Beruf muss nicht Qual sein

Kann Kündigung und Austritt aus dem Beamtenverhältnis Erholung bedeuten?

Erholung durch Kündigung – das klingt natürlich erst mal provokativ. Ich würde empfehlen, dass man intensiv schaut, worin eigentlich die wahrgenommene Belastung besteht. Die Erfahrung zeigt, dass die Belastung eigentlich gar nicht unbedingt im Umfang der Arbeit empfunden wird, also in der Zahl der Stunden. Meistens liegt es in der Art der Arbeit, in der seelischen, körperlichen und gesundheitlichen Belastung. Hier besteht meiner Einschätzung nach eine sehr hohe reale Chance auf Erholung. Viele Ex-Lehrkräfte, die ich kenne, berichten, dass sie die Tätigkeit, die sie nach der Schule ausführen, überhaupt nicht mehr als Arbeit empfinden. Diese Menschen haben die Arbeit an der Schule immer als etwas stressiges und maximal auslaugendes erfahren. Jetzt, nachdem sie die Schule hinter sich gelassen haben, merken sie: Beruf muss nicht Qual sein. 

Was muss man tun, um sich vom Lehrerberuf zu lösen? 

Die Grundvoraussetzung dafür, sich vom Lehrberuf zu lösen, ist aus meiner Sicht die volle Verantwortungsübernahme für die eigene berufliche Zufriedenheit. Das ist nichts anderes als die Erkenntnis, dass nicht der Dienstherr dafür zuständig ist, nicht die Schulleitung, die Schüler oder Eltern, sondern allein ich. Nur ich kann das verändern – in dem Moment, wo man das versteht, kommt man raus aus der passiven Opferhaltung und geht ins Handeln. Bei vielen, die sich so entscheiden, ploppen ganz viele Ängste auf. Ich empfehle, diese Ängste ganz genau zu betrachten, wo die herkommen? Man sollte sich ihnen stellen. Sobald man beginnt, diese Ängste zu bearbeiten, macht man sich frei von Schule. Praktisch geht die Kündigung übrigens ganz einfach: denn jede Lehrerin und jeder Lehrer ist nur einen Zweizeiler an den Dienstherrn von seiner Entlassung entfernt. 

Wie verhalte ich mich, wenn ich dem Dienstherrn die Kündigung mitgeteilt habe?  

In dieser Übergangszeit, die ja durchaus ein paar Monate dauern kann, halte ich es für wichtig, dass man seine Arbeit vollkommen korrekt und menschlich zugewandt bis zum letzten Tag erledigt. Man muss nicht schon frühzeitig provokativ jedem seine Kündigung auf die Nase binden – denn davon können sich Menschen angegriffen fühlen. Gleichzeitig würde ich aber meine Entscheidung immer selbstbewusst und mit großer Klarheit vertreten. Es ist ratsam, sich nicht in Diskussionen oder Rechtfertigungen verwickeln zu lassen, sondern die Trennung ganz klar als persönliche Entscheidung darzustellen. Ein paar Wochen vor Ende des Schuljahres sollte man als Lehrkraft an Eltern und Schülern kommunizieren, dass man aussteigt. Ich würde deutlich machen, dass es eine als persönliche Entscheidung ist, die nichts mit denjenigen zu tun hat, die man zuletzt unterrichtete. Man sollte den Beteiligten auch signalisieren, dass man seine Arbeit ganz korrekt zu Ende bringt und eine gute Übergabe leisten wird.

Isabell Probst berät als Laufbahncoach und Businessmentorin Lehrkräfte beim Berufswechsel in die freie Wirtschaft – und bei der Gründung einer neben- oder hauptberuflichen Selbstständigkeit. Probst war selbst Studienrätin für Englisch und Geschichte

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