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Magnesium-Mangel bedroht Industriezweige in Europa

Chinas Stromkrise zieht immer weitere Kreise. Nun geht der Welt das Nichteisenmetall Magnesium verloren, da zwei chinesische Provinzen die Produktion bis Jahresende gestoppt oder reduziert haben, um ihre Energiesparziele zu erreichen. Der Sektor ist dafür verlockend, denn die Gewinnung dieses Metalls ist sehr energieintensiv.

Magnesium ist ein wesentlicher Rohstoff der Aluminium-Industrie. Es erhöht als sogenanntes Legierungsmittel die Festigkeit des Aluminiums. Und China hat mit einem Anteil von 87 Prozent an der globalen Magnesiumproduktion heute ein nahezu vollständiges Monopol. Etwa 45 Prozent aller chinesischen Ausfuhren sind für Europa bestimmt. China stillt 95 Prozent des europäischen Bedarfs. Europa ist also besonders schwer getroffen. Die USA haben immerhin noch einen eigenen Produzenten, US Magnesium.

Die Magnesiumproduktion in China ist so stark konzentriert, dass eine einzige Region diese Krise auslösen konnte. Ein Großteil des Metalls stammt aus einer einzigen Stadt namens Yulin in der Provinz Shaanxi. Anfang Oktober ordnete die lokale Regierung die Schließung von 35 ihrer 50 Magnesiumhütten bis Ende des Jahres an. Den Rest forderte sie auf, die Produktion um 50 Prozent zu drosseln. Auch in kleineren Produktionsstandorten der benachbarten Provinz Shanxi gibt es ähnliche Vorgaben.

China: Herstellung von Magnesium und Aluminium gedrosselt

Dazu muss man wissen, dass zur Herstellung vieler Nichteisenmetalle vor allem Strom benötigt wird – und weniger Brennstoffe. Um eine Tonne Magnesium zu produzieren, fallen satte 35-40 Megawattstunden (MWh) Elektrizität an. Für eine Tonne Primäraluminium sind es zwischen 15 und 20 MWh pro Tonne. Andere Metalle wie Kupfer, Zink oder Blei benötigen viel weniger Strom.

Neben Magnesium-Produktionen wurden daher auch Aluminiumschmelzen zur Drosselung ihrer Produktion aufgefordert, etwa in Yunnan, Guangxi und Xinjiang. Mehr als zwei Millionen Tonnen aktiver Alu-Kapazität waren seit September betroffen, schreibt die Analystin Yao Wenyu von der Bank ING. Yao sieht dies in direkter Verbindung mit den Klimazielen der Regierung – zumal bei Aluminium laut ihrer Studie der Ausstoß von Treibhausgasen pro Tonne wesentlich höher ist als bei allen anderen Metallen.

Bei Magnesium kommt erschwerend hinzu, dass es nicht lange gelagert werden kann: Es beginnt nach drei Monaten zu oxidieren. Die jetzigen Vorräte in Deutschland und Europa seien spätestens Ende November 2021 erschöpft, erwartet die Wirtschaftsvereinigung (WV) Metalle. „Die Lage ist schwer einzuschätzen“, sagt VW Metalle-Hauptgeschäftsführerin Franziska Erdle zu China.Table. „Denn die Unternehmen wissen nicht, ob die noch zugesicherten Lieferungen, die auf dem Schiffsweg nach Europa sein sollen, auch tatsächlich ankommen.“

Die Lieferengpässe gefährden die gesamte globale Aluminium-Wertschöpfungskette. Zumal auch die Preise gewaltig steigen: Importiertes Magnesium kostet in Europa heute rund 9000 US-Dollar pro Tonne, 75 Prozent mehr als vor einem Monat. Hinzu kommen die steigenden Strompreise infolge der globalen Energiekrise. Vom Magnesiummangel sind Branchen wie Auto, Bau, Verpackung oder Maschinenbau betroffen. Abseits vom Aluminium findet Magnesium zudem auch in der Eisen- und Stahlerzeugung sowie im Druckguss Verwendung.

Besonders betroffen ist die bereits vom weltweiten Chipmangel gebeutelte Autoindustrie (China.Table berichtete). 35 Prozent der Nachfrage nach Magnesium sei für Autobleche, zitiert die Financial Times den Barclays-Analysten Amos Fletcher. Bei Alu-Blechen gebe es für das Material keinen Ersatz: „Wenn die Magnesiumversorgung versiegt, wird möglicherweise die gesamte Automobilindustrie zu einem Halt gezwungen.“ Alu-Legierungen mit Magnesium kommen neben den Blechen auch in Getrieben, Lenksäulen, Sitzrahmen und Tankdeckeln zum Einsatz.

