Wie die Linke versucht, die Gewerkschaftspartei zu werden

In Umfragen ist die Partei fast gleichauf mit der SPD und will ihr in der Sozialpolitik den Rang ablaufen. Dazu gehört auch ein enges Verhältnis zu den Arbeitnehmervertretern.

Linken-Chefin Ines Schwerdtner (5. v. l.) und Berlin-Spitzenkandidatin Elif Eralp (7. v. l.) am 1. Mai (picture alliance/NurPhoto/Tonny Linke)

„Wir müssen bündnisfähig sein und in einer Allianz mit den Gewerkschaften“, heißt es im Leitantrag für den Linken-Parteitag im Juni. Bisher ist traditionell die SPD die gewerkschaftsnahe Partei, wegen der aktuellen Reformdebatten gilt das Verhältnis aber als angespannt. Und auch in den Umfragen ist sie nicht mehr eindeutig die große Kraft auf der linken Seite des politischen Spektrums: Forsa sah beide Ende April bei zwölf Prozent, bei Insa führte die SPD mit 14 zu zwölf Prozent. Dementsprechend sagte auch die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner kürzlich, man sei bereit, die Sozialdemokraten herauszufordern, „weil sie ihren Job nicht machen“.

Anders als früher hat die Linke inzwischen auch an wichtigen Stellen in den Gewerkschaften eigene Leute. Da wäre zum Beispiel Benjamin-Immanuel Hoff, früher Leiter der Thüringer Staatskanzlei unter Bodo Ramelow. Seit Dezember ist er Ressortleiter für Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik im Vorstand der IG Metall. Oder Alexander Fischer, ehemaliger Staatssekretär von Katja Kipping während ihrer Zeit als Sozialsenatorin in Berlin. Er leitet seit knapp einem Jahr die Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim DGB-Bundesvorstand und ist auch Mitglied des Verwaltungsrats der Bundesagentur für Arbeit.

Zudem haben mindestens zehn Prozent der Linken-MdBs einen gewerkschaftlichen Hintergrund. Cem Ince etwa war zehn Jahre „Vertrauensmann“ bei der IG Metall und später Mitglied der sogenannten Vertrauenskörperleitung bei VW in Salzgitter. Mirze Edis hat rund drei Jahrzehnte Erfahrung als Mitglied des Betriebrats bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg und ist jetzt industriepolitischer Sprecher der Fraktion. Anne Zerr war als Gewerkschaftssekretärin bei Verdi in Baden-Württemberg zuständig für Beschäftigte im öffentlichen Dienst sowie für den Bereich Busse und Bahnen.

Dass in dem Bereich viele mitmischen wollen, zeigt die Verteilung der Sprecherposten. Statt sich auf einen zu einigen, hat die Fraktion gleich drei vergeben: Ince ist zuständig für „Gewerkschaftliche Kämpfe und Gute Arbeit in der Industrie“, Zerr für „Gewerkschaftliche Kämpfe und Gute Arbeit im Dienstleistungssektor“. Dazu kommt für „Gewerkschaftspolitik“ Pascal Meiser, der ebenfalls ausgebildeter Gewerkschaftssekretär ist.

Seit 2021 hat die Linke außerdem einen Gewerkschaftsrat. Zu den Mitgliedern zählte zuletzt Hans-Jürgen Urban vom Vorstand der IG Metall. Ende März beschloss der Parteivorstand eine Neuaufstellung: Die Verzahnung zwischen beiden Gremien soll intensiviert werden, mittelfristig brauche es eine „Gewerkschaftskoordination“ in der Bundesgeschäftsstelle. Die aktuelle Parteispitze bemühte sich früh um Kontakte: Ines Schwerdtner lud nach der Wahl zur Vorsitzenden den DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften zum Gespräch. Inzwischen habe man mit allen Kontakt gehabt und mit einigen „mehrfach einen guten Austausch“, heißt es aus dem Karl-Liebknecht-Haus.

„Alleine haben Beschäftigte heute oft kaum noch eine Chance, ihre Interessen durchzusetzen“, sagte Olga Fritzsche Table.Briefings. Sie ist im Parteivorstand und für den Gewerkschaftsrat der Partei verantwortlich. Nur gemeinsam können man etwas bewegen: Dies setze „eine breite Organisierung voraus, die wir bestmöglich unterstützen“. Wichtig dafür sei eine „vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit“ mit den Gewerkschaften.

Der DGB äußert sich zurückhaltender. Als Dachverband sei man parteipolitisch unabhängig und im regelmäßigen Austausch mit allen demokratischen Parteien, „die sich für die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einsetzen, inklusive der Linken“. Kontakt gibt es durchaus: DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell sprach 2025 beim „Mietengipfel“ der Linksfraktion im Bundestag, IG-Metall-Chefin Christiane Benner und Verdi-Chef Frank Werneke sprachen auf Parteitagen, Benner auch bei einem „Konvent“ vor der Europawahl.

Auch zu anderen Fachleuten aus dem Gewerkschaftsumfeld sucht die Partei den Kontakt. Vor einem Jahr veranstaltete die Rosa-Luxemburg-Stiftung an der TU Berlin die Konferenz Gewerkschaftliche Kämpfe als Antwort auf Rechtsruck, Transformation und Kürzungspolitik, 2027 soll es eine große Bundeskonferenz geben. Im Juni veranstaltet Agnes Conrad, MdB und Sprecherin für „nachhaltige Automobilpolitik“, eine Konferenz mit Branchenexpertinnen und -experten in ihrem Wahlkreis Schweinfurt. Dort hat der Zulieferer Schaeffler einen Standort, Conrad war früher Referentin des Konzernbetriebsrats.

Ende Oktober steht in Baden-Württemberg, wo die Linke wider Erwarten nicht den Einzug in den Landtag schaffte, eine „Regionalkonferenz gewerkschaftliche Erneuerung“ an. Aus dem Bundesland stammt auch Luigi Pantisano, der die Nachfolge von Jan van Aken als Co-Vorsitzender antreten will. Als „maßgebliche Aufgabe“ habe er sich die Rückgewinnung von Arbeiterinnen und Arbeitern vorgenommen, sagte er im Interview mit dem Magazin Jacobin. Noch ist die Linke davon weit entfernt, wenn man nach dem Wahlverhalten von Gewerkschaftsmitgliedern geht: 2025 stimmten nur zehn Prozent für sie. Auf den ersten drei Plätzen waren Union (23 Prozent), AfD (22 Prozent) und SPD (21 Prozent).

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Letzte Aktualisierung: 03. Mai 2026