Energiehoffnung Kernfusion: Anbieter ringen um die Vorherrschaft

Der Wettbewerb um die Vorherrschaft in der deutschen Kernfusions-Branche spitzt sich zu. Der Rückzug von CEO Milena Roveda beim Start-up Gauss Fusion unterstreicht die zunehmende Dynamik im Sektor.

01. April 2026
Garching beherbergt seit 1960 das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) und soll nun auch Standort des geplanten zwei Milliarden Euro teuren Demonstrationsstellarators „Alpha“ werden. (picture alliance / SZ Photo | Alessandra Schellnegger)

Der Wettbewerb um die industrielle Führungsrolle in der deutschen Kernfusions-Branche spitzt sich deutlich zu. Das lässt sich auch aus einer aktuellen Personalie ablesen: CEO Milena Roveda zieht sich nach drei Jahren von der Spitze des Kernfusions-Start-ups Gauss Fusion zurück.

Gauss Fusion hatte zuletzt ein umfassendes Konzeptdesign für ein kommerzielles Fusionskraftwerk vorgelegt. Auch aus Sicht der Wissenschaft war dies ein wichtiger technologischer Beitrag. Das 2022 gegründete Unternehmen wird von einem Konsortium privater Industrieunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien getragen. Die Unternehmen haben Erfahrung im Bau von Komponenten für Kernfusionsreaktoren wie das EU-Projekt Iter gesammelt und sind angetreten, um Fusionskraftwerke zu industrialisieren.

In der Branche wird spekuliert, inwieweit der Führungswechsel bei Gauss Fusion mit einer zunehmenden Dynamik in der Fusionsbranche zusammenhängt. Treiber dieser Dynamik ist auch die politische Rahmensetzung: Mit den geplanten Fusions-Hubs des Bundesforschungsministeriums – deren Ausschreibung in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde – sollen neue Ökosysteme aus Industrie und Wissenschaft entstehen, die gezielt auf ein späteres Kraftwerksdesign hinarbeiten.

Die zugrunde liegende Roadmap sieht vor, dass Deutschland bei ausreichender Beschleunigung bis 2045 ein Fusionskraftwerk realisieren kann. Allerdings nur bei deutlich höherem Ressourceneinsatz und enger Verzahnung von Forschung und Industrie. Um die Community auf diesen Weg einzustimmen, veranstaltete Forschungsministerin Dorothee Bär in der vergangenen Woche einen Fusionskongress im BMFTR. Dort hatte sich der Abtritt von Roveda schon angekündigt, weil an ihrer Stelle kurzfristig Gauss-Fusion-Gründer und Verwaltungsratsvorsitzender Frank Laukien auf dem Podium gesessen hatte.

Durch die politischen Impulse hat sich der Standortwettbewerb zugespitzt. Besonders offensiv agiert hier der von Francesco Sciortino gegründete Gauss-Konkurrent Proxima Fusion: Gemeinsam mit RWE, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) und dem Land Bayern treibt das Start-up konkrete Pläne für Demonstrations- und Kraftwerksprojekte in Garching und am ehemaligen AKW-Standort Gundremmingen voran. Letzteres dürfte für Gauss Fusion besonders schmerzhaft sein. Das Unternehmen hatte eine Studie bei der Universität München zu möglichen Kraftwerksstandorten in Auftrag gegeben, die ergeben hatte, dass alte AKW-Standorte besonders geeignet sind.

Gauss Fusion hat die größte Konkurrenz vor der eigenen Haustür. Genau wie Proxima Fusion ist auch Gauss Fusion bei München in der Nähe des IPP heimisch. Außerdem verfolgen beide Start-ups mit der Stellarator-Technologie, denselben Ansatz im Bereich der Magnetfusion. Als direkte Ausgründung aus dem Max-Planck-Institut hat Proxima es aber offensichtlich geschafft, wichtige politische Allianzen mit der Landesregierung zu schmieden. Während Wettbewerber wie Proxima Fusion sich klar im Rennen um die Hubs positionieren, blieb Gauss Fusion dahingehend zuletzt relativ zurückhaltend.

Es geht in dem Wettrennen derzeit vor allem um die beiden deutschen Start-ups in der Magnetfusion. Bei der Laserfusion hat Focused Energy mit Standort im hessischen Biblis und dem Rückhalt der Landesregierung die Nase im Wettkampf um öffentliche Gelder vorn. Wettbewerber Marvel Fusion aus München hat sich zu den Hubs noch nicht konkret geäußert – das Unternehmen baut einen Demonstrator in den USA und verfolgt eine internationalere Strategie.

Die frühere Gauss-CEO selbst hatte sich in die politische Debatte um die Kernfusion eingebracht. Roveda warnte wiederholt öffentlich davor, dass Deutschland und Europa den technologischen Vorsprung einbüßen könnten, wenn es nicht gelingt, wissenschaftliche Stärke in industrielle Führung zu übersetzen. Genau diese Verschiebung – hin zu Kapital, Infrastruktur und Industrie – könnte nun die nächste Phase des Sektors prägen. Europa gelinge es häufig nicht, „außergewöhnliche Ideen und wissenschaftliche Durchbrüche“ in industrielle Führung zu übersetzen, schrieb Roveda zu ihrem Abschied.

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Letzte Aktualisierung: 01. April 2026