Desmond Shum: „Epstein wollte China besser verstehen"

Desmond Shum galt als wichtiger China-Kontakt Jeffrey Epsteins. Im einzigen Interview, das er zum Thema geben möchte, erklärt der Geschäftsmann, nichts von Epsteins kriminellen Machenschaften gewusst zu haben. Epsteins umfassendes Netzwerk fasziniert ihn jedoch noch immer.

11. März 2026
Der Geschäftsmann Desmond Shum verkehrte einst eng mit Chinas Top-Kadern – und mit Jeffrey Epstein.

Die Epstein-Files legen nahe, dass Sie Jeffrey Epsteins wichtigster „China-Kontakt“ waren. Können Sie erzählen, wie Sie zum ersten Mal mit ihm in Berührung kamen? Und welchen Eindruck er damals auf Sie machte?

Bevor ich ihn traf, habe ich mich bei mehreren Leuten nach ihm erkundigt, weil ich ihn nicht kannte. Die Reaktionen gingen komplett auseinander, sie könnten fast gegensätzlicher nicht sein. Einige sagten: Den würde ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Halte dich so weit wie möglich von ihm fern. Andere wiederum meinten: Oh ja, absolut faszinierend – den solltest du unbedingt kennenlernen.

Ich bin keine öffentliche Person, also dachte ich mir: Wie schlimm kann es schon sein? Ich ging also zu seinem Haus – dem größten in Manhattan. Ich klingelte, und jemand, ich glaube seine Haushälterin, öffnete mir die Tür. Auf dem Boden lag ein Tigerfell in Lebensgröße, mitsamt Kopf. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: Was zum Teufel? Wird das Ding gleich lebendig? Es war eine sehr merkwürdige Erfahrung.

Seit Anfang der Zehnerjahre haben Sie E-Mails und Geschäftsvorschläge ausgetauscht. Wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Die Vorstellung, ich sei sein Zugang nach China gewesen, kommt wohl daher, dass ich derjenige war, mit dem er am meisten über China sprach. Aber alle meine E-Mails mit ihm sind öffentlich – und darin steht nichts Sensibles.

Wir haben gelegentlich am Rande über geschäftliche Dinge gesprochen, aber nie vertieft über ein konkretes Vorhaben. Meist wollte er China besser verstehen oder fragte nach bestimmten Personen, mit denen er sich vielleicht befassen wollte: Was halten Sie von diesem Menschen? So etwas in der Art.

Oft ging die Initiative eher von ihm aus als von mir. Ich bekam dann E-Mails wie: Wir haben uns lange nicht gesehen, können wir uns mal treffen? Viel mehr war da eigentlich nicht. Es war nie eine enge Beziehung.

Wie verliefen diese Treffen?

Jedes Treffen dauerte ungefähr eine Stunde, vielleicht anderthalb. Gespräche mit ihm eröffneten einem Einblicke, die man anderswo kaum bekommt. Und dann war da natürlich sein Netzwerk – es sprengte jede Vorstellungskraft: von Hollywood über Politiker und Wissenschaftler bis hin zu Wirtschaftsführern und NGO-Eliten.

Ich fand faszinierend, dass jemand sich so mühelos zwischen all diesen Kreisen bewegen konnte – rund um den Globus, quer durch Branchen und Milieus.

Ich erinnere mich an ein Gespräch in seiner Wohnung in Paris. Da sagte er: Gib mir zehn Minuten, ich habe einen Anruf vom Weißen Haus. Und ich dachte nur: Ist das echt oder will er einfach nur Eindruck machen?

Haben Sie sich nie gefragt, wie dieses Netzwerk zustande kam – etwa durch den Zugang zu jungen Frauen?

Um ganz offen zu sein: Er war oft von jungen Frauen umgeben. Sie waren jung, aber ich kann nicht sagen, ob sie 16, 18, 19 oder 20 waren. Ich habe nie jemanden gesehen, der für mich eindeutig minderjährig wirkte. Einige nannte er seine Assistentinnen. Nach dem, was ich selbst gesehen habe, war für mich nicht ersichtlich, dass darunter Minderjährige waren.

