„Wir waren null vorbereitet“

Alle fünf Jahre untersucht das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Kompetenzen von Viertklässlern in Mathematik und Deutsch. Im Sommer 2021 wurden bundesweit 26.000 Viertklässler getestet. Erste Ergebnisse präsentierte das Institut zusammen mit der KMK am vergangenen Freitag. Jedes fünfte Kind erreicht in der vierten Klasse nicht die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik. Der Anteil ist seit 2011 um sechs bis zehn Prozent gestiegen. Auch verstärkt sich der Zusammenhang von sozialer Herkunft und erreichtem Kompetenzniveau. KMK-Präsidentin Karin Prien sagte: „Das ist nicht nur eine Ohrfeige für uns Kultusminister, sondern die ganze Politik.“

Frau Niklas, haben die Ergebnisse Sie überrascht?  

Nein, leider nicht. Zwar wurden seit der ersten PISA-Studie eine Reihe von Programmen aufgelegt, vor allem auch für die Förderung der Lesekompetenz, gebracht haben sie aber scheinbar zu wenig. Die Ergebnisse hätten besser ausfallen müssen.

Woran liegt es?

Ich bin mir sicher, dass die Pandemie, und damit Schulschließungen und Distanzunterricht, ein ganz großer Faktor ist. Eine ebenso große Rolle spielt die Heterogenität der Schülerschaft. Sie hat in den vergangenen zwanzig Jahren immens zugenommen. Sechs- bis Zehnjährige bekommen ihren Input und ihre Lernanlässe zum großen Teil aus der Familie und deren Umfeld. Die Schule kann und muss hier ausgleichen. In der Pandemie ist dieses Korrektiv größtenteils weggebrochen. Das hat soziale Ungleichheit und Lernunterschiede verstärkt. 

Je jünger die Kinder, desto schwieriger der Distanzunterricht. Warum ist das eigentlich so? Es wurde der Jahrgang 2011 getestet. Das sind Kinder, die sich eine Welt ohne digitale Medien nicht vorstellen können. Gute Voraussetzungen für digitalen Unterricht, oder?

Das hängt von ihrem sozialen Umfeld ab und den Erfahrungen, die sie mitbringen. Ein Kind kann ein Youtube-Video schnell und selbstständig anklicken? Schön und gut, aber das sagt nichts darüber aus, ob es auch im schulischen Kontext etwas digital lernen kann. Ohne Begleitung wird es meist keinen Lernerfolg geben. Wenn ein Kind in die erste Klasse kommt, muss es erst lernen, Schulkind zu sein – dass es zum Beispiel im Unterricht sitzen bleibt und nicht einfach in den Pausenhof spaziert. So müssten Kinder auch lernen, wie sie digitale Geräte in der Schule nutzen. Das haben sie bisher nicht gelernt. Dem stellen sich die Schulen jetzt aber.

Eine Jahrhundertpandemie traf auf digital schlecht vorbereitete Kinder. Welche Rolle spielt die Ausstattung der Grundschulen?  

Eine große. Die Verantwortlichen haben die Kinder schon im Vorfeld der Pandemie auf mehreren Ebenen im Stich gelassen, sodass der digitale Unterricht in vielen Grundschulen nicht funktionierte. Der Input, den es zum Lernen braucht, war daher nicht auf digitales Lehren und Lernen zugeschnitten. Der digitale Stoff benötigt aber gute fachliche Aufbereitung und viele Lehrkräfte hatten da überhaupt keine Erfahrungen. 

Auf welchen anderen Ebenen hat es gehapert?

Die Technik war nicht da. Und die, die da war oder angeschafft wurde, hat zum Teil nicht funktioniert. Grundschülerinnen und -schüler sind nicht geduldig. Wenn die Videokonferenz nicht sofort geht, schalten sie ab. Auf der Ebene des Outputs, also was die Schülerinnen und Schüler vom digitalen Unterricht mitnehmen, hat es nicht funktioniert, weil die Eltern sie oft nicht adäquat begleiten konnten. Kinder sind auf eine gute Lernumgebung angewiesen. Das heißt: Abwechslung zwischen Konzentrations- und Spielphasen. Das hat alles im Distanzunterricht nicht funktioniert. 

