Ukraines Lernportale brauchen Hilfe

Der pädagogische Vorteil der Ukraine besteht darin, dass es nicht nur die inzwischen bekannte Optima-Lernplattform gibt, sondern eine ganze Reihe weiterer. Der Nachteil besteht darin, dass inzwischen Schüler:innen aus ganz Europa auf die Lernportale der Ukraine zugreifen. Deutsche Gastgeber berichten etwa, dass ihre geflüchteten Gäste auch im Exil sofort zu lernen beginnen. Nach Informationen von Bildung.Table kämpfen deswegen einige der Lernportale mit Kapazitätsproblemen. „Es ist wichtig zu wissen, dass die meisten ukrainischen Plattformen zusammengeklappt sind, weil so viele Schülerinnen auf einmal online gegangen sind“, hieß es bei der European EdTech Alliance. Sie berichtet davon, dass europäische EdTechs und Nachbarstaaten den Lernportalen auf die Beine helfen wollen. Auch die deutschen Kultusminister haben nun eine Taskforce eingerichtet

Damit ist die pädagogische Lage der Geflüchteten vier Wochen nach Kriegsbeginn und etwa zwei Wochen nach der letzten Sitzung der Kultusministerkonferenz unübersichtlich. Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil die westlichen Anrainerstaaten Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien inzwischen vollkommen überlastet sind. Ein Drittel bis zur Hälfte der Flüchtenden sind Kinder und Jugendliche. Sie beginnen offenbar zügig mit dem Lernen – mittels der Lernportale und der Lehrerinnen der Ukraine. KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) hatte angekündigt, dass ukrainische Lehrkräfte vereinfacht Anstellung finden und eine Kooperation mit der größten Lernplattform Optima bevorstehe. Beides findet nun so nicht statt. 

Anstellung ukrainischer Lehrerinnen noch ungeklärt

Einige Bundesländer stellen geflüchtete ukrainische Lehrerinnen zwar unkompliziert ein, dazu gehören Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen. Andere halten aber offenbar an dem Verfahren fest, dass Lehrer:innen aus der Ukraine erst nach Anerkennung durch die „Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen“ (ZAB) angenommen werden. Die ZAB ist Teil der Kultusministerkonferenz, das Verfahren dort gilt als aufwändig. Und es wird nach Informationen von Bildung.Table auch grundsätzlich bei diesem Anerkennungsverfahren bleiben, das in Europa praktisch keine Lehrkraft spontan erfüllen kann. Die ukrainischen Lehrkräfte können demnach nur als Hilfs- und Assistenzlehrer arbeiten. Und es ist nicht mal sicher, ob sie dafür überhaupt Honorar bekommen.

Das Land Berlin, wo bislang die meisten Flüchtlinge angekommen sind, informiert am morgigen Donnerstag Lehrerinnen aus der Ukraine. In Sachsen-Anhalt hieß es, die Lehrerinnen müssten glaubhaft machen, dass sie eine Lehrbefugnis haben. Inzwischen schießen überall in der Republik private Initiativen aus dem Boden, die ukrainische Lehrer arbeiten lassen und aus eigener Tasche bezahlen wollen. Die Zivilgesellschaft ist also weiter als die Kultusminister.

Auch bei den Lernportalen der Ukraine hat die Bundesrepublik offensichtlich den Vorsprung verloren, den sie mithilfe ihres Münchener Medieninstituts der Länder, FWU, zwischenzeitlich errungen hatte. Zwar hat die FWU, wie berichtet, inzwischen den ukrainischen Lehrbuchbestand auf ihrer Seite Mundo digital verfügbar gemacht und verschlagwortet. Aber allein mit digitalen Schulbüchern lässt sich guter digitaler Fernunterricht nicht bewerkstelligen. Deswegen sollte die Online-Schule Optima ja möglichst schnell und rechtssicher in Deutschland verfügbar gemacht werden. Das ist der Taskforce der KMK bislang nicht gelungen. 

