selbst keinen regionalwissenschaftlichen Hintergrund hat, aber in häufig provokativen Meinungsbeiträgen den China-Diskurs in Deutschland mitprägt. Wäre dies mit Blick zum Beispiel auf unseren Nachbarn Frankreich überhaupt möglich? Wahrscheinlich nicht. Es ist zielführender sich an jenen Menschen mit Chinakompetenz aus Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu orientieren, die sich in ihrer praktischen Arbeit tagtäglich mit Aufenthalten in China und deren Rahmenbedingungen auseinandersetzen.

Die rechtlichen Strukturen in China dagegen fressen die Zwischenräume auf, die für meine Arbeit notwendig sind. Es ist eine Illusion anzunehmen, es gäbe einen „lupenreinen“ Dialog mit China. Die politische Ausgangslage sowie die Ausweitung von Parteistrukturen in Staat und Gesellschaft eröffnen ausschließlich Kanäle mit offizieller Beteiligung für den zivilgesellschaftlichen Dialog. Dabei handelt es sich meist um von der Kommunistischen Partei oder dem Staat initiierte Organisationen und Sicherheitsbehörden.

Die Pandemie macht den Dialog vor Ort zurzeit unmöglich. Digitale Alternativen lassen keine Zwischentöne mehr zu. Dialog ist hier nicht mehr als ein Austausch von Ansichten. Die Verschiebung in den digitalen Raum macht für alle, die mit China arbeiten, deutlich, wie sehr das persönliche Gespräch am Rande von Konferenzen, Workshops und Dialogmechanismen fehlt.

„Mit China reden“ statt „über China reden“

Sollte bei all diesen Schwierigkeiten das Fazit sein, in Zukunft nicht mehr nach China zu reisen? Nein. Es wäre das Ende für meine Arbeit als Kommunikator zwischen beiden Seiten. Der Knackpunkt ist vielmehr, wie viel Raum und Einfluss die offizielle Beteiligung in der jeweiligen Kooperation einnimmt und wie viel Zwischenräume bleiben, in denen den eigenen Werten folgend noch gearbeitet werden kann. Diese Abwägung ist nicht neu, sie begleitet mich seit meinem Sinologiestudium. Meine Erfahrung zeigt auch, dass viele Menschen in China sich in unterschiedlichsten zivilgesellschaftlichen Initiativen engagieren. Hinzureisen bedeutet daher Interesse an ihrem Mut zu bekunden und beim Gegenüber Neugier für die eigene Arbeit und Perspektive zu wecken.

Letztlich geht es beim Reisen nach China auch darum, Widerstand gegen den staatlich forcierten chinesischen Exzeptionalismus und die monolithische Darstellung Chinas im Diskurs zu zeigen. Dies gelingt jedoch nur, wenn wir „mit China reden“ und nicht, wenn wir wieder in das „über China reden“ zurückfallen. Nur im Dialog ist es möglich, den Diskursen über den Anderen, sowohl in Deutschland als auch in China, etwas Konkretes entgegenzusetzen. Abschließend gilt es festzuhalten, dass für meine Arbeit Reisen nach China sowie Begegnungen vor Ort unerlässlich sind. Erst diese Begegnungen führen zu gemeinsamer Wissensbildung und neuen Antworten auf die globalen Herausforderungen von heute.

Dr. Christian Straube ist Programm-Manager im China-Programm der Stiftung Asienhaus in Köln. Er hat an der Universität Heidelberg und der Tsinghua-Universität in Peking unter anderem Sinologie, VWL und Politikwissenschaft Südasiens studiert. Anschließend hat er für das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Sambia geforscht und an der Universität Halle-Wittenberg promoviert. Hier im China.Table äußert er eine persönliche Meinung.

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