Wie die USA durch KI ihren Wachstumsvorsprung zementieren

Die USA führen bei der Nutzung von KI im Arbeitsplatz deutlich vor Europa. Dieser Vorsprung führt bereits zu messbaren Effizienzgewinnen und könnte den wirtschaftlichen Abstand weiter vergrößern.

04. April 2026
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Nur wenn europäische Unternehmen künstliche Intelligenz stärker in den Arbeitsalltag integrieren, lässt sich der Rückstand zu den USA eingrenzen. Denn die USA dominieren nicht nur die Entwicklung großer Sprachmodelle. Auch beim Einsatz von KI in den Unternehmen liegen sie deutlich vor Europa. Ein aktuelles Paper des US-Thinktanks National Bureau of Economic Research (NBER) zeigt eine klare Lücke bei der Nutzung von KI am Arbeitsplatz. Anfang 2026 verwenden in den USA demnach rund 43 Prozent der Beschäftigten KI bei ihrer Arbeit. In europäischen Ländern liegt der Anteil dagegen nur bei etwa 32 Prozent.

Der Abstand wird noch deutlicher, wenn man die Intensität der Nutzung betrachtet. In den USA wird KI bereits in rund fünf Prozent der gesamten Arbeitszeit eingesetzt. In Ländern wie Großbritannien, Schweden und den Niederlanden ist es etwa halb so viel. In Deutschland, Frankreich und Italien liegt die Nutzung sogar nur bei unter einem Drittel des US-Niveaus.

Der Rückstand Europas liegt weniger am Zugang zur Technologie als an der Nutzung in den Unternehmen. „KI ist überall verfügbar. Der Unterschied entsteht im Management. In den USA werden Beschäftigte aktiv ermutigt, KI auszuprobieren und in ihre Arbeit zu integrieren, und genau diese Förderung erklärt nahezu den gesamten Adoptionsvorsprung“, erklärt Studienautorin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Nicola Fuchs-Schündeln, Table.Briefings.

Fuchs-Schündeln warnt, dass sich diese Unterschiede weiter verstärken könnten. „Die Entwicklung divergiert zunehmend, denn die Länder mit hoher Nutzung legen auch beim Wachstum zu. Wenn dieser Trend anhält, wird der Unterschied in den kommenden Jahren sogar noch größer.“

Der Einsatz von KI führt bereits zu messbaren Effizienzgewinnen. Generative KI lasse sich deutlich schneller in Arbeitsprozesse integrieren als frühere digitale Technologien. „Generative KI ist extrem niedrigschwellig: Sie ist kostengünstig, sofort nutzbar und entfaltet Produktivitätseffekte deutlich schneller als frühere Technologieschübe. Während es nach der Einführung des PCs Jahre brauchte, sehen wir bei KI schon nach 24 Monaten spürbare Effizienzgewinne“, sagt Fuchs-Schündeln. Laut Studie berichten aktive Nutzerinnen und Nutzer in den USA von rund fünf Prozent Zeitersparnis pro Woche. Auf alle Beschäftigten hochgerechnet ergibt sich daraus ein Produktivitätsgewinn von etwa zwei Prozent.

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Die wirtschaftlichen Folgen könnten langfristig erheblich sein. Bereits heute liegen die USA gemessen am BIP pro Kopf deutlich vor Europa (siehe Grafik). Auch beim Potenzialwachstum zeigt sich eine große Lücke. Während in Deutschland das Potenzialwachstum auf rund 0,4 Prozent geschätzt wird, liegt es in den USA bei etwa 2,5 Prozent. Zum Vergleich: Allein Investitionen in KI könnten dort zusätzlich rund 0,4 Prozentpunkte Wachstum pro Jahr bringen.

Dass die US-Wirtschaft seit Jahren stärker wächst als die Europäische Union, hat nach Einschätzung vieler Ökonomen strukturelle Gründe. Auf dem Zukunftsforum in Baden-Baden verwies der ehemalige Finanzminister Jörg Kukies darauf, dass in den USA deutlich mehr Risikokapital in Technologieunternehmen fließt. Während Venture-Capital-Investitionen in den USA laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, liegen sie in Europa nur bei etwa 0,2 bis 0,3 Prozent. Dieser Unterschied verstärke laut Kukies über längere Zeiträume den Wachstumsvorsprung zusätzlich, weil sich Innovation und Kapital über Jahre kumulieren.

Auch bei KI zeigt sich laut Kukies, der ab November das Deutschland- und Österreichgeschäft der US-Bank Morgan Stanley leiten wird, ein ähnliches Muster. Weltweit würden Investitionen von rund 2,5 Billionen US-Dollar in KI fließen, Europa ziehe jedoch nur einen einstelligen Prozentanteil davon an. Ein weiteres Problem sieht Kukies in der Regulierung. Selbst erfolgreiche europäische Unternehmen wie das französische KI-Start-up Mistral stießen trotz Milliardenbewertung und großer juristischer Ressourcen immer wieder auf regulatorische Hürden. Dadurch könnten neue Markteintrittsbarrieren entstehen, insbesondere für junge Technologieunternehmen.

Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln sieht Europas wirtschaftliche Zukunft dennoch nicht allein von Regulierung abhängig. Europa brauche Wachstum sowohl aus ökonomischen als auch aus geopolitischen Gründen. Regulierung könne Vertrauen schaffen und Risiken begrenzen, reiche allein aber nicht aus. „Der entscheidende Hebel liegt bei den Unternehmen: Sie müssen KI in ihre Arbeitsprozesse integrieren und ihre Beschäftigten aktiv zur Nutzung ermutigen.“

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Letzte Aktualisierung: 04. April 2026