Leapfrogging: Wie Deutschland technologisch nach vorne kommt

Deutschland braucht mehr wirtschaftlichen Zusammenhalt und Mut zum Experimentieren, um technologische Abhängigkeit von US-Anbietern zu überwinden. KI bietet die Chance, als "Leapfrog-Moment" international wettbewerbsfähig zu bleiben.

24. März 2026
Diskutierten mit anderen in Berlin: Der frühere Innenminister Thomas de Maizière, Astrid Lambrecht vom Forschungszentrum Jülich, Bundesdigitalminister Karsten Wildberger und SAP-Vorstand Thomas Saueressig. (Dirk Enters)

Um international wettbewerbsfähig zu bleiben und etwa im Cloud-Bereich oder bei KI nicht von den Angeboten der großen US-Anbieter abhängig zu sein, braucht es in Deutschland mehr wirtschaftlichen Zusammenhalt, mehr Mut zum Experimentieren und Regulierung, die dies auch ermöglicht – bis hin zu Sonderwirtschaftszonen. Das ist der Tenor des High-Level-Round-Table am Montagabend im Table.Briefings-Café. Wie dringend all das gebraucht wird, verdeutlicht Christoph Eltze, Mitglied des Vorstands und Chief Digital and Technology Officer der Rewe Group: „Es gibt derzeit keine Alternativen zu Microsoft und Google.“ Und weiter: „Als Unternehmen würden wir bei KI-Anwendungen gerne auf hiesige Angebote zurückgreifen. Aber wir sind auch verpflichtet, die Lösungen zu wählen, die für uns das beste Ergebnis liefern.“ Und die kommen aus den USA.

Die Abhängigkeit ist längst systemisch. „Bei Cloud-Anwendungen setzen wir aktuell im Wesentlichen auf Google – arbeiten aber auch mit weiteren Hyperscalern zusammen“, sagt Eltze. Auch wer digital souverän ist, könne anerkennen, dass es Firmen oder Länder gibt, die bei digitalen Anwendungen weiter sind als europäische Anbieter. Im Bereich der großen Sprachmodelle habe Europa nichts, das zum Beispiel in spezifischen Anwendungsfällen mit Claude mithalten könne. „Und wenn wir im Wettbewerb vorne bleiben wollen, können wir nicht auf weniger leistungsfähige KI-Modelle setzen.“

Um für echte Alternativen zu sorgen, braucht Deutschlands Tech-Welt mehr Freiheit. „Wir müssen davon wegkommen, alle Eventualitäten im Vorhinein regeln zu wollen. Bei den Themen Digitalisierung und künstlicher Intelligenz muss die ex-ante-Gesetzgebung einer ex-post-Gesetzgebung weichen“, sagt Stepstone-CEO Sebastian Dettmers. Und legt auch gleich einen konkreten Vorschlag auf den Tisch: „Sonderwirtschaftszonen bringen mehr Freiraum. Dann sieht man, was passiert. Und dann sollten wir nur das Regulieren, wo tatsächlich Probleme entstehen – nicht, wo sie möglicherweise entstehen.“

Mit Blick auf das Zulassen neuer Technologien brauche es große Veränderungen in Europa. „Wir müssen es ermöglichen, dass in Deutschland und Europa wirklich kompetitive Firmen entstehen“, so Dettmers weiter. „Das ist die Rolle, die dem Staat zukommt: nicht die Dinge selbst zu entwickeln, sondern diese Zonen zuzulassen.“

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Deutschland habe ein Skalierungsproblem. Insbesondere mit Blick auf Entwicklung aus der Forschung plädierte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger auf eine konkretere Ausrichtung auf verwertbare Ergebnisse und langfristige Ziele: „Wir reden zu oft über Projekte, wir reden aber nicht über Produkte.“ Die Dringlichkeit zur Veränderung sei groß – und in der Politik angekommen. „Das Entscheidende ist, dass wir beim Thema künstliche Intelligenz auch vorne dabei sind, weil wenn wir diese Technologie verschlafen, dann ist das irreversibel.“

Der Staat solle aber nicht für alles verantwortlich sein. „Wir erwarten und verlangen vom Staat zu viel. Wir brauchen wieder mehr Selbstverantwortung. Dazu müssen wir den Unternehmen mehr Freiheiten geben und einen möglichst innovationsoffenen Rahmen“, sagt Bundesdigitalminister Karsten Wildberger. Gleichzeitig wirbt er für einen Deutschland-Stack, eine nationale KI-Infrastruktur und agentische Verwaltungsautomatisierung – alles Staatsprojekte. Den Widerspruch löst er mit einer Unterscheidung auf: Der Staat baut keine Produkte, er baut Plattformen. Rahmen statt Inhalte, Infrastruktur statt Anwendung.

Beim Geld zieht Wildberger die Grenze ebenfalls scharf. Steuergelder seien kein Risikokapital, der Staat kein Venture-Investor. „Da wir Treuhänder sind des Geldes der Steuerzahler, müssen wir damit haushälterisch umgehen.“ Gleichzeitig räumt er ein: „Wir haben in Deutschland zu lange zugeschaut und nicht an den großen technologischen Wachstumszyklen teilgenommen. KI ist unser Leapfrog-Moment. Diese Chance dürfen wir nicht verpassen.“ Den Staat sieht er dabei nicht als Innovator, sondern als Auftraggeber mit Sachverstand.

Im öffentlichen Vergabewesen sehen Start-ups eine der größten Hürden für europäische Anbieter. Oft würden auch hier große US-Anbieter bevorzugt, sagt Elias Schneider, Gründer und CEO von Cloudsphere. Konkretes Beispiel: eine Bundeswehr-Ausschreibung für virtuelle Maschinen, auf denen SAP laufen sollte. „Google Cloud hat gewonnen, obwohl lokale Anbieter das auch gekonnt hätten. Mit dieser Vergabe hätten wir deutsche Start-ups oder Mittelständler zum Milliardenunternehmen gemacht.“ Dass nun mit der Open Defense Cloud ein Umdenken stattfindet, sei ein wichtiges Signal.

Schneider widerspricht der verbreiteten These, Europa habe bei Infrastruktur für Cloud und KI bereits verschlafen. „In Europa sind bisher nur 15 bis 17 Prozent der IT-Ausgaben in der Cloud, bei KI ist der Anteil nochmal geringer. Wir sollten nicht so tun, als wären wir schon eine Cloud-Wirtschaft.“ Der europäische Mittelstand – eigentlich die Stärke des Kontinents – sei größtenteils noch gar nicht in der Cloud. „Nur weil ich schon mal Microsoft 365 aus der Cloud gekauft habe, bin ich kein Cloud-Nutzer.“ Das schaffe aber auch eine Gelegenheit: Statt von bestehenden US-Anbietern migrieren zu müssen, könnten viele Unternehmen direkt auf europäische Lösungen setzen.

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Letzte Aktualisierung: 24. März 2026