Wie Politik und Gewerkschaften auf den Merz-Auftritt beim DGB reagieren

Die Rede des Bundeskanzlers beim Gewerkschaftskongress wurde an mehreren Stellen von Buhrufen und Pfiffen unterbrochen. Dafür gibt es Kritik, aber auch Verständnis.

Protest während der Kanzler-Rede (picture alliance/Chris Emil Janßen)

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB

Wir danken dem Bundeskanzler für seinen Besuch beim DGB-Bundeskongress. Wir unterstützen den Zielwunsch nach einem nachhaltigen, innovativen Wachstum. Aber: Wachstum entsteht nicht durch Sozialabbau oder durch die Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes, sondern durch Investitionen, Innovationen und einen starken EU-Binnenmarkt. Der Grundton, den wir auch den Arbeitgebern vorwerfen, bleibt falsch: Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Krise und dürfen nicht die Leidtragenden werden von Versäumnissen in Politik und Wirtschaft.

Jens Spahn, Vorsitzender der Unionsfraktion

Der Kanzler beschreibt die Realität. Davor die Augen zu verschließen und zu pfeifen, hilft nichts. (X)

Alexander Hoffmann, Chef der CSU-Landesgruppe

Das Verhalten auf dem DGB-Kongress gegenüber dem Kanzler ist nicht akzeptabel. Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften stehen gemeinsam in der Verantwortung, Deutschland aus der Wachstumsschwäche zu führen. Strukturprobleme lassen sich nicht durch Respektlosigkeit und Blockade auflösen, sondern nur durch Reformen, bei denen jeder seinen Beitrag leistet. (Bild)

Christine Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall

Ich fand die Reaktionen moderat. Man muss hier wirklich nichts aufbauschen. Er wollte dem Kongress nicht nach dem Mund reden, von daher war es eine ehrliche Rede. Ich hätte mir mehr Empathie gewünscht, es war sehr technisch. Er hätte es sich einfacher machen können mit einem ernstgemeinten: ‚Ich weiß, was Sie im Moment in den Betrieben aushalten und dass viele dort den Glauben an die Politik verloren haben.‘ Als Mensch sieht er die Probleme ja durchaus, aber er kann es nicht gut rüberbringen.

Gitta Connemann, Bundesvorsitzende der Mittelstandsunion und PStS im BMWE

Das Verhalten einiger DGB-Delegierter war völlig daneben. Wer nur pfeift und schreit, löst kein einziges Problem. Auch wenn es unbequem sein mag: Ohne Wachstum gibt es keinen Wohlstand. Ohne Wohlstand keine sicheren Jobs. Deutschland braucht jetzt Reformen statt Ritualempörung. (Bild)

Frank Werneke, Verdi-Vorsitzender

Man kann ihm zugutehalten, dass er bei seiner Rede mit einer geraden Linie unterwegs gewesen ist. Nach ein paar Höflichkeiten am Anfang hat er seine Reformagenda dargestellt, die in weiten Teilen eine Kürzungsagenda ist, was Sozialleistungen betrifft. Das hat erwartbar zu Unmut im Raum geführt. Das war aber in einem Maße, das ich okay finde. Das muss man als Bundeskanzler aushalten, dass man da nicht Applaus kriegt, sondern auch mal Kritik. Aus meiner Sicht fehlt ihm der Zugang zur Lebensrealität von Millionen von Menschen, die mit kleinen Einkommen auskommen müssen. Er hat keinen emotionalen Zugang zu dieser Welt von Menschen, die jeden Tag gucken müssen, dass sie über die Runden kommen. Darum fällt es ihm hier sehr schwer, den Funken herüberzubringen.

Marcel Fratzscher, DIW

Ich denke, er hat versucht, die Balance zu finden, seine Meinung und auch konfrontative Punkte einzubringen und gleichzeitig die Brücke zu den Beschäftigten nicht abzureißen (…) Er hat immer wieder betont, alle müssen sich beteiligen - auch der DGB. (…) Ich habe es nicht als eine Konfrontation, sondern als eine Einladung verstanden - beteiligt euch, eure Stimme ist wichtig. (ZDF)

Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler und bis 2024 Mitglied der Grundwertekommission der SPD

Die Reaktion fand ich sehr gut nachvollziehbar, weil die Aufgabe der Gewerkschaften darin besteht, Beschäftigten- und Sozialstaatsabbau zu verhindern. Sie können ja nicht gleich mit der Kompromiss-Position reingehen, sondern müssen deutlich sagen: Wir stehen dagegen. Auch der Kanzler hat das gut gemacht, finde ich: Er hat Klartext gesprochen und deutlich gemacht, dass auf die Beschäftigten einiges zukommt. Darauf können sich die Gewerkschaften dann einstellen und ihre Widerstandskraft entsprechend entwickeln. Wenn man die Auftritte von Gerhard Schröder erlebt hat, weiß man, das heute war vergleichsweise homöopathisch. Damals gab es ganz andere Krawallstürme und Auseinandersetzungen.

Dennis Radtke, Bundesvorsitzender der CDA

Einen Bundeskanzler pfeift man nicht aus. Man streitet in der Sache - hart, klar und leidenschaftlich, wenn es sein muss. Aber Respekt gehört zur demokratischen Kultur, gerade auf einem Gewerkschaftskongress. (dpa)

Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Friedrich Merz ist zunächst reserviert, aber freundlich empfangen worden. Auch seine Äußerungen zur Mitbestimmung und Demokratie sind freundlich und positiv aufgenommen worden. Seine Reform-Rhetorik hat dann allerdings zu großem Unmut geführt. Aus meiner Sicht dürfte das auch darauf zurückzuführen sein, dass seine Analyse gerade auch im Vergleich zu der sehr detaillierten und guten Grundsatzrede von Yasmin Fahimi am Vortag als oberflächlich und unterkomplex wahrgenommen wurde. Schlecht aufgenommen worden ist auch, dass Merz zwar abstrakt davon geredet hat, dass alle Opfer bringen müssen, im Konkreten aber von keinerlei konkreten Beiträgen gesprochen hat, die die Reichen im Land bringen. Die Stimmung im Saal zu Ende der Rede war wohl deshalb ausgesprochen eisig – aber auch etwas gedrückt, weil alle überrascht waren, wie einseitig die Rede des Kanzlers war.

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Letzte Aktualisierung: 12. Mai 2026