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Die Deutschen arbeiten zu wenig. Oder doch nicht?

Hoher Beschäftigungsstand, aber viel Teilzeit. Niedrige Jahresarbeitszeit, aber hohe Muttererwerbstätigkeit. Arbeiten wir in Deutschland eigentlich viel oder wenig? Zeit für eine Einordnung.

MB
28. Februar 2026

Die Frage, ob in Deutschland viel oder wenig gearbeitet wird, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Forderungen und Appelle, mehr zu arbeiten, bleiben aber wohlfeil, wenn die empirische Grundlage, auf denen sie fußen, nur in Ausschnitten herangezogen wird. Politische Schlussfolgerungen brauchen ein solides Fundament – keine selektive Wahrnehmung. Dafür ist eine nüchterne Bestandsaufnahme nötig. Dazu ein paar Daten aus dem Hier und Jetzt sowie mit Blick auf die kommenden Jahre:

Auf der Habenseite steht:

  • Seit Ende 2022 liegt die Anzahl der Erwerbstätigen – unter kleinen Schwankungen – stabil bei rund 46 Millionen Personen – ein Rekord in der Geschichte der Bundesrepublik.

  • Ebenso bleiben die geleisteten Arbeitsstunden mit mehr als 61 Milliarden im Jahr im Bereich historischer Höchststände.

  • Grund für beides ist die deutlich gestiegene Erwerbsbeteiligung in den vergangenen Jahren: Die Erwerbstätigenquote liegt aktuell bei rund 77 Prozent. Das sind fast vier Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren und sieben Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt. Vor allem Mütter und Ältere sind heute deutlich häufiger erwerbstätig.

Das sind unbestreitbare Erfolge auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ist also alles gut? Keineswegs. Auf der anderen Seite steht:

  • In Deutschland arbeiten 21 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeit – deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt (15 Prozent). Bei Frauen liegt die Teilzeitquote sogar bei 35 Prozent, oft mit nur wenigen Wochenstunden. Nach einer aktuellen Untersuchung der Prognos würden 45 Prozent der teilzeitbeschäftigten Mütter ihre Arbeitszeit erhöhen, wenn die betrieblichen Bedingungen stimmten.

  • Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit beträgt hierzulande nur gut 1.300 Stunden und damit erhebliche 400 Stunden weniger als im OECD-Durchschnitt.

Bei der Beurteilung dieser Zahlen muss berücksichtigt werden: Die hohe Erwerbsbeteiligung auf der einen und die niedrige Jahresarbeitszeit auf der anderen Seite stehen in unmittelbarem, geradezu untrennbarem Zusammenhang miteinander. Mehr Teilzeit ermöglicht mehr Erwerbstätige. Man kann den Zusammenhang abschwächen, aber nicht aufheben. Insgesamt zeigt die Empirie nicht, dass die Deutschen – an welchem Maßstab auch immer gemessen – zu wenig arbeiten würden.

Der Blick in die Zukunft allerdings wirft ein anderes Licht auf diesen Befund. Bis 2037 werden demografisch bedingt rund vier Millionen Menschen mehr den Arbeitsmarkt verlassen, als aus den jüngeren Kohorten nachrücken, also fast zehn Prozent. Das führt für sich genommen zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung. Wenn man nicht an Produktivitätswunder glaubt, kann man dem nur mit einer höheren durchschnittlichen Jahresarbeitszeit oder einer höheren Erwerbsbeteiligung entgegenwirken.

Das Ziel auszugeben, „mehr zu arbeiten“, um den Wohlstand zu sichern, ist daher berechtigt. Wir haben noch viel ungehobenes Erwerbspotenzial. Die Wege, die dafür in den letzten Wochen diskutiert wurden, lassen jedoch Zweifel aufkommen. Denn immer wieder – und auch hier – tappt die Politik in die Falle, auf bevormundende Art zu versuchen, die Präferenzen des Einzelnen zu beeinflussen.

Ich glaube, dem Ansatz, an die Bevölkerung zu appellieren, mehr zu arbeiten, liegt schlicht ein Missverständnis zugrunde: Die Politik will Verhalten ändern, setzt aber an den Präferenzen an. Das sind unterschiedliche Dinge. Wenn ich gern arbeite (Präferenz), aber keine Betreuung für mein Kind habe, wird meine tatsächliche Arbeitszeit (Verhalten) gering ausfallen.

Das Scharnier zwischen Präferenz und Verhalten sind die Rahmenbedingungen. Genau die kann die Politik steuern, das ist ihre Aufgabe. Wenn man das anerkennt, kann an einer Debatte um Kinderbetreuung, Unterstützung für pflegende Angehörige, Transferentzugsraten, das Ehegattensplitting oder die beitragsfreie Mitversicherung ernsthaft kein Weg vorbeiführen. Wenn man das nicht anerkennt, kann man die Deutschen natürlich weiterhin dazu aufrufen, einfach mal die Ärmel hochzukrempeln. Wird aber nichts bringen.

Michael Böhmer ist Chefvolkswirt und Managing Partner des Forschungs- und Beratungsunternehmens Prognos.

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Letzte Aktualisierung: 28. Februar 2026