Was die deutsche Konjunktur wirklich bremst

Ökonomen sehen die Ursache für fehlendes Wachstum weniger in Energiepreisen, sondern in der langsamen Umsetzung von Investitionen aus dem Sondervermögen. Die EZB beobachtet die Entwicklung mit datenabhängiger Geldpolitik.

21. März 2026
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Im Bundesfinanzministerium setzt man darauf, dass staatliche Investitionen private Investitionen anstoßen. (Dpa)

Wenn Deutschland in diesem Jahr nicht wächst, dann liegt das nach Ansicht von Ökonomen weniger am Ölpreisschock, sondern daran, dass die Gelder aus dem Sondervermögen nicht zu höheren Investitionen führen. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING, sagte Table.Briefings: „Einen stagflationären Schock mit vier Quartalen ohne Wachstum sehe ich derzeit nicht. Das Geld aus dem Sondervermögen ist weiterhin im System und entscheidend ist, ob es schnell und zielgerichtet in Investitionen fließt.“

Ob das Sondervermögen tatsächlich zu höheren Investitionen führt, darüber stritten in dieser Woche zwei Wirtschaftsforschungsinstitute und das Finanzministerium öffentlich. Das IW sieht 2025 zusätzliche Investitionen von rund zwei Milliarden Euro, das ifo kommt sogar nur auf 1,3 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. Das Finanzministerium dagegen verweist auf ein Plus von 12,3 Milliarden Euro gegenüber 2024, weil es finanzielle Transaktionen wie Darlehen und Beteiligungserwerbe als Investitionen verbucht. Entscheidend ist, dass sich der Mittelabfluss in diesem Jahr beschleunigt: ifo‑Präsident Clemens Fuest appellierte an die Politik, das Sondervermögen künftig ausschließlich für zusätzliche wachstumsfördernde Investitionen auszugeben.

Gleichzeitig bleibt die Konjunktur aufgrund der höheren Energiepreise unter Druck, wenn auch nicht in einem Ausmaß wie im Jahr 2022. Der Anstieg der Energiepreise bremst zwar das deutsche Wachstum, ein großer Inflationsschock zeichnet sich jedoch nicht ab. „Höhere Energiepreise sieht man sofort an der Tankstelle und das dämpft auch den Konsum. Aber eine Wiederholung eines so starken Inflationsanstiegs wie 2022 ist derzeit nicht zu erwarten“, so Brzeski.

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Bei der Europäischen Zentralbank ist man auf eine Energiekrise vorbereitet, ohne Alarmismus zu verbreiten. Die EZB ließ am Donnerstag die drei Leitzinsen unverändert und betonte den datenabhängigen Ansatz angesichts höherer Energiepreise und erhöhter Unsicherheit. EZB‑Präsidentin Christine Lagarde sagte auf der Pressekonferenz: „Wir beobachten die Lage genau, und unser datenabhängiger Ansatz wird uns dabei helfen, die Geldpolitik angemessen festzulegen.“ Für Experten ist das ein Hinweis auf eine straffere Ausrichtung, aber: „Wir legen uns nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest“, so Lagarde.

Die Märkte rechnen inzwischen mit ein bis zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr. „Die Markterwartungen haben sich gedreht: Statt Zinssenkungen rechnet der Markt inzwischen wieder mit ein bis zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr“, sagte Vonovia‑CFO Philip Grosse Table.Briefings. Das hat direkte Folgen: „Dadurch sind unsere Refinanzierungskosten um rund 30 Basispunkte gestiegen – das liegt noch in der üblichen Volatilität.“

Zur Einordnung: Kapitalmarktzinsen reagieren früh auf den erwarteten Kurs der Geldpolitik und laufen den EZB‑Leitzinsen in der Regel voraus. Die Zinswende ist dort daher bereits eingepreist. Brzeski von der ING präzisiert diese Perspektive: „Bei den Kapitalmarktzinsen gehe ich davon aus, dass wir ein Plateau erreicht haben. Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit für Senkungen größer als für weitere Erhöhungen.“ Er rät Unternehmen, Investitionsentscheidungen nicht von wenigen Basispunkten abhängig zu machen.

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Letzte Aktualisierung: 21. März 2026