Lernportale in der Ukraine überlastet

Neben Optima gibt es eine Reihe weiterer ukrainischer Lernportale, die ganz unterschiedlich organisiert sind. Eine Fernschule etwa stellt einen kostenlosen Zugang zu einem Hörpaket mit Unterrichtsmaterialien her, eine andere Gratis-Lernwerke bis zur 11. Klasse. Die „Akademie für moderne Bildung A+“ hat ein Online-Projekt ins Leben gerufen, „das allen Kindern in der Ukraine die Teilnahme an Zoom-Klassenräumen ermöglicht.“ Aber die Zukunft dieser Portale ist ungewiss – nicht zuletzt wegen des von Russland immer härter geführten Krieges gegen die Ukraine und zivile Einrichtungen. 

Die European EdTech Alliance berichtete Bildung.Table, dass die Server der ukrainischen pädagogischen Portale durch die große Nachfrage überlastet seien. Sie hätten nicht die Kapazitäten, um ein erweitertes Angebot bereitzustellen. Ihnen gehe das Geld aus, die Lehrer:innen dort arbeiteten unter großem Druck. Europäische EdTechs und auch benachbarte Staaten versuchten, die Leistungsfähigkeit der Plattformen zu stärken. So wollen Anrainerstaaten eigene Angebote für die Ukraine bereitstellen – in ukrainischer Sprache. Es gebe auch Pläne, durch eine Kooperation mit anderen Staaten die Portale zu stärken. Eine Berliner Initiative teilte mit, dass die große ukrainische Optima-Plattform auf Server ins Baltikum transferiert werden soll. Laut EdTech Alliance sind Polen, Litauen und die Ukraine bereits eine Kooperation eingegangen. 

EdTech-Allianz: Lernangebot für alle ukrainischen Schüler

Beth Havinga, Managing Director der European EdTech Alliance, mahnte angesichts der ansteigenden Flüchtlingszahlen zur Eile – und zu einem ganzheitlichen Ansatz. „Es ist wichtig, dass wir eine breite Palette von Angeboten haben, damit wir möglichst allen Schülern Zugang verschaffen können“, sagte Havinga. Sie leitete zuletzt das deutsche „Bündnis für Bildung“ aus Industrie und Ländern. „Es wäre sinnvoll, wenn zwischen Ministerien Verabredungen getroffen werden, um die Verlage, Autoren und Anbieter zu unterstützen, die wegen des Kriegs ihre Materialien gratis zur Verfügung gestellt haben.“ Die Direktorin der EdTech Alliance verwies darauf, dass drei Viertel der EdTechs in Europa während der Pandemie ihre Portale gratis geöffnet hatten. Nicht wenige von ihnen seien deswegen in ökonomische Schwierigkeiten geraten. Havinga betonte, dass digitale Schulbücher alleine nicht reichten. „Wir wissen aus der Pandemie, wie wichtig der soziale Aspekt beim Lernen ist. Deswegen sollte man nicht nur PDFs anbieten, sondern synchrone und asynchrone Austauschmöglichkeiten.“ 

Die europäische Ebene arbeitet mit Hochdruck daran, die digitalen Lernressourcen der Ukraine zu sichern. Die deutsche Taskforce tagte gestern zum zweiten Mal unter ihrem Leiter, dem ehemaligen Bildungs-Staatssekretär aus Rheinland-Pfalz, Hans Beckmann. Auch das Bundesbildungsministerium befasst sich mit den Lernmöglichkeiten für ukrainische Geflüchtete. Dort ist man der Auffassung, dass „ein Großteil der digitalen Bildungsinhalte für die ukrainische Schule auf Cloud-Servern von großen Providern gelagert ist.“ Er sei daher von überallher und unbeeinflusst von den Kriegsereignissen nutzbar. Auf Nachfrage präzisierte eine Sprecherin, nur die Mediathek für digitale Schulbücher liege auf Servern des Weltmarktführers Amazon Web Services. Mit anderen Worten: Die deutschen staatlichen Stellen haben vor der Zuwanderung mutmaßlich zigtausender Schulpflichtiger keine Kenntnis über die Leistungsfähigkeit der ukrainischen Online-Lernportale.

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