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„Investiert wird in alles, was aussieht wie Verteidigung“ – Helsing-CEO Torsten Reil über Souveränität, Blasen und den eigentlichen Wettbewerb

Europas Rüstungsindustrie braucht staatliche Aufträge für junge Firmen, um US-Konkurrenz Paroli bieten zu können. Helsing-Chef Torsten Reil warnt vor blinden Investitionen ohne Verständnis für komplexe Verteidigungsmärkte.

21. Februar 2026
„Ein Börsengang ist derzeit kein Thema“: Helsing-Co-CEO Torsten Reil (links) im Table-Podcaststudio.

In Europa können Defense-Champions entstehen, aber nur wenn der Staat Aufträge auch an junge Firmen vergibt, statt die etablierten Konzerne zu bevorzugen. „Das ist mit Abstand der beste Hebel, den der Staat hat“, sagt Torsten Reil, Co-CEO und Mitgründer von Helsing im Podcast Table.Today. Das bayerische Start-up entwickelt Waffensysteme von der Software ausgehend – entstehen soll ein vernetztes Arsenal größtenteils autonomer Drohnen – in der Luft, unter Wasser oder im All.

Die staatlichen Aufträge seien wichtig, denn das strukturelle Problem bleibt: Wachstumskapital ist in Europa knapp. „Es ist oft so, dass man in die USA gehen muss“, sagt Reil – erst bei späten Runden sei die Anteilsabgabe aufgrund der höheren Bewertung aber gut kontrollierbar. „Diese Sequenz, anzufangen mit europäischen Investoren und dann langsam aufzumachen für amerikanische, hat gut für uns funktioniert.“ Das Rüstungs-KI-Start-up gilt mit einer Bewertung von zwölf Milliarden Euro als wertvollstes deutsches Start-up; zuletzt sammelten Reil und sein Co-CEO Gundbert Scherf 600 Millionen Euro ein, unter anderem von Spotify-Gründer Daniel Ek und dem US-Fonds General Catalyst.

Im Vergleich zu dem US-Wettbewerber Anduril wirkt Helsing dennoch klein. Das kalifornische Unternehmen wird mit 30,5 Milliarden US-Dollar bewertet und kann mit zweistelligen Milliardenaufträgen der US Army punkten. „Ähnliches wird auch in Europa möglich sein.“ Entscheidend sei insbesondere das Verteidigungsbudget – und das wächst: von 52 Milliarden Euro im Vorjahr auf 153 Milliarden Euro im Jahr 2029.

Helsing drückt bei seinem Vorzeigeprojekt, dem autonomen Kampfflugzeug CA-1, aufs Tempo. Gerade wurde eine enge Kooperation mit dem Verteidigungskonzern Hensoldt angekündigt. Was dabei auffällt: Dem Start-up gelingt, woran viele scheitern – es zieht einen etablierten Rüstungskonzern in sein Ökosystem, nicht umgekehrt. Der Erstflug ist für 2027 geplant, operativ einsatzfähig soll die Jet-Drohne dann 2029 sein, wie Reil im Gespräch konkretisiert.

Die eigentlichen Antreiber seien dabei nicht US-Wettbewerber wie Anduril, sondern vielmehr das vergleichbare CCA-Projekt des US-Militärs und vor allem geopolitische Entwicklungen. „Russland ist mittlerweile sehr gut, Systeme in sehr großen Zahlen herstellen zu können“, sagt Reil – und das werde von vielen unterschätzt. Die entscheidende Frage laute, wer autonome Systeme massenhaft produzieren, mit Künstlicher Intelligenz ausstatten und im Konfliktfall schnell hochskalieren kann. Helsings autonomes Kampfflugzeug CA-1 soll 2027 erstmals fliegen, 2029 operativ sein – es ist ein ambitionierter Zeitplan. „Die geopolitische Lage bestimmt den Druck, weniger der Wettbewerb.“

Bekannt wurde Helsing nicht zuletzt durch seine Kamikaze-Drohnen für die Ukraine, zu denen es zuletzt allerdings negative Berichte gab. Dass in der Ukraine auch Fehler passiert sind, räumt Reil offen ein. Systeme, die Tests in Deutschland mit 100 Prozent Trefferquote bestanden haben, zeigten im Fronteinsatz „Kinderkrankheiten“. Der Kampfeinsatz sei eine Lernkurve, auf der man sich befinde.

80 Prozent der heutigen Defense-Start-ups werden nicht überleben, glaubt Reil. Seine Diagnose ist eindeutig: „Mittlerweile wird teilweise wahllos investiert in alles, was aussieht wie Verteidigung.“ Die Blase sehe er weniger bei großen Firmen wie seiner eigenen, sondern bei der Investitionslogik dahinter: Viele VCs ohne Verteidigungserfahrung investierten nur in Einzelprodukte, die interessant aussehen.

Der Knackpunkt sei aber nicht das Produkt, sondern der Marktzugang. Viele Venture-Capital-Geber unterschätzten, was im Verteidigungsmarkt wirklich zählt: Beschaffungslogik, länderspezifischer Marktzugang, Skalierbarkeit. „Product Market Fit ist nur ein kleiner Teil von dem, was wirklich notwendig ist“, sagt Reil.

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Letzte Aktualisierung: 21. Februar 2026