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Warum sich nicht alle in der AfD wünschen, dass ihre Leute in Sachsen-Anhalt eine Regierung bilden

Bis zu 40 Prozent in Umfragen: Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt ist die AfD einer realen Machtoption so nah wie nie. Doch parteiintern wächst die Sorge, eine Regierungsbeteiligung könne personelle Schwächen, Radikalität und interne Machtkämpfe schonungslos offenlegen.

25. Januar 2026
Martin Reichardt und Ulrich Siegmund (picture alliance/dpa | Heiko Rebsch)

Knapp acht Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gibt es auf Bundes- und Landesebene der AfD teils sehr unterschiedliche Einschätzungen dazu, was ein Erfolg für die Gesamtpartei bedeuten würde. Angesichts von Umfragewerten, die der Partei aktuell bis zu 40 Prozent vorhersagen, wähnen sich im Landesverband viele schon im nächsten Kabinett und zelebrieren ihre Siegessicherheit, wo immer sie können. Auf Bundesebene aber schlagen nicht wenige bei der Vorstellung die Hände über dem Kopf zusammen, die Parteikollegen in Magdeburg könnten diejenigen sein, die die erste AfD-Regierung in Deutschland anführen.

Wahlergebnisse und Umfragetrend der AfD in Sachsen-Anhalt

In Führungskreisen der AfD ist einige Skepsis darüber zu hören, ob der Landesverband in Magdeburg regierungsfähig ist. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gilt in der AfD als „Posterboy“; beim Zielpublikum könne er gut punkten, aber ihm fehlten politische Ideen und Strategie, heißt es in Parteikreisen immer wieder. Ja, er sei im „AfD-Personaltableau von Sachsen-Anhalt der Einzige, der auf Menschen normal und freundlich zugehen“ könne. Aber zugleich ist der Satz zu hören, er sei „nicht die hellste Kerze am Baum“. Mehr Polit-Strategie trauen manche Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidat Leif-Erik Holm zu.

Sachsen-Anhalt genießt auf Bundesebene einen schlechteren Ruf als viele andere Landesverbände. Die Radikalität, für die Vize-Landeschef Hans-Thomas Tillschneider steht, werde die Partei nicht weiterbringen, heißt es. Tillschneider stellt seine Moskau-Sympathie selbst für AfD-Verhältnisse heftig zur Schau. Seine Vorschläge für Sachsen-Anhalt empfindet man auf Bundesebene eher als nationalistische Träumereien denn als strategisch wertvoll. Er und andere Landesvorstände würden in einer AfD-Regierung voraussichtlich Ministerposten und andere hohe Ämter besetzen. An ihrer Eignung zweifelt man, befürchtet schwere Imageschäden für die Partei. Noch schwieriger werde es, ganze Ministerien mit eigenen Leuten zu besetzen. Es fehle der Partei schlicht fähiges Personal.

Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt könnte der Partei bundesweit schaden. Öffentlich würden das Alice Weidel, Tino Chrupalla und andere Spitzenfunktionäre nicht andeuten. Aus deren Umfeld ist das aber durchaus zu hören. Es wäre eine „Blamage“, wenn man ein halbes Jahr zu regieren versuche, „und dann bricht der Laden auseinander“, heißt es gegenüber Table.Briefings. „Das würde uns bundesweit runterrauschen lassen in den Umfragen. Das wäre der Worst Case.“ Außerdem würde es, wenn überhaupt, nur für eine wackelige Mehrheit reichen – mit nur so wenigen Sitzen Überhang, dass einzelne die ganze Fraktion erpressen könnten.

Der Landesverband kämpft noch immer mit den Vorwürfen ihres früheren Generalsekretärs. Erst im Dezember erhob Jan-Wenzel Schmidt schwere Vorwürfe gegen einen Großteil des dortigen Vorstands: Vetternwirtschaft, falsche Abrechnungen, potenzielle Straftaten. Zehn Jahre gehörte Schmidt dem Vorstand an; er ist eng verwoben mit der „Pokerrunde“, die in Sachsen-Anhalt die AfD regiert. Auf Schmidts Vorwürfe angesprochen, reagierte Weidel kürzlich schmallippig, mit einem „Kommentiere ich nicht.“ Schon früher musste der Bundesvorstand intervenieren. Vor der Bundestagswahl etwa, als der Landesvorstand Direktkandidaturen abschaffen wollte – und das, obwohl der Vorsitzende des Landesverbands Martin Reichardt selbst im 15-köpfigen Bundesvorstand sitzt.

Für das Ziel, 2029 auf Bundesebene stark genug für eine Regierung zu sein, stellt Sachsen-Anhalt ein Risiko dar. Für mehrere Jahre könnten dort unprofessionelles Regierungshandeln, potenzielle Skandale und generelle Überforderung Wähler abschrecken. So groß der Erfolg einer ersten AfD-Regierung sich zunächst feiern ließe: Komfortabler wäre es für die Gesamtpartei, in Sachsen-Anhalt ein Spitzenergebnis einzufahren und doch nicht mitregieren zu dürfen – abgehalten von einer CDU, die sich zu allen anderen Parteien hin dehnt und streckt, um die AfD zu verhindern. Nebenbei müsste die AfD-Spitze ein paar Höhenflüge weniger fürchten. Dass Landesspitzen sich zu Höherem berufen fühlen, ist in der Partei ja Usus.

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Letzte Aktualisierung: 25. Januar 2026