Empörung über den Staat als Bildungsunternehmer

Das ist ein Aufstand erster Klasse gegen den Staat als digitalen Bildungsanbieter. Der Didacta Verband, dem 250 Unternehmen der Bildungswirtschaft angehören, greift den Staat in einem Brief scharf an. Bund und Länder hätten in „jüngerer Vergangenheit als Wirtschaftsteilnehmer“ ins Bildungswesen interveniert, heißt es in dem Papier. Es ging am Dienstag bei der Kultusministerkonferenz ein und liegt Bildung.Table exklusiv vor. „Diese Markteingriffe gefährden eine in die Zukunft gerichtete Digitalisierung des gesamten Bildungssystems“, steht in dem Brief. Und die Eingriffe „erschweren den Aufholprozess Deutschlands zu anderen EU-Ländern im Bereich der digitalen Bildung.“ Verfasst hat das Papier die Arbeitsgruppe DidactaDigital, der Lerncloud-Anbieter wie „AixConcept“ und „IServ“ angehören. Der Mittelständler IServ ist in Niedersachsen durch die staatlich subventionierte Schulcloud starker Konkurrenz ausgesetzt. 

Beschwerden der mittelständischen Wirtschaft über den Staat als Bildungs-Unternehmer hat es bereits vor zwei Jahren gegeben. Die Kritik – geäußert etwa in einem Offenen Brief – richtete sich dagegen, dass das Bundesbildungsministerium mit rund 20 Millionen Euro Steuergeld ein Produkt entwickeln ließ, das es auf dem Markt in vielfältiger Weise bereits gab. Heute läuft die als Nationale Schulcloud gestartete Lernwolke zwar nur in drei Ländern – wird aber immer noch aus staatlichen Mitteln bezuschusst. Dass sich nun der Didacta Verband hinter die Kritik stellt, erhöht die Brisanz. Immerhin veranstaltet der Verband Europas größte Messe für die Bildungswirtschaft. 

Didacta Verband moniert Schulclouds des Staates

Die Kritik ist massiv – und grundlegend. „Zahlreiche staatliche Monopolangebote werden den komplexen Anforderungen der pädagogischen Praxis nicht ausreichend gerecht und bieten nur einen Teil des notwendigen Leistungsumfangs“, schreiben die Autoren. Das ist eine Anspielung auf zahlreiche staatliche Flops vor allem bei der Entwicklung von Lernmanagementsystemen. Genüsslich zählen die Didacta-Leute Ella, Logineo und die jetzige „dSchulcloud“ auf. Ella oder  „Elektronische Lehr- und Lernassistenz“ kostete Baden-Württemberg 47 Millionen Euro und kam trotzdem nie ins Laufen. Logineo in Nordrhein-Westfalen wurde von staatlichen Anbietern entwickelt. Es funktioniert heute wohl nur deshalb, weil der mittelständische Moodle-Dienstleister „Eledia“ dem System Beine machte. Allein die Schulcloud des „Hasso-Plattner-Instituts“ in Potsdam kam eigenständig in die Gänge – allerdings half hier die Pandemie tatkräftig mit; bevor Corona den Schnelleinsatz von Lernmanagementsystemen nötig machte, hatte die vermeintliche Nationale Bildungscloud weniger als ein Prozent deutscher Schulen unter Vertrag. 

„Der Staat ist kein guter IT-Unternehmer“, sagte der Präsident des Didacta-Verbandes, Theodor Niehaus, Bildung.Table. „Und wenn er es doch versucht, dann tut er es mit miserablem Erfolg, wie etwa bei Ella.“ Dennoch machten solche staatlichen Interventionen der Bildungswirtschaft besonders im digitalen Bereich Konkurrenz. Tatsächlich hat der Staat im Südwesten jahrelang den Eigenbau einer Schulcloud versucht – obwohl es mit „Ionos“ und „Nextcloud“ exzellente Anbieter im Ländle gibt. Niehaus bemängelte auch, dass bei den staatlichen Angeboten häufig der IT-Support fehle. „Welcher IT-Unternehmer leistet sich keine eigene IT-Abteilung?“,fragt der Präsident rhetorisch. „Das macht nur der Staat“. In der Tat gelingt es Bund und Ländern nicht, IT-Administratoren für die Schulen anzustellen – obwohl dafür eine halbe Milliarde Euro bereitsteht. (mehr dazu hier) „Der Staat soll regulieren und Rahmenbedingungen schaffen“, sagte Niehaus, „aber nicht eigene digitale Dienstleistungen anbieten.“ 

Schulcloud: Angebote der Mittelständler werden vergessen

Wie staatliche Wettbewerbspolitik aussieht, lässt sich prototypisch bei „Deutschland sicher im Netz“ nachlesen, einem Portal, dessen Schirmherr das Bundesinnenministerium ist. Auf der dortigen Übersicht über Schulclouds finden sich meist nur staatliche Anbieter. Bei Baden-Württemberg etwa fehlt der Eintrag von „itsLearning“ – obwohl der norwegische LMS-Anbieter inzwischen Landeslösung in Baden und Württemberg ist. In Niedersachsen wird IServ unterschlagen – obwohl ohne den Mittelständler aus Braunschweig die niedersächsische Bildungscloud gar keinen Zugang zu den Schulen bekommen hätte. Der Geschäftsführer von IServ, Jörg Ludwig, sagte Bildung.Table auf Anfrage: „Von Steuergeldern finanzierte Projekte wie die Bildungscloud in Niedersachsen sind nur ein vermeintliches Kostenlosversprechen. In Wirklichkeit kosten sie den Steuerzahler Millionen und verdrängen jahrelang etablierte und erfolgreiche Schulplattformen mittelständischer Unternehmen.“ 

Besondere Brisanz dürfte das Papier des Didacta Verbandes auch für deutsche Bildungs-Start-ups wie Sofatutor, Simpleclub, Bettermarks, Eduki oder Tutory haben. Niehaus bezog diese Anbieter in die Forderungen des Didacta Verbandes mit ein. Der Staat solle sich um Standards kümmern – und die Finger von eigenen IT-Lösungen lassen. Für die Lernangebote der Start-ups wie Sofatutor oder Bettermarks würde das bedeuten: Der Staat soll mit diesen Anbietern kooperieren, aber keine eigenen Angebote entwickeln, heißt es in dem Papier. „Die Entwicklung, Programmierung und Betreuung von IT-Angeboten für Bildungseinrichtungen gehören nicht“ zum staatlichen Auftrag. Stattdessen müsse vielmehr Dialog gepflegt werden, sagte Theodor Niehaus. „Die Kultusminister sollten sich endlich anhören, was diese innovativen deutschen Edutech-Anbieter können.“

Mehr zum Thema

    Ladestation für erschöpfte Lehrer gesucht
    Nature-Studie entdeckt große Corona-Lernlücke
    SWK-Forscherinnen zur Exzellenzinitiative: Wo ist die Evidenz?
    Länder ringen um Abkehr vom Königsteiner Schlüssel