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„Der Iran darf nicht im Chaos versinken“

In ihrem Gastbeitrag schreibt die in Teheran geborene Justizsenatorin Berlins Felor Badenberg (CDU) warum der Tod Khameneis für sie nicht nur ein politischer, sondern auch ein persönlicher Einschnitt ist.

FB
01. März 2026
Felor Badenberg

Wir in Berlin wissen, wie es ist, wenn gute Freunde plötzlich im Gefängnis verschwinden, Familien keine Auskunft erhalten, was mit den Liebsten passiert. Schon allein aus diesem Grund gingen meine Gedanken gestern natürlich als Erstes zu allen, die vom Terror-Regime Ali Khameneis und seinen Handlangern über Jahr und Jahrzehnte unterdrückt, gefoltert, ja sogar ermordet wurden.

Für mich und meine Familie bedeutet der Tod des Mannes, der über Jahrzehnte das Gesicht der Islamischen Republik geprägt hat, ein erstes Aufatmen können. Wir dürfen nun hoffen, dass Oppositionelle, Andersdenkende und Angehörige von Minderheiten nicht länger systematisch verfolgt, inhaftiert, gefoltert und hingerichtet werden.

Und gleichzeitig dürfen auch die Menschen im Libanon, im Jemen, im Irak und in Syrien davon ausgehen, dass die aus dem Iran gesandten bewaffneten Truppen sie nicht länger tyrannisieren werden – in freudiger Erwartung, dass die Stabilität der gesamten Region besser wird.

Aber natürlich bin ich nicht naiv: wir wissen zu wenig, wie grundlegend die Veränderung im Iran und damit dann auch in der Region sein werden.

Für mich ist dieser Moment nicht nur ein politischer Einschnitt, sondern auch ein persönlicher. Ich bin im Iran geboren. Meine Familie hat erlebt, was es bedeutet, wenn ein Staat Freiheit unterdrückt, Recht dem Machterhalt unterordnet und Kritik als Bedrohung begreift. Viele Menschen im Iran haben in den vergangenen Jahren – unter großem persönlichem Risiko – Mut bewiesen. Sie sind auf die Straße gegangen, haben Freiheit und Würde eingefordert und damit gezeigt, dass der Wunsch nach Selbstbestimmung stärker ist als jede Repression.

Es tut mir weh zu wissen, dass nach all dem Leid der letzten 50 Jahre jetzt kein Moment entsteht, wie wir ihn am 9.November 1989 gemeinsam begehen durften, denn für die Menschen im Iran beginnt jetzt erst einmal eine Phase tiefgreifender Unsicherheit. Manche Menschen empfinden Erleichterung, andere blicken mit Sorge auf das, was nun folgt. Die überwiegende Mehrheit eint vor allem die Frage: Wird sich endlich ein Weg in Richtung Rechtsstaatlichkeit und Freiheit eröffnen – oder drohen neue Machtkämpfe, neue Repressionen, vielleicht sogar neue Gewalt?

Die kommenden Wochen und Monate werden entscheidend sein. Ein politischer Neuanfang ist möglich. Ebenso real ist jedoch das Risiko, dass sich die bestehenden Machtstrukturen neu formieren und an der Unterdrückung festhalten. Die Beharrungskräfte eines autoritären Systems sind nicht zu unterschätzen.

Eines ist für mich klar: Der Iran darf nicht im Chaos versinken. Die Menschen dort verdienen Stabilität, Rechtssicherheit und eine verlässliche Perspektive auf Freiheit und Selbstbestimmung – ohne Machtvakuum, ohne neue Gewalt, ohne weiteres Leid. Entsprechend sorgenvoll ist mir bewusst: dass der Zweck nie die Mittel heiligen kann. Wir alle wissen um das Für und Wider des Tyrannenmordes.

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Letzte Aktualisierung: 01. März 2026