Sie begleiten Lehramtsstudierende und besuchen viele Schulen. Wo haben Sie guten Distanzunterricht erlebt?  

Generell würde ich sagen: Wir alle, als Gesellschaft, waren null vorbereitet. In den Schulen lag es am Engagement der Lehrer, Eltern oder auch der Behörden. Grundschulklassen sind alle extrem unterschiedlich. Wir haben unheimlich bunte Klassen, die haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. In Erinnerung ist mir eine Dorfschule geblieben. Im ersten Lockdown hat die Lehrerin jeden Montag ein Materialpaket an die Tür all ihrer Schüler gehängt, unter der Woche per Teams konferiert und am Freitag die Arbeitsblätter wieder abgeholt. Im städtischen Augsburg hat eine Grundschule, die vorher digital gut aufgestellt war, ganz strikten, getakteten digitalen Unterricht mit Powerpoint-Präsentationen gemacht. Das hat für viele hervorragend funktioniert. Manche Schüler und Schülerinnen wurden da aber überhaupt nicht erreicht. 

Sie sind Herausgeberin des Grundschulmagazins, veröffentlichen zu digitaler Deutschdidaktik. Viele Grundschulen haben in den vergangenen zwei Jahren einen digitalen Sprung gemacht. Könnte das helfen, dass der nächste IQB-Bericht eine Trendumkehr abbildet?  

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass digitale Medien den Unterricht nicht per se besser machen. Es kommt auf fachlich gut ausgebildete Lehrkräfte an. Die können guten Deutschunterricht auch mit Tafel und Heft machen, wobei natürlich zum Beispiel Smartboards und Tablets bei überlegtem Einsatz wichtige zusätzliche Möglichkeiten bieten. Ein großes Problem ist sicher, dass viele Fachfremde an den Schulen arbeiten. Die Stärke von digitalen Medien sehe ich besonders in der Individualisierung von Unterricht.

Warum hat man diesen Vorteil nicht früher erkannt?

Ich denke, ein großes Problem ist, dass die technische Ausstattung so viel Einarbeitungszeit verlangt oder gar nicht funktioniert. Wenn ein Handwerker einen Schrank zusammenbaut, kann er das mit einem Akkuschrauber besser als mit einem Schraubenzieher. Wenn der Akkuschrauber aber nicht zuverlässig funktioniert, wird er immer auf den Schraubenzieher zurückgreifen.

Um im Bild zu bleiben: Viele Grundschulen haben sich lange Jahre verweigert, überhaupt Akkuschrauber anzuschaffen und ihren Lehrkräften abgewetzte Schraubenzieher in den Didaktik-Koffer gelegt.

Oder sie hatten ganz neue Maschinen, mit denen keiner umgehen kann. Ein großes Problem ist: Zusätzlich zu den modernen Geräten braucht es auch Ansprechpartner, die sie einrichten und warten können. Wir haben jetzt Erfahrungen mit digitalen Medien gesammelt und ich sehe eine große Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Die Didaktiken bieten vielversprechende Ansätze. Was fehlt, sind IT-Ansprechpartner an den Schulen.

Laut IQB-Bericht ist die Schulzufriedenheit der Kinder während der Pandemie gestiegen. Warum?  

Das lag wohl daran, dass die Kinder dankbar waren, dass ihnen jemand etwas zugespielt hat. Das waren ja teilweise belastende Zustände im tristen Corona-Alltag der Familien. Wenn die Schule sich, analog oder digital, gemeldet hat, war das ein Lichtblick im Leben der Kinder.

Annemarie Niklas ist Akademische Oberrätin und unterrichtet Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Augsburg. Vergangene Woche erschien ihr Buch „Digitale Medien im Deutschunterricht“ (Cornelsen-Verlag).

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