Umweltkriminalität: Warum das Organisierte Verbrechen schon lange nicht mehr nur von Drogen- und Menschenhandel lebt

Mit jährlichen Gewinnen von 281 Milliarden US-Dollar ist Umweltkriminalität zur drittgrößten Einnahmequelle Organisierter Kriminalität geworden. Doch die Strafverfolgung hinkt massiv hinterher.

06. April 2026
Jürgen Stock (picture alliance/SPH/The Straits Times/Chong Jun Liang)

Umweltkriminalität ist nach Drogen- und Menschenhandel das drittgrößte Verbrechen weltweit. Sie versklavt Menschen, zerstört Natur, verursacht Krebs, treibt den Klimawandel voran und bereichert massiv die Organisierte Kriminalität (OK). Interpol und Vereinte Nationen gingen zuletzt von 281 Milliarden US-Dollar jährlichem Gewinn aus. Sicherheitsexperten halten das noch für zurückhaltend geschätzt. Das Ausmaß wächst jährlich um fünf bis sieben Prozent. Es geht um den Raub von Bodenschätzen, es geht um Wilderei, vergiftete Gewässer, illegal gerodete Wälder oder illegale Müllentsorgung. Zerstört werden viele einzelne Existenzen, aber auch globale Lebensgrundlagen.

Der Elan der Ermittlungsbehörden ist gemessen daran bis heute bescheiden. Ein verlässliches Lagebild existiert nicht – ganz anders als bei der Drogen- oder Cyberkriminalität. Bei Fragen nach dem Dunkelfeld bei der Umweltkriminalität verweist das BKA auf eine Studie aus dem Jahr 2001. Im Jahr 2024 hat die Behörde 9.336 Delikte erfasst. Im Vergleich dazu waren es 228.104 Drogendelikte. Allerdings heißt es aus dem BKA auch, dass es sich bei vielen Delikten der Umweltkriminalität um „opferlose“ Straftaten handle, die nur selten erkannt oder angezeigt würden. Eine verlässliche Aussage zum Dunkelfeld sei nicht möglich.

Jürgen Stock, bis Ende 2024 Interpol-Generalsekretär, warnt davor, das Phänomen zu unterschätzen. „Die Dimension ist gewaltig. Aber in vielen Teilen der Welt gilt: Low risk und high profit“, sagt er Table.Briefings. „Einen Regenwald macht man dann platt, wenn man weiß: Da passiert nicht viel.“ Bei einer Operation, die Stock begleitet hat, wurden hunderte Kinder in eine Mine gelockt, wo Verbrecher sie zur Arbeit im Bergbau zwangen. „Das ist moderne Sklaverei, menschenverachtend.“ Endprodukte landen auch in Europa. Was man zur Umweltkriminalität wisse, sei anekdotisch, dabei zeige sich das Ausmaß in vielen Teilen der Welt ganz ungeschminkt.

Einzelne Ermittlungserfolge durch Schwerpunktaktionen sind laut Stock bisher eher symbolischer Natur. Die OK werde dadurch kaum verdrängt; oft erwischten Ermittler eher die untersten in der Kette. „Wir müssen uns OK als etwas sehr Professionelles und sehr Flexibles vorstellen“, so Stock. Deliktfelder würden möglichst gewinnbringend miteinander verknüpft, tote Tiere auf den gleichen Routen wie Menschen oder Drogen geschmuggelt. Den Ermittlern sind die Kriminellen oft viele Schritte voraus. Umweltkriminalität gilt als sogenannte Holkriminalität: Je mehr Strafverfolgungsorgane und Verwaltungsbehörden investieren, je besser die internationale Zusammenarbeit funktioniert, desto mehr Delikte kommen ans Licht. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir nur die Spitze des Eisbergs kennen“, so Stock.

Der frühere Interpol-Chef hält mehr Investitionen, mehr Zusammenarbeit und eine neue politische Prioritätensetzung für zwingend. „Die gegenwärtige politische Situation bietet der OK Chancen. Mit absoluter Sicherheit sondiert sie die Lage sehr aufmerksam, um Lücken zu erkennen.“ Die OK profitiere von Kriegen, Spannungen, gesunkenem Vertrauen zwischen den Staaten und ihren Behörden. „Man müsste alle an einen Tisch bringen, Lageinformationen systematisch austauschen und Schwerpunktoperationen organisieren“, so Stock. „Institutionalisierte Zusammenarbeit wäre die Traummission.“ Zentren, die systematisch Akteure und Informationen zusammenführen.

Auch in Deutschland bleibt die Bekämpfung Stückwerk. 2023 hat das BMI eine Koordinierungsstelle zur Bekämpfung der Umweltkriminalität eingerichtet. Das BMF arbeitet an einer Strategie Zoll 2030, die die Behörden besser gegen die OK wappnen soll. Das BMUKN erklärte, dass es in die Stärkung der Ermittlungen gegen illegale Abholzung und Bergbau in Brasilien und gegen Wildtierkriminalität in Afrika investiere. Immerhin begleitet die Regierung internationale Verhandlungen zur Stärkung des Rechtsrahmens und stimmt gerade eine EU-Richtlinie über den strafrechtlichen Schutz der Umwelt ab. Der Koalitionsvertrag versteht Umweltkriminalität als „eines der wichtigsten Betätigungsfelder“ für die OK und versprach einen Nationalen Aktionsplan. BMF, BMI und BMJV stellten Ende Februar auch einen vor - gegen die OK. Im Kontext mit Geldwäsche findet Umweltkriminalität Erwähnung. Der große Wurf ist aber bislang ausgeblieben.

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Letzte Aktualisierung: 06. April 2026