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Friedrich Merz und die CDU: Wie umgehen mit den Träumen, die er selbst geweckt hat?

Friedrich Merz und die CDU stehen vor einem heiklen Parteitag – viele Delegierte erwarten Antworten auf enttäuschte Reformhoffnungen, vor allem in Wirtschafts- und Sozialpolitik. Entscheidend wird sein, ob Merz den Frustrierten glaubhaft entgegenkommt.

19. Februar 2026
Friedrich Merz beim Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates im Mai 2025 (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)

Wenn Friedrich Merz am Freitagvormittag den CDU-Parteitag eröffnet, werden viele der knapp 1.000 Delegierten vor allem eine Frage im Gepäck haben: Wie spricht er über die Sorgen, die viele Christdemokraten umtreiben? Merz und seine Leute wissen: Dabei geht es nicht um den ungebremsten Krieg in der Ukraine; es geht nicht um Donald Trump und sein Wirken. Es geht um Hoffnungen, die Merz über viele Jahre erzeugte – und bis jetzt enttäuschte. Im ersten Jahr seiner Amtszeit als Kanzler ist viel geschehen, aber eines weitgehend ausgeblieben: dass er seinen stärksten Unterstützern erkennbar entgegengekommen wäre.

Man muss sich den 13. Mai 2025 in Erinnerung rufen, um die Dimension des Ärgers einzuordnen. An diesem Tag wurde der damals frisch gewählte Kanzler auf dem Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates nicht nur beklatscht und gefeiert. Er wurde im großen Saal des Marriott Berlin als Retter bejubelt. Vorneweg dieser Wirtschaftsrat, der ihm nach seiner Rückkehr in die Politik als besondere Bühne diente, glaubte in diesem Moment beseelt an die ganz große Wende, in der Steuer-, in der Sozial- und in der Rentenpolitik. Ihr „Friedrich“ zog ins Kanzleramt ein, das war das Gefühl, mit dem für sie das neue Leben beginnen sollte.

Und sie waren damit nicht allein. Auch die Junge Union, die Junge Gruppe im Parlament, die MIT und der Parlamentskreis Mittelstand legten größte Hoffnungen in den neuen Kanzler. Merz hatte nach den letzten Merkel-Jahren riesige Erwartungen geweckt. Er hatte versprochen, dass er es ganz anders und viel besser machen würde als seine Vorgänger. Diese Träume sind es, die heute wie Blei auf ihm lasten, weil er sie bis jetzt so gar nicht erfüllt hat. Der CDU-Chef hatte sich selbst zur Projektionsfläche für Umbau, Neuanfang und Reformen gemacht. Deshalb ist es nur verständlich, dass gerade diese einflussreichen Gruppen nach wie vor lautstark nach Veränderungen rufen.

Viele Delegierte sind ziemlich unzufrieden nach Stuttgart aufgebrochen. Das kann man aus nahezu allen Landesverbänden so hören. Sie wissen um die Nöte draußen in der Welt. Aber sie sehen zu wenig Antworten auf die riesigen, vor allem ökonomischen Probleme zuhause. Die meisten sind zu lange im Geschäft, um nicht zu verstehen, dass Koalitionen komplizierte Gebilde sind. Aber sie haben bis heute das Gefühl, dass „der Friedrich im Kanzleramt“ mehr über die SPD nachdenkt als über die Enttäuschungen der eigenen Leute. Ausgerechnet er, der die Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel beklagt hatte.

Zumal längst tausende Christdemokraten von der Basis nach Berlin morsen, wie sehr die Wirtschaft an vielen Stellen wegbricht. Ihr Gefühl ist, dass Berlin zu wenig Reaktion liefert. Alle Wahlkämpfer, ob im März im Südwesten oder im Herbst im Nordosten, spüren, wie sehr echte Existenzängste selbst dort um sich greifen, wo man das jahrzehntelang überhaupt nicht kannte. So richtig es ist, dass Merz auch Trump und China dafür Verantwortung zuweist – als Ansage auf dem Parteitag wird das nicht mehr reichen.

Aus diesem Grund werden sie im Kanzleramt bei der Rede mitfiebern. Sie ist wichtiger geworden als ihm lieb sein kann. „Entscheidend wird nicht sein, wie er über die Welt redet. Entscheidend ist, wie er auf die Enttäuschten zugeht“, sagt einer, der schon lange für einen großen Landesverband auf Parteitage geht. Richtmarke für einen Erfolg bei seiner Wiederwahl seien die 90 Prozent. Fünf Prozent hoch oder runter – das werde sehr davon abhängen, ob er es schaffe, „gegenüber den Frustrierten den richtigen Ton zu finden“. Ein Spagat, den der Kanzler bis jetzt nicht geschafft hat. Er darf nichts Falsches versprechen und muss sie doch emotional für sich zurückgewinnen.

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Letzte Aktualisierung: 19. Februar 2026