Deutsche Atomanlage als Einfallstor für Russland: Warum die Politik Rosatoms Pläne in Lingen unterbinden muss

Im niedersächsischen Lingen sollen künftig gemeinsam mit dem russischen Staatskonzern Rosatom Brennelemente für AKWs russischer Bauart produzieren. Das würde neue Abhängigkeit schaffen und Russland Zugriff auf kritische Infrastruktur ermöglichen, warnt unser Gastautor.

VS
23. April 2026
Vladimir Slivyak, Umweltaktivist aus Russland, Träger des alternativen Nobelpreises
Vladimir Slivyak

2026 ist das Jahr des Gedenkens an die zwei größten Atomkatastrophen der Menschheit: zum fünfzehnten Mal jährt sich die Katastrophe von Fukushima. Am kommenden Sonntag, dem 26. April, ist der 40. Jahrestag des Super-GAUs von Tschernobyl. Beide Ereignisse führten der Welt vor Augen, wie schnell atomare Gefahren auch über Landesgrenzen hinweg Umwelt und Gesellschaften gefährden. Umso fataler war der Auftritt von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Mitte März bei einem Kernenergie-Gipfel in Paris, auf dem sie sich für eine nukleare Renaissance in Europa aussprach.

Auffällig war, dass ein Wort in ihrer Rede fehlte: Russland. Allein im Jahr 2024 importierten die EU-Atomkraftwerksbetreiber 15 Prozent ihres Urans aus Russland. Vergangenes Jahr führte allein Frankreich 39 Prozent seines angereicherten Urans aus Russland ein. Vor dem Hintergrund dieser strukturellen Abhängigkeit von Russland ist der Wunsch nach einer „Renaissance“ ein schwerwiegender strategischer Fehler.

Um dies zu erkennen, reicht der Blick ins niedersächsische Lingen. Das französische Atomunternehmen Framatome plant, seine dortige Brennelementefertigung zu erweitern, um Brennstäbe für russische VVER-Reaktoren in ganz Osteuropa zu produzieren. Dazu möchte es mit TVEL kooperieren, eine Tochtergesellschaft des staatlich-russischen Atomkonzerns Rosatom. Die Entscheidung über die Genehmigung liegt formal beim Umweltministerium in Niedersachsen, aber faktisch hat auch die Bundesregierung großen Einfluss, weil die Länder die Atomaufsicht in ihrem Auftrag wahrnehmen und sie gegebenenfalls Weisungen erteilen kann.

Die Genehmigung dieses Projekts würde Rosatom in die westliche Atom-Infrastruktur einbinden – und zwar genau in dem Moment in dem Europa sich bemüht, seine jahrzehntelange Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu verringern. Das Projekt erinnert fatal an den Umgang Deutschlands mit Nord Stream I und II oder den Verkauf der deutschen Gasspeicher an Gazprom. Auch diese Kooperationsprojekte, die sich spätestens mit Russlands Invasion in der Ukraine als weitreichende politische Fehlentscheidungen herausstellten, fingen vermeintlich harmlos an.

Ich habe jahrzehntelang verfolgt, wie Russland auf genau diese Weise immer wieder Zugriff auf kritische Infrastruktur im Ausland erlangen konnte. Am Anfang solcher Deals mit Russland klingt immer alles wie eine ganz reguläre, rationale wirtschaftliche Partnerschaft. Den geostrategischen Preis zahlen die Partner meist deutlich später. Framatome beteuert, dass im Zuge der Kooperation kein russisches Personal in Lingen arbeiten werde - eine gewagte Behauptung. TVEL-Maschinen erfordern TVEL-Ingenieure. In Russland entwickelte Anlagen werden nicht ohne russische Spezialisten gewartet werden können, genauso wie Reaktoren aus der Sowjetzeit in der EU nach wie vor von Rosatom-Personal instandgehalten werden.

Doch die Anwesenheit russischer Ingenieure in Lingen ist kein kalkulierbares Risiko, das nur irgendwie gemanagt werden muss. Wer dies zulässt, öffnet dem russischen Geheimdienst FSB die Tür zu hochkritischer Infrastruktur. Die FSB-Agenten sind fester Bestandteil bei den Geschäften von Rosatom. Die Vorstellung, dass routinemäßige Wartungsbesuche ohne Personal mit Verbindungen zum FSB stattfinden, ist daher naiv.

