Landtagswahlen: Warum die ländlichen Räume in der Krise sind - auch im reichen Baden-Württemberg

Am Sonntag wird in Baden-Württemberg gewählt. Das Land hat einen hohen Wohlstand und gute Strukturen im ländlichen Raum. Doch anstehende Veränderungen schüren auch Ängste.

05. März 2026
Eröffnung der Hermann Hesse- Bahn in Calw
Wiedereröffnung der Hermann-Hesse-Bahn, die den Nordschwarzwald mit Stuttgart verbindet: Mobilität ist im ländlichen Raum eine Zukunftsfrage. (picture alliance / imageBROKER | Manuel Kamuf)
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Baden-Württemberg ist stolz auf seine ländlichen Räume, von der Schwäbischen Alb bis an den Bodensee und in den Schwarzwald. Doch auch hier herrscht mancherorts Krisenstimmung.

Baden-Württemberg ist berühmt für seine mittelständischen Unternehmen, darunter viele Hidden Champions, im ländlichen Raum. Das führt bislang dazu, dass gut ausgebildete Fachkräfte vor Ort qualifizierte Arbeitsplätze finden und in der Region bleiben. Auch viele landwirtschaftliche Betriebe profitieren von diesen Strukturen. Abgehängte Räume suche man in Baden-Württemberg vergebens, sagte Agrarminister Peter Hauk (CDU) bei der Vorstellung einer Studie zur Resilienz von ländlichen Räumen. Das bestätigen ihm auch Experten des Thünen-Instituts oder die Autoren einer Prognos-Studie, die 91 Prozent der Kreise und Städte in Baden-Württemberg zu den Regionen mit überdurchschnittlichen Zukunftschancen zählen.

Doch der Wohlstand gerät unter Druck. Autoindustrie und Maschinenbau sind in einer Krise. „Das Straucheln der alteingesessenen Industrie wird von vielen Menschen als große Erschütterung wahrgenommen, die auch alte Gewissheiten und Lebenspläne infrage stellt“, sagt Claudia Neu, Expertin für ländliche Räume an der Universität Göttingen. „So entsteht der Eindruck eines kontinuierlichen Niedergangs. Diese Sorgen teilen auch Menschen, die selbst gar nicht betroffen sind, trotzdem aber Gefühle von Verunsicherung erleben, vielleicht auch von Bedrohung.“

Eine Transformation kann es ohne Brüche nicht geben. Zwar gehörte Baden-Württemberg zu den Solarenergie-Pionieren und verfügt über hochinnovative Unternehmen in Zukunftsbranchen. Doch sie ersetzen bisher noch nicht die alten Strukturen. „Es ist für Menschen sehr schwierig, sich auf etwas einzustellen, was sie noch nicht in den Händen halten können“, sagt Neu. Zudem kamen in den vergangenen Jahren weitere Krisen hinzu und verstärkten das Gefühl von Machtlosigkeit. Neu kritisiert, dass dies vor allem von der AfD adressiert werde: „Im Wahlkampf werden lieber Brezel-Tüten verteilt, als die Herausforderungen der Transformation klar anzusprechen und Lösungen anzubieten. Damit überlassen die Mitte-Links-Parteien aber die Bewirtschaftung der gesamten negativen Gefühle, die Menschen natürlich auch haben, wenn sie Veränderungen erleben, der AfD.“

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Politik sich nicht für die ländlichen Räume interessiert. Das zeigt die Ende 2025 veröffentlichte Mitte-Studie: 57 Prozent der Befragten finden demnach, dass politische Entscheidungen am Leben auf dem Land vorbeigehen. Das Gefühl der Vernachlässigung spiegelt sich auch in der Popularität der AfD: In den meisten Großstädten wie Stuttgart, Karlsruhe oder Freiburg erreichte die AfD bei der Bundestagswahl einen Anteil von um die zehn Prozent, in ländlichen Regionen wie Odenwald-Tauber, Zollernalb-Sigmaringen oder Rottweil-Tuttlingen dagegen um die 25 Prozent.

Der ländliche Raum kämpft zudem mit Überalterung. Obwohl Baden-Württemberg zu den jüngsten Bundesländern zählt, ist auch hier der demografische Wandel spürbar. 22 Prozent der Bevölkerung sind dank der hohen Lebenserwartung 65 Jahre und älter, 2050 werden es Prognosen zufolge 28 Prozent sein. Gleichzeitig gibt es durch niedrige Geburtenraten immer weniger junge Menschen, die wegen Ausbildung oder Studium vermehrt in Städten leben. Das zeigt sich deutlich in den Altersstrukturen zwischen Stadt und Land (siehe Grafik). Auch Unternehmen auf dem Land klagen zunehmend über den Mangel an Auszubildenden und jungen Fachkräften.

