Friedrich Merz und seine CDU: Öffentliche Disziplin und emotionale Distanz

Mit starkem Wahlergebnis und demonstrativer Geschlossenheit reist Friedrich Merz vom Parteitag ab – doch hinter den Kulissen rumort es. Viele in der CDU erwarten entschlossene Reformen und weniger Verständnis für den Koalitionspartner.

20. Februar 2026
Friedrich Merz nach seiner Wiederwahl (picture alliance/dpa/Revierfoto)

Zehn Minuten Schlussapplaus, ein gutes Wahlergebnis und ein friedlicher Besuch von Angela Merkel - nach außen ist der Parteitag für Friedrich Merz sehr akzeptabel gelaufen. 91,17 Prozent (2024: 89,81) sind deutlich mehr als er lange zu hoffen wagte. So gesehen kann er öffentlich das mitnehmen, was er in Stuttgart haben wollte: die Unterstützung seiner Christdemokraten für alles, was kommt. Insbesondere wenn es bald darum gehen wird, große Reformen in der Sozial-, Gesundheits- und Rentenpolitik auszuhandeln. Dass vom Frieden in Stuttgart auch die Wahlkämpfer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz profitieren, hat für die Delegierten freilich auch eine Rolle gespielt.

Und doch gibt es in Stuttgart neben der zelebrierten Disziplin auch eine emotionale Distanz zwischen dem Kanzler und seiner Partei. In den Reihen der Delegierten gibt es manchen, der es gar als Entfremdung erlebt. Vor allem unter jenen, die ihn in der Vergangenheit besonders unterstützten, wünschen sich viele mehr CDU-Handschrift in der Regierung. Sehnsüchte, die Merz mit seiner Rede nur bedingt bedient hat. Ihr Urteil, hörbar in vielen Landesverbänden: Zu viel Verständnis für die SPD, zu wenig Wille, auch selbst für konkrete Reformelemente einzutreten. Zu wenig Bemühen, die SPD auch mal in die Schranken zu weisen.

Merz bemüht sich, auf diese Gefühle einzugehen – wenn auch nur begrenzt. Nach langen Ausführungen über die außenpolitische Lage räumt der CDU-Chef ein, zu früh zu viel versprochen zu haben. Er habe „nicht schnell genug deutlich gemacht, dass wir diese gewaltige Reformanstrengung nicht von heute auf morgen schaffen werden“. Außerdem zeigt er Verständnis, dass viele Delegierte Bauchschmerzen bei der Aufweichung der Schuldenbremse haben. Er wisse sehr wohl, dass diese Öffnung für viele, auch im Saal, ein schwerer Brocken gewesen sei. „Ich möchte, dass Sie alle wissen: Das war es auch für mich“. Ja, die Entscheidung sei „die vielleicht schwerste, die ich in den letzten zwölf Monaten zu treffen hatte“.

Zugleich rückt Merz nicht davon ab, das Bündnis mit der SPD zu verteidigen. Mehr noch: Er kritisiert Reflexe und Rituale auch bei den eigenen Leuten. „Wir müssen raus aus dem Zustand, dass ein Koalitionspartner Vorschläge macht, die der andere ritualhaft zurückweist. Beide müssen da heraus.“ Wissend, dass nicht wenige Christdemokraten die Ursache dafür auch in einem zu laxen Umgang mit dem Koalitionspartner sieht, bittet Merz um Geduld. Union und SPD seien nun mal voneinander abhängig. „Beide Parteien leiden nach innen an diesem Zustand.“ Trotzdem werde es Reformen geben. „Die Debatten werden anstrengend, aber sie sind notwendig und wir müssen sie für den Erfolg unseres Landes führen.“

Im Saal macht das viele nicht wirklich glücklich. Hinter vorgehaltener Hand schimpft anschließend mancher. Man wolle zwar keinen Ärger provozieren, habe aber immer stärker das Gefühl, kaum noch verstanden zu werden. Ein ehemaliger Staatssekretär bezeichnet die Rede gar als „ego-fixiert“ und eine „Ansammlung von Plattitüden“. Andere vermissen mehr Klarheit bei den Zielen, von denen sie mit Merz als Kanzler geträumt haben. Gemessen daran sei sein Auftritt „langweilig, aber sicher“ gewesen. Trotzdem bleibt öffentlich vor allem das stehen, was der hessische Generalsekretär Leopold Born so zusammenfasst: „Das war eine starke Deutschland-Rede von Friedrich Merz.“ Er wünsche sich von der CDU das Zeichen, dass sie geschlossen hinter dem Parteivorsitzenden steht.

Am Ende reist Merz mit Rückendeckung ab – und weiß doch, dass die Erwartungen an ihn nicht kleiner werden. „Man merkt das in der Stimmung, auch hier auf dem Parteitag, dass viele in der Partei erwarten, dass wir jetzt die Reformen liefern“, sagt der Vorsitzende der Jungen Gruppe, Pascal Reddig, Table.Briefings. Zwar sei in einer Koalition klar, dass es Kompromisse geben müsse. „Aber das darf nicht der kleinste mögliche Nenner sein. Das war in der Vergangenheit meistens so und das muss sich diesmal ändern“, so Reddig. Es brauche große Reformen, dafür müsse sich auch die SPD bewegen. Reddig dürfte damit vielen Delegierten aus der Seele sprechen.

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Letzte Aktualisierung: 20. Februar 2026