Magnesiumkrise: Verbände fordern Verhandlungen mit China

Die WV Metalle und andere Verbände forderten die Bundesregierung daher auf, „dringend diplomatische Gespräche mit China einzuleiten.“ Man erwarte eine Lage ähnlich der Chip-Krise. Magnesium steht seit 2017 auf der Liste der kritischen Rohstoffe der EU. Politisch-strategische Überlegungen und Maßnahmen zur Sicherstellung des Lieferflusses blieben laut WV Metalle bislang jedoch aus.

Parallel forderte der Verband European Aluminium, dem viele Großkonzerne wie Norsk Hydro oder Alcoa angehören, die EU-Kommission auf, mit China zu verhandeln. Magnesium sollte in denselben Foren diskutiert werden wie die Halbleiter. Die aktuelle Krise sei „ein klares Beispiel für das Risiko, das die EU eingeht, indem sie ihre Binnenwirtschaft von chinesischen Importen abhängig macht“, kritisierte der Verband in einem Positionspapier. Die EU sei zum Thema bereits in Kontakt mit China, sagte ein Offizieller dem US-Nachrichtenportal Politico, ohne Details zu nennen.

Magnesium sei nur ein Stoff in einer langen Liste von Produktionsverlusten seit Anfang der 1990er Jahre. so European Aluminium. Die Produktion von Primäraluminium – also neuem, nicht recyceltem Alu – habe seit 2008 mehr als 30 Prozent ihrer Kapazität verloren. „Parallel dazu hat China die Alu-Produktionskapazitäten kontinuierlich erhöht“, so das Positionspapier. Der Anteil Chinas an der weltweiten Magnesiumproduktion sei von 12 Prozent in 2000 auf die heutigen 87 Prozent gestiegen – bei einem Marktvolumen von inzwischen 1,2 Millionen Tonnen pro Jahr.

2001 hatte Europa die letzte heimische Magnesiumproduktion aus Kostengründen aufgegeben, da sie mit billigen Importen aus China nicht mithalten konnten. Diese Einfuhren bezeichnen WV Metalle und European Aluminium heute als „Dumping“. „Magnesium ist kein seltener Rohstoff. Er kommt weltweit vor“, sagt Erdle. „Die Herstellung in Europa ist jedoch auf wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen angewiesen.“ Diese seien in Europa nicht gegeben. Einer Wiederansiedlung der energieintensiven Produktion in der EU stehen nach Ansicht des Verbands die „aktuell drastisch gestiegenen Industriestrompreise und die unabsehbare Entwicklung der Energiekosten“ entgegen.

Die Magnesiumkrise ist letztlich ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Europa in einer anderen Zeit relativ gedankenlos von Lieferungen aus China abhängig gemacht hat. In den Nullerjahren stand globale Arbeitsteilung hoch im Kurs. Niemand wollte teurere Vorprodukte kaufen, bloß weil sie daheim produziert wurden. Um den Nachschub sorgte man sich nicht – also wurde die heimische Fertigung auch nicht etwa durch EU-Schutzzölle auf chinesische Magnesium-Importe geschützt. Ähnliche Probleme gibt es etwa bei Seltenen Erden, deren schmutzige Gewinnung im Westen wegen der Umweltschäden aufgegeben wurde. Auch das führte zu einer marktbeherrschenden Stellung Chinas bei den eigentlich gar nicht so „seltenen“ Mineralien.

Auswege aus der Krise

Belastbare Informationen über weitere Bezugsquellen für Magnesium außerhalb Chinas liegen WV Metalle nach eigenen Angaben nicht vor. Kurzfristig müssen sich also alle mit der Lage arrangieren. Der Verband fordert aber langfristig „eine industriepolitische Strategie Deutschlands für den gesicherten Zugang zu Industriemetallen.“ Gemeinsam mit der EU müssten „mittel- und langfristige wirksame Maßnahmen zur Aufrechterhaltung funktionierender und zukunftsfähiger Wertschöpfungsketten ergriffen werden.“ European Aluminium forderte etwas direkter formuliert Maßnahmen zur Verteidigung gegen unfair subventionierte Importe aus China.

Ein weiterer Ausweg könnte eine weitere Stärkung der Kreislaufwirtschaft sein. In Deutschland wird schon heute mehr recyceltes Aluminium produziert als Neualuminium. So werden etwa im Verkehrs- und Bausektor 95 Prozent wiederverwendet. Auch Verpackungen werden zu etwa 90 Prozent recycelt. Die Herstellung dieses sogenannten Sekundäraluminiums benötigt gerade einmal fünf Prozent der Energie wie für Primäraluminium. In den USA durchflöhen Hersteller laut der Financial Times verstärkt Aluschrott nach Magnesium, das extrahiert werden kann. Vielleicht ließe sich als vorübergehende Alternative mehr Aluschrott zum Recyceln aus dem Ausland importieren. Ob das nötig wird, hängt von der weiteren Entwicklung der Lage ab.

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