In den Medien wird oft suggeriert, dass jeder, der mit ihm in Kontakt stand, automatisch auch in dieselben Dinge verwickelt gewesen sein müsse. Aber nicht jeder hatte wegen junger Frauen mit ihm zu tun. Menschen fühlten sich aus ganz unterschiedlichen Gründen von ihm angezogen: manche wegen des Geldes, manche wegen dunklerer Interessen – und manche, so wie ich, schlicht wegen der Informationen und Perspektiven, die er bot.

War auch seine Perspektive auf China etwas Besonderes?

Um 2010, also in der Zeit, über die wir sprechen, hatte China bereits Einfluss auf praktisch jeden Bereich – Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, eigentlich alles. Er schien wirklich daran interessiert zu sein zu verstehen, wie China unterschiedliche Branchen und Lebensbereiche beeinflusst. Das war der Kern unserer Gespräche. Er war keineswegs naiv. Und ich bin sicher, ich war weder der Erste noch der Einzige mit China-Hintergrund, mit dem er darüber sprach.

Hat er Sie gebeten, ihn mit chinesischen Eliten oder Politikern bekannt zu machen?

Ich kann mich nicht daran erinnern, ihm jemals jemanden vorgestellt zu haben. Für chinesische Eliten zählt in erster Linie das „Guanxi“-Netzwerk innerhalb Chinas. Westliche oder internationale Akteure wünschen sich oft direkten Zugang zu chinesischen politischen Eliten – aber diese selbst haben daran in der Regel kein großes Interesse. Sprache, Umgangsformen und kulturelle Barrieren spielen dabei eine Rolle. Und aus Sicht dieser Eliten bringen Außenstehende oft wenig außer potenziellen Problemen. China ist ein geschlossenes System. Alles Wichtige geschieht hinter verschlossenen Türen, noch einmal abgeschirmt hinter einem Vorhang.

Nicht einmal jemand wie Epstein mit all seinen Kontakten hatte chinesischen Eliten etwas zu bieten?

Nun ja, vieles von dem, was er anzubieten hatte, war vage, gerüchtehaft und unscharf. Er behauptete zum Beispiel, drei Tage mit Gates verbracht zu haben – aber ich selbst habe Gates nie zusammen mit ihm getroffen. Man hörte ständig solche großen Namen, aber man wusste nie genau, wie belastbar oder real diese Verbindungen tatsächlich waren.

Hatten Sie Kontakt zu David Stern, dem Deutschen, der Epstein ebenfalls Zugang zu Geschäften in China eröffnet haben soll?

Nein. Ich habe ihn nie getroffen und weiß nichts über ihn.

In China wird der Epstein-Skandal inzwischen teilweise als letzter Nagel im Sarg des amerikanischen Traums dargestellt.

Das passt in ein größeres Narrativ, das sich in den vergangenen zehn Jahren immer stärker durchgesetzt hat: Xi Jinpings Formel vom „aufsteigenden Osten und dem absteigenden Westen“. Das politische System wird zunehmend in dieser Logik beschrieben – der Westen erscheint darin als Kraft im Niedergang.

Desmond Shum 沈棟, 1968 in Shanghai geboren und in Hongkong aufgewachsen, ist Geschäftsmann und Immobilienexperte. Seine Ex-Partnerin Whitney Duan gehörte einst zu Chinas reichsten Unternehmerinnen und wurde 2017 inhaftiert. Shum veröffentlichte 2021 das Buch Chinesisches Roulette über ihre Geschichte und seine Erfahrungen mit Pekings politischen Eliten. In den Epstein‑Files ist Shum der wichtigste direkte „China-Kontakt“ von Epstein. In E‑Mail‑Korrespondenzen besprachen sie mögliche Projekte wie Offshore‑Banking und vereinbarten Treffen. Konkrete Geschäftsabschlüsse oder finanzielle Transaktionen seien daraus nicht entstanden, sagt Shum, der heute in England lebt.

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Letzte Aktualisierung: 11. März 2026