„Wir haben Akquisitionen in der Pipeline“

Man sieht auf dem Foto Felix Ohswald, CEO des Nachhilfe Start-up GoStudent
Sein Bildungs-Unternehmen ist jetzt drei Milliarden Euro wert: Felix Ohswald von GoStudent.

Herr Ohswald, was bedeutet die Akquisition von weiteren 300 Millionen Euro für GoStudent? 

Ich glaube, es braucht solche positiven Geschichten, damit mehr Leute im Bildungsbereich etwas gründen. 

Meinen Sie nicht, dass jetzt einige andere Start-ups Angst haben?

Nein. Dafür ist der Markt viel zu differenziert. Es gab in Indien in den vergangenen Jahren ein sehr erfolgreiches Bildungsunternehmen, Byju’s, über das man immer gestaunt hat, auch in China ist das passiert. Schön, dass jetzt auch Europas Bildungsanbieter gutes Geld für gute Arbeit bekommen.

Bitte konkret, wer wäre für GoStudent jetzt interessant? Kämen nicht prinzipiell die führenden Bildung-Start-ups in Deutschland infrage: Sofatutor, Simpleclub oder Bettermarks?

Das sind alles drei coole Plattformen. Mit Bettermarks arbeiten wir über unsere Nachhilfelehrer sogar zusammen. Das ist eine schöne Synergie im pädagogischen Bereich. Es stellt sich natürlich immer die Frage, wo langfristig der Synergieeffekt einer Akquisition liegt. 

In welchen Bereichen sollte der nun sein?

Content ist immer spannend, also das, was Sofatutor oder Simpleclub machen. Wir schauen uns ja aktuell auch im Markt einiges an. Wir haben Akquisitionen in der Pipeline, die bald verkündet werden.

In Deutschland, in Europa oder wo?

Momentan tatsächlich mehr außerhalb Deutschlands, in Spanien, in Großbritannien und  in Frankreich. Da sind unsere Schwerpunktgebiete. 

Manche haben Angst – und die anderen sind wütend. Die Pädagogen werden sagen, Bildung ist doch nicht Geld, Bildung ist Qualität und ein roter didaktischer Faden.

Ja, aber das ist aus meiner Sicht zu kurz gedacht. Bildung ist nicht per se kostenlos. Jeder, der in Deutschland Steuern zahlt, bezahlt ja eben auch für Bildung – und zwar gar nicht wenig. 12.000 bis 14.000 Euro fließen pro Kind und Jahr in die Schule. Da wird also richtig viel Geld von uns Steuerzahlern ausgegeben – und es gibt nicht viele andere Bereiche, wo genauso viel Staatsgeld hineinfließt. 

Wie geht das in Zukunft weiter? 

In Zukunft wird das regulierte Bildungsangebot des Staates am Vormittag mit den privaten Angeboten des Nachmittags verknüpft werden. Das wird dann ein bisschen wie im öffentlichen Straßenverkehr aussehen. Der Staat baut Straßen und stellt Schienen und so weiter zur Verfügung – und darauf bewegen sich dann Autos, Eisenbahnen, Fahrräder und so weiter. Das bedeutet, die Innovation bringt jemand anderes auf die Straße. 

Sind wir nicht schon weiter? GoStudent, Simpleclub und andere sind ja nicht nur Anbieter von „Autos“, sondern sie bieten eine digitale Infrastruktur an, die der Staat gar nicht zur Verfügung stellen kann. Kurz: Sie und andere könnten Schüler und Lehrer im Falle einer Schulschließung verknüpfen.

Ich hoffe inständig, dass es keine Schulschließungen geben wird. Das wäre per se schlecht. Dann geht die Schere zwischen denen, die Geld haben, und denen, die benachteiligt sind, noch weiter auseinander. 

Sie sind vorbereitet auf digitalen Distanzunterricht – die Bundesländer sind es nicht.

Wir sind auf Einzelunterricht spezialisiert. Das ist noch mal etwas anderes als das Setting einer Klassengruppe. Aber natürlich, wenn wir in einer Krisensituation gebraucht werden, dann könnten wir das.

Was wollen Sie mit dem Geld strategisch anfangen? Warum diese Partner, zum Beispiel Prosus? 

Prosus ist inzwischen ein großes Unternehmen, das schwerpunktmäßig auch in Bildung investiert. Für uns ein Partner, bei dem wir uns darauf verlassen können, dass der nicht bei der erstbesten Opportunität sagt, wir wollen unser Invest ausbezahlt bekommen. 

Und Chinas Tencent? Sie wissen, dass die Deutschen bei Investitionen aus China zurückhaltend sind – und obendrein Angst vor Überwachung haben? 

Die Kapitalflüsse sind bei Start-ups immer global. Und nur weil wir jetzt mit Tencent einen – übrigens sehr kleinen – Investor haben, der aus China kommt, braucht niemand Angst haben, dass wir irgendwelche Daten abfließen lassen. Niemand will in einem überwachten Klassenzimmer sein. Ich schon gar nicht. 

Learning analytics findet auch bei Ihnen längst statt. 

Es ist heute auch wichtig, dass man eine genaue Diagnose des Lernverhaltens des Schülers leisten kann. Natürlich halten wir uns an den Datenschutz. Aber ohne Diagnose keine echte Lerntherapie.

