Wie Künstliche Intelligenz zum Risiko für die Finanzstabilität werden könnte

Die EZB warnt vor neuen Risiken durch Künstliche Intelligenz für die Finanzstabilität. Doch nicht alle Experten teilen die Sorgen vor einem neuen systemischen Risiko.

30. Mai 2026
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Droht durch den zunehmenden Einsatz von KI ein neues Risiko für Europas Banken? (Imago Images)

Als die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch ihren Financial Stability Review vorstellte, ging es vordergründig um die zunehmenden Unsicherheiten durch den Krieg im Nahen Osten, der einerseits die Inflation antreibt und andererseits das Wachstum belastet. Darüber hinaus zeichnete die Notenbank zwischen den Zeilen jedoch ein Drohszenario möglicher Risiken für die Finanzmarktstabilität durch den zunehmenden Einsatz und die rasanten Fortschritte durch Künstlicher Intelligenz.

„Cyberrisiken gewinnen immer mehr an Bedeutung“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos, dessen Amtszeit Ende Mai endet. Die Botschaft sei eindeutig: „Wir müssen mehr investieren – und zwar flächendeckend. Nicht nur große Banken, sondern auch kleinere Institute.“ Letztlich seien alle Häuser betroffen und damit potenziell systemrelevant.

Wie ernst die Lage inzwischen genommen wird, zeigt ein kurzfristig einberufenes Treffen der EZB mit großen Banken am Dienstag. Unter Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden der Bankenaufsicht, Frank Elderson, warnte die EZB die Institute vor den Risiken neuer KI-Systeme wie „Claude Mythos Preview“ und ähnlichen Modellen. Das System zählt zu einer neuen Generation leistungsfähiger KI-Anwendungen, deren Einsatzmöglichkeiten derzeit auch im Finanzsektor intensiv diskutiert werden.

Das Problem: Während US-Institute im Rahmen des Projekts „Glasswing“ bereits erste Zugänge zu der Technologie erhalten haben, sind viele europäische Banken bislang ausgeschlossen. Das Projekt gilt als wichtiger Praxistest für den Einsatz neuer KI-Systeme im Finanzsektor. Die EZB drängt daher darauf, dass Erkenntnisse aus diesen Tests stärker geteilt werden. Bei dem Treffen präsentierte nach Informationen von Table.Briefings daher eine große US-Bank ihre Erfahrungen mit einem solchen Modell.

Hinzu kommt, dass die Risiken Künstlicher Intelligenz deutlich über einzelne Cyberbedrohungen hinausgehen könnten, wie eine aktuelle Analyse von Ökonomen aus dem Umfeld der EZB zeigt. In simulationsbasierten Untersuchungen kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass nicht nur wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sondern auch die Architektur von KI-Systemen selbst die Stabilität der Finanzmärkte beeinflusst.

Demnach zeigen lernbasierte Systeme, wie sie etwa im algorithmischen Handel eingesetzt werden, eine starke Neigung zur Koordination. So kann es beispielsweise vorkommen, dass mehrere KI-Systeme einen moderaten Kursrückgang gleichzeitig als Verkaufssignal interpretieren. Die daraus resultierenden Verkäufe verstärken den Preisverfall und können weitere automatische Reaktionen auslösen. Für Unternehmen sind solche Kursverluste nicht nur ein Problem für die Aktionäre. Sie können die Finanzierung verteuern und das Vertrauen von Investoren schwächen, obwohl sich die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Unternehmens gar nicht verändert hat. Ähnlich wie bei einem Bank Run entsteht die Dynamik dabei nicht durch schlechtere Fundamentaldaten, sondern durch sich selbst verstärkende Reaktionen der Marktteilnehmer.

Florian Heider, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung, relativiert im Gespräch mit Table.Briefings die Warnungen der Zentralbank: „Man muss zwar bei KI genau hinschauen, aber dass Handelsalgorithmen sich ähnlich verhalten und dadurch Marktbewegungen verstärken können, ist ein bekanntes Problem. Ein grundsätzlich neues systemisches Risiko sehe ich darin im Moment aber nicht.“

Zugleich verweist Heider darauf, dass sich die Finanzmärkte zuletzt als robust erwiesen haben: „Wir hatten in den vergangenen Jahren viele potenzielle Auslöser für Finanzinstabilität – etwa hohe Energiepreise, den Krieg in der Ukraine oder den Nahostkonflikt. Trotzdem ist es nicht zu einer systemischen Krise gekommen.“

Außerdem haben nach seiner Einschätzung gerade deutsche Banken Cyberrisiken „sehr genau auf dem Schirm“. Die Commerzbank verweist auf Anfrage darauf, dass Künstliche Intelligenz bereits heute „messbaren Mehrwert“ schaffe und ein wichtiger Treiber für Wachstum und Effizienz sei. Mögliche Risiken habe das Institut dabei jedoch im Blick und behandle das Thema mit hoher Priorität. „Unsere Sicherheitsmaßnahmen überprüfen wir ständig und halten sie fortlaufend auf dem aktuells

Auch die ING Deutschland betont auf Anfrage die Chancen von KI für die Cybersicherheit. Zwar verändere die Technologie die Bedrohungslage durch neue Betrugsformen und komplexere Cyberangriffe. Gleichzeitig ermögliche sie es aber, Betrugsmuster früher zu erkennen, Angriffe präziser zu analysieren und Sicherheitsmechanismen kontinuierlich zu verbessern. Die Aufmerksamkeit der Aufseher sei daher „wichtig und sinnvoll“. Entscheidend seien jedoch ein verantwortungsvoller Einsatz, klare Governance-Strukturen und hohe Sicherheitsstandards.

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Letzte Aktualisierung: 30. Mai 2026