Indische Migration nach Deutschland: Wo nachgesteuert werden muss

Berlin und Neu-Delhi wollen die Zusammenarbeit ausweiten, zuletzt mehrten sich aber problematische Fälle. Zwei Fachleute regen Änderungen an.

DK
SS
23. März 2026
Fordern eine stärkere Regulierung: David Kipp und Seeta Sharma (SWP/FES)

Bei seinem Staatsbesuch in Indien Anfang des Jahres betonte Friedrich Merz die Zuwanderung von Fachkräften und Studierenden sei eine große Chance. Auch Premierminister Narendra Modi will die migrationspolitische Zusammenarbeit weiter vertiefen. In den vergangenen Jahren ist sie zu einem zentralen Bindeglied der deutsch-indischen Beziehungen geworden.

Doch jenseits der symbolischen Bedeutung des Themas zeigt sich: Die Migrationsbewegungen werden anfälliger für Fehlentwicklungen. Seit 2020 hat sich die Zahl indischer Staatsangehöriger in Deutschland mehr als verdoppelt – auf mittlerweile über 310.000. Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung der Menschen, die kommen: Während die Anzahl Hochqualifizierter zurückgeht, die über die Blaue Karte EU einreisen, kommen immer mehr Inderinnen und Inder als Studierende, Auszubildende und Arbeitsuchende – etwa über die neue Chancenkarte.

Das eröffnet Möglichkeiten, erhöht aber auch Risiken. Immer mehr Berichte zeigen problematische Entwicklungen: Viele junge Inderinnen und Inder reisen mit hohen Erwartungen ein, nachdem sie erhebliche Gebühren an private Vermittlungsagenturen gezahlt haben. Einige landen an zweifelhaften privaten Hochschulen mit begrenzten Berufsperspektiven. Um ihre Schulden abzubezahlen, nehmen viele befristete Jobs bei Lieferdiensten, in der Logistik oder anderen Niedriglohnbranchen an. Zudem sehen sie sich mit hohen Mieten, prekären Wohnverhältnissen und dem ständigen Druck konfrontiert, ihren Aufenthaltsstatus nicht zu verlieren.

Ein zentraler Treiber dieser Dynamik sind weitgehend unregulierte private Vermittlungsagenturen in Indien. Sie unterstützen Migranten häufig effektiv und flexibel. Nicht selten machen sie dabei aber auch unrealistische Versprechen – da wird die „Chancenkarte“ für eine temporäre Migration zum Beispiel als „Garantiekarte“ verkauft. Andere relevante Informationen – etwa über die guten Studienbedingungen an weitgehend kostenfreien staatlichen Universitäten – erreichen viele Inder dagegen nicht.

Wenn Deutschland und Indien wollen, dass ihre Migrationspartnerschaft ein nachhaltiger Erfolg bleibt, müssen darum folgende Maßnahmen ergriffen werden.

  1. Deutschland sollte gezielt die Zugangswege in den Blick nehmen, die sich als problematisch erweisen – insbesondere bei Studierenden-Visa und der Chancenkarte. Eine bessere Vorbereitung vor der Ausreise, etwa durch verpflichtende Online-Orientierungskurse und den Ausbau von Sprachförderung, wäre ein wichtiger Schritt. Die in der Vergangenheit erfolgte Lockerung der Sprachanforderungen bei der Visa-Erteilung sollte kritisch überprüft werden, da Sprachkenntnisse ein zentrales Auswahl- und Integrationskriterium sind.

  2. Es braucht mehr Unterstützung beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Initiativen der Bundesagentur für Arbeit sollten gemeinsam mit Arbeitgebern und regionalen Netzwerken ausgebaut werden. Indische Studierende bieten ein bislang unzureichend genutztes Fachkräftepotenzial, zumal viele von ihnen MINT-Fächer studieren, die auf dem Arbeitsmarkt weiterhin stark nachgefragt sind.

  3. Indien ist gefordert, die Regulierung privater Vermittlungsagenturen deutlich zu verbessern. Transparente Gebührenstrukturen, verbindliche Standards und effektive Kontrollmechanismen sind entscheidend, um betrügerische Praktiken einzudämmen. Eine umfassende Reform des aus den frühen 1980er-Jahren stammenden dortigen Migrationsgesetzes sollte nicht weiter aufgeschoben werden.

Schließlich müssen beide Seiten ihre Informationsstrategien überdenken. Staatliche Informationsplattformen wie Make it in Germany oder das jüngst von der EU-Kommission in Indien eingeweihte European Legal Gateway Office erreichen viele Interessierte bislang kaum. Digitale Kampagnen – auch in regionalen Sprachen – und Kooperationen mit vertrauenswürdigen Vermittlungsstrukturen könnten hier deutlich mehr Wirkung entfalten.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 23. März 2026