Altersstrukturen zwischen Stadt und Land, beispielhaft an Stuttgart und dem ländlichen Ortenaukreis im Schwarzwald.

Die Zusammenarbeit zwischen Kommunen wird daher immer wichtiger. Viele Gemeinden können die Vielzahl an Aufgaben kaum noch alleine stemmen. „Angesichts des Personalmangels und begrenzten finanziellen Mitteln ist eine Bündelung von Ressourcen von Vorteil“, sagt Annika Hiller von der Regionalentwicklungsagentur Neulandplus. Das sei auch schwierig, weil Gemeinden oftmals untereinander konkurrieren, meint Michael Janoschka, Regionalwissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): „Aber gerade kleine Gemeinden gewinnen, wenn es in der Regionalentwicklung Handlungsspielräume gibt und Kooperationsanreize geschaffen werden.“

Das Land braucht neue Konzepte, um die Daseinsvorsorge sicherzustellen und für jüngere Menschen attraktiv zu bleiben. Statt klassischer Supermärkte gibt es Dorfläden mit wenig oder gar keinem Personal, berichtet Hiller. Gemeinschaftshäuser oder ähnliche Orte werden geschaffen, um soziale Treffpunkte zu sichern, wenn die Dorfwirtschaft wegbricht. Dorf-Apps können neue Informationskanäle für jüngere Generationen sein und das Gemeindeblatt ablösen. Entwicklungsprojekte kümmern sich um den Leerstand im Dorfkern, statt Neubaugebiete auszuweisen, oder bauen große Häuser um, wenn die Kinder ausgezogen sind, sodass dort mehrere Familien oder auch Senioren-WGs leben können.

Damit verändern sich aber auch gewohnte Strukturen. Ehrenamt und Vereine spielen für die Verbundenheit mit der Region eine große Rolle. Wenn aber Sporthallen zusammengelegt werden müssen, bedeutet das auch längere Fahrtwege. „Alternative Mobilitätsangebote für jüngere Menschen oder ältere mit Mobilitätseinschränkungen ist zukunftsweisend für den ländlichen Raum“, sagt Hiller. Wenn kleine Krankenhäuser schließen, stößt das vor Ort meist auf Empörung. Dabei können kluge Konzepte die Gesundheitsversorgung sogar verbessern. In Schweden werde beispielsweise telefonische Beratung für Eltern gut angenommen, sagt Neu: „Die Rhetorik des Verlustes wird zu oft bedient. Häufig wird nur kommuniziert, was verloren geht – nicht aber, was Neues entsteht und wo die Zukunftschancen liegen.“

Viele Projekte im ländlichen Raum werden von der EU gefördert. Durch die GAP-Vorschläge der EU-Kommission für die Förderperiode ab 2028 befürchten Akteure, dass diese Förderung vernachlässigt wird. Das wurde auch auf dem Zukunftsforum Mitte Januar in Berlin deutlich. Für die Direktzahlungen an die Landwirtschaft wurde dagegen weiterhin eine feste Summe gesichert. Das könnte den Konflikt zwischen der Landwirtschaft und den anderen Akteuren des ländlichen Raums verschärfen. „Den Landwirten ist es durch ihre lauten Proteste gelungen, sich ihre eigenen Pfründe zu sichern“, sagt Neu. „Die Lobbypolitik der Landwirtschaft funktioniert. Die ländlichen Räume hingegen haben keine starke eigene Lobby, sie schaffen es nicht mal in den Namen des BMLEH.“

Die Landwirtschaft war immer das Zentrum der ländlichen Räume und ihrer Strukturen. Das ist auch weiterhin das Selbstverständnis vieler Landwirte. Der Strukturwandel und die im Vergleich zu anderen Sektoren niedrige Bruttowertschöpfung der Landwirtschaft rütteln jedoch daran. „Landwirtschaft ist Projektionsfläche für die Spannungen zwischen Stadt und Land“, sagt Janoschka. Die Rolle der Landwirtschaft wandelt sich aber und kann – beispielsweise im Tourismus – auch zur Attraktivität der Region beitragen. „Die Landwirtschaft wird ihre identitätsstiftende Rolle weiterhin behalten. Gleichzeitig verändern sich aber auch die Ansprüche an die Landwirte. Hier bestehen Möglichkeiten, über stärkere Wertschöpfungsketten in der Region, regionale Vermarktung und regionale Produkte Marken zu schaffen, die über den Ort regional und landesweit hinausstrahlen“, so Janoschka.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026