Warum wäre das falsch?

Ich finde es wichtig, messbar zu machen, welcher Unterricht welche Wirkungen hat – und das dann auch wirklich auszurollen und zu nutzen. Wir müssen die Lehrer, die sehr gut unterrichten, in den Mittelpunkt rücken, die sollen mehr verdienen, das sollen die Superstars werden. 

Welche Erfahrungen haben Sie in der Corona-Zeit gemacht? 

Für uns hatte die Pandemie durchaus negative Konsequenzen. Es war sofort ein Einbruch bei den Nachfragen zu beobachten. Ich habe das als eine überfordernde Situation für alle erlebt. Es gab keine Prüfungen, es fanden keine Examen statt, es war weniger Druck in der Schule. 

Wann hat sich das wieder verändert? 

Im Moment der Schulöffnungen ist das sofort wieder auf ein normales Niveau zurückgegangen. Dann haben die Eltern wieder daran gedacht, wie sie ihren Kindern mit unseren Lehrern helfen können. Weil wieder regulärer Unterricht stattgefunden hat. 

Und was war positiv? 

Dass die Pandemie eine Bewusstseinsveränderung hervorgebracht hat. Es war für jeden ganz normal, Zoom-Meetings und Videokonferenzen zu veranstalten. Das war vorher schon fast nischig gewesen. 

Sie hatten bei der Pandemie dem Staat Hilfe angeboten. Hat er die angenommen?

Nein, da hat sich niemand gemeldet.

Auch nicht, um sich mit Felix Ohswald und den anderen Start-ups zu beraten? 

Ist nicht passiert.

Haben Sie schon mal in Deutschland einen Kultusminister persönlich kennen gelernt?

Nein, dieses Vergnügen hatte ich leider noch nicht.

Ist es in Ordnung, die digitalen Bildungsanbieter gar nicht erst zu empfangen?

Also mir geht es darum, Lösungen zu finden. Und wenn mich niemand empfängt, dann macht es keinen Sinn, Monate lang darüber zu lamentieren und offene Briefe zu schreiben. 

Wie beurteilen Sie die deutsche Schulpolitik?

Im internationalen Vergleich haben Kinder in Ländern wie Deutschland oder Österreich Zugang zu einer qualitativ sehr hochwertigen Bildung. Der Bildungszugang ist frei und die Chancengerechtigkeit in Deutschland hat sich für Kinder aus Nichtakademikerfamilien in den letzten Jahren über alle Bildungsstufen verbessert. Mich bewegt aber auch die Frage: was kann man tun, um es zu verbessern?

Was wäre das? 

Das kann man gut an einem Ort in Brasilien beobachten, der Ceará heißt. Dort hat man höchsten Wert auf die Qualität der Lehrer gelegt, in dem man sie bewusster ausgewählt und besser bezahlt hat. Ich bin ein Fan dieses Modells! Das gilt übrigens auch für die Lehrleistungen. Es kann nicht sein, dass eine Lehrkraft deswegen besser bezahlt wird, weil sie mehr Jahre im Schuldienst verbracht hat. Die Ergebnisse ihrer Klassen und Schüler müssen im Mittelpunkt stehen. 

Ceará ist weit weg.

Ja, aber das interessanteste war folgendes: Die haben Schulklassen zusammengelegt und die Lehrer, die nicht gut performt haben, aus dem Schuldienst befreit. Das heißt, eine Lehrerin oder ein Lehrer, der richtig gut ist, hat dann zum Beispiel nicht 20, sondern 60 Kinder unterrichtet.

… 60 Kinder, das ist ja aufregend!

Mit den richtigen Lehrern und Konzepten sind neue Modelle möglich. Man muss nur offen für Innovationen sein!

Wie findet GoStudent auf einem leergefegten Lehrerarbeitsmarkt die besten Lehrer?

Wir suchen ja nicht nur klassische Lehrer, sondern zum Beispiel Studierende der Mathematik, die Lust haben, nebenher Nachhilfe zu geben. 

Ein pädagogisches Studium ist dabei mindestens hilfreich.

Darüber lässt sich diskutieren. Ich lerne gutes Unterrichten meines Erachtens nicht, indem ich eine Vorlesung über gutes Unterrichten besuche. 

Wie finden Sie und Ihre Unternehmen heraus, wer für Ihre Zwecke ein guter Lehrer ist? 

Wir prüfen drei Dinge: erstens das Fachwissen. Versteht jemand etwas von Mathematik? Ist jemand mindestens auf Abiturniveau in dem Fach? Zweitens pädagogische Fähigkeiten: Kannst Du ein komplexes Thema einfach und in kurzen Sätzen erklären? Und drittens, einen polizeilichen Background-Check, ob ein Bewerber wirklich mit Kindern arbeiten darf. 

Können Sie garantieren, dass das funktioniert? Angeblich kann man bei Ihnen zumindest den Test 1 und 2 bestehen – auch wenn man da gar nicht so gut ist. 

Wir verbessern und optimieren dieses System fortlaufend.

Eine Frage noch: Wie viel Geld bekommen Sie von der Deutschen Telekom? 

Es handelt sich um einen mittleren siebenstelligen Betrag.

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