Die deutlichsten Beweise für die wahre Natur von Rosatom können in der Ukraine beobachtet werden. Als russische Truppen Saporischschja, das größte Atomkraftwerk Europas, besetzten, waren Rosatom-Mitarbeiter dabei. Die ukrainischen Arbeiter wurden festgenommen, der Betrieb unter russische Kontrolle gestellt. Rosatom war von Anfang an eingebunden und übernahm für Russland die Leitung des Atomkraftwerks. Darüber hinaus ist Rosatom wichtiger Teilt der russischen Waffenfertigung. Die Washington Post hat schon früh nach Kriegsbeginn berichtet, wie Rosatom sanktionierte russische Waffenhersteller mit Hightech-Komponenten beliefert, die im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden. Ein Unternehmen, das derart in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verstrickt ist, darf kein Partner westlicher Unternehmen sein.

Es gibt eine Frage, die viel zu selten gestellt wird: Warum sollte Rosatom einem solchen Geschäft wie in Lingen überhaupt zustimmen? Die Brennstabherstellung ist eine lukrative Technologie, die Russland Einfluss auf alle europäischen Länder verschafft, welche VVER-Reaktoren betreiben. Diese Technologie mit einem westlichen Konkurrenten zu teilen, macht wirtschaftlich keinen Sinn. Es sei denn, es geht gar nicht nur um wirtschaftliche Interessen, sondern um den Zugang an sich. Wenn russische Staatsakteure ein Angebot machen, das solche Folgekosten in Kauf nimmt, sollte man daher hellhörig werden.

Europäische Sicherheitsforscher haben dokumentiert, wie staatlich geförderte Akteure aus Russland, darunter die Gruppen „Dragonfly“ oder „Energetic Bear“, jahrelang durch Cyberangriffe Energietechnologie von westlichen Firmen gestohlen haben. Die physische Präsenz in einer Anlage wie Lingen ist unvergleichlich wertvoller. Das Personal kann Sensoren einbauen, Lieferketten kartieren, Schwachstellen identifizieren und Kontakte knüpfen, die mit der Zeit zu einem Druckmittel werden. Ist dieses System einmal etabliert, ist es extrem schwer wieder zu beseitigen. Das ist das eigentliche Ziel. Die Präsenz von Rosatom könnte sicherlich nicht durch eine einfache Vertragskündigung beendet werden.

Gerade Deutschland sollte diese Vorgehensweise endlich (er)kennen, auch mit Blick auf die dadurch drohende, massive Abhängigkeit von einem uns feindlich gesonnenen Regime. Jahrelang wurde für Nord Stream mit denselben Argumenten geworben, die jetzt für Lingen verwendet werden: Pragmatismus, gegenseitiges Interesse, wirtschaftliche Notwendigkeit. Kritikern wurde vorgeworfen, sie seien ideologisch, der Handel schaffe Stabilität. Dann hat Russland das Gas als Waffe eingesetzt und Deutschland lernt seitdem in einem schmerzhaften, langwierigen und vor allem teuren Prozess, was strategische Verwundbarkeit tatsächlich kostet.

Die Argumente, die heute für Lingen vorgebracht werden, sind fast wortgleich mit denen, die einst für Nord Stream vorgebracht wurden. Das Lingen-Projekt birgt das gleiche Risiko – diesmal jedoch in einem Sektor, der noch deutlich sensibler und vor allem gefährlicher ist als Pipelines. Nachdem die Bundesregierung mehrere Jahre hart daran gearbeitet hat, die Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern, sollte sie sich gut überlegen, ob es nun Rosatom und FSB-Agenten ernsthaft den Zugang zu einer Kernbrennstoffanlage auf deutschem Boden gewähren will.

Wenn wir den Blick weiten, zeigt sich auch die Verantwortung Europas. Bevor auf dem Kontinent wieder nukleare Euphorie ausbricht und die angebliche – auch rein wirtschaftlich ungerechtfertigte – Renaissance der Atomkraft heraufbeschworen wird, sollte zwingend auch geprüft werden, welche systematischen Abhängigkeiten dadurch von Russland entstehen – in einer Zeit maximaler Entfremdung.

Lingen ist ein wichtiger Test dafür, ob Deutschland und die EU die richtigen Lehren aus den vergangenen Jahren gezogen haben. Ob die „Zeitenwende“ wirklich in den Köpfen der Entscheider*innen angekommen ist. Berlin muss dieses Projekt blockieren. In der Vergangenheit mag das komplette Ausmaß zunächst schwer zu erkennen gewesen sein, in dem eine Zusammenarbeit mit Russland die europäische Sicherheit gefährdet. Bei Lingen besteht darüber keinerlei Zweifel.

Vladimir Slivyak ist Mit-Gründer und Co-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation Ecodefense und Träger des Right Livelihood Award.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 23. April 2026