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Börsen aller Länder, vereinigt euch!? Warum Europas Kapitalmarkt Wettbewerb braucht

Europa investiert Milliarden in seine Zukunft. Doch ohne funktionierenden Kapitalmarkt droht der Aufbruch zu scheitern. Warum weniger Regulierung, mehr Anlegerkultur und Börsenwettbewerb nötig sind, argumentiert Scalable-Capital-CEO Erik Podzuweit.

03. Januar 2026
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Erik Podzuweit ist Gründer und Co-CEO der Investment- und Bankingplattform Scalable Capital. (Fabian Zapatka)

Europa hat 2025 eine Zeitenwende eingeleitet. Mit massiven Investitionen in Sicherheit, Infrastruktur und technologische Souveränität soll verhindert werden, dass der Kontinent im geopolitischen Spannungsfeld zwischen den USA und China zurückfällt. Doch politischer Wille und schuldenfinanzierte Milliardenprogramme allein reichen nicht aus. Damit der europäische Aufbruch nachhaltig Wachstum, Wertschöpfung und Wohlstand schafft, braucht es tiefgreifende strukturelle Reformen – vor allem einen leistungsfähigen Kapitalmarkt.

Ein zentrales Hindernis bleibt der regulatorische Flickenteppich in Europa. Gerade bei Zukunftsthemen wie Automatisierung, Elektrifizierung, Energiemanagement oder Hightech-Anlagenbau verfügt Europa über eine starke industrielle Basis und hohes Innovationspotenzial. Doch der Weg von der Idee zum Kapital ist unnötig kompliziert. Bereits im Wertpapierhandel zeigt sich das Problem: Nur weil ein Finanzinstrument in einem EU-Land handelbar ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch an anderen europäischen Börsen quotiert werden darf. Nationale Vorschriften verhindern häufig Listings oder sogar die technische Anbindung von Handelssystemen. Hier braucht es dringend europäische Standardisierung – nicht mehr, sondern bessere und weniger Regeln.

Ähnlich schwierig ist die Lage bei Börsengängen. Trotz positiver Marktentwicklung wagten in den vergangenen zwei Jahren lediglich fünf deutsche Unternehmen den Schritt an die Börse im Prime Standard. Das liegt nicht zuletzt an ausufernder Regulierung und Berichtspflichten, die für viele Mittelständler und junge Unternehmen kaum zu bewältigen sind – bei begrenztem Mehrwert für Anleger. Noch schwerer wiegt jedoch die schwach ausgeprägte Investmentkultur. Während Aktien in den USA dank steuerlich geförderter Vorsorgeprogramme seit Jahrzehnten ein selbstverständlicher Teil der Altersvorsorge sind, bleibt der Kapitalmarkt in Europa für breite Bevölkerungsschichten fern.

Diese unterentwickelte Anlegerbasis hat konkrete Folgen. Deshalb ging ein Innovationschampion wie BioNTech an die Börse in New York statt in Deutschland. Privater Vermögensaufbau wurde hierzulande lange eher erschwert als gefördert, etwa durch steuerliche Verschärfungen. Wer den Kapitalmarkt stärken will, muss mehr Menschen beteiligen: durch einfache und transparente Anlageangebote, durch kapitalgedeckte Elemente in der Altersvorsorge sowie durch entschlossene Steuer-, Sozial- und Strukturreformen. Andernfalls fließt das neu mobilisierte Kapital dorthin, wo die Rahmenbedingungen attraktiver sind – vor allem in die USA.

Der Ruf von Bundeskanzler Friedrich Merz nach einer zentralen „European Stock Exchange“ greift dabei zu kurz. Eine solche Superbörse würde den Wettbewerb einschränken und damit Investoren wie Unternehmen schaden. Nicht ohne Grund hat die EU-Kommission Börsenfusionen in der Vergangenheit kritisch gesehen. Wettbewerb belebt das Geschäft – auch an der Börse. Die Vielfalt der europäischen Handelsplätze sorgt für enge Spreads, aktives Market Making, moderne Handelssysteme, lange Handelszeiten und günstige Konditionen, insbesondere für Privatanleger.

Entgegen einem verbreiteten Irrglauben leidet die Liquidität nicht unter der Vielzahl von Handelsplätzen. Elektronischer, globaler Handel sorgt vielmehr dafür, dass fragmentiert gehandelte Aktien häufig die höchste Liquidität und die geringsten Geld-Brief-Spannen aufweisen – selbst in volatilen Marktphasen. Eine einzige Börse würde Anlegern in Stresssituationen dagegen die Wahl nehmen: entweder zu ungünstigen Preisen zu handeln oder gar nicht.

Der Wettbewerb zwischen den Handelsplätzen sorgt für Wachstum, etwa bei kostengünstigen börsengehandelten Index-Fonds (ETFs). Nicht zuletzt wegen der auf Privatanleger fokussierten Retail-Börsen ist Deutschland mit 14,5 Millionen ETF-Sparern der stärkste europäische Markt, während das Vereinigte Königreich mit seiner zentralistischen Börsenstruktur auf dem letzten Platz liegt, was die ETF-Durchdringung angeht. Ein starkes Europa braucht keinen Börsen-Koloss, sondern eine lebendige Konkurrenz der besten Plattformen, um das Kapital dorthin zu leiten, wo die Wertschöpfung von morgen entsteht.

Erik Podzuweit ist Gründer und Co-CEO der Investment- und Bankingplattform Scalable Capital.

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Letzte Aktualisierung: 03. Januar 2026