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DB-Betriebsratschef: „Jetzt ist die Zeit des Handelns"

Nach dem Tod des Bahnmitarbeiters in einem Zug bei Landstuhl ist das Entsetzen groß. Der Betriebsratschef der DB Regio, Ralf Damde, beobachtet die Gewalt in den Zügen seit Jahren und fordert nun Handeln. Er sagt aber auch: „Das wird Geld kosten."

10. Februar 2026
Ralf Damde
DB-Regio-Betriebsratschef Ralf Damde

Herr Damde, wir haben vor 16 Monaten schon einmal über Gewalt und Übergriffe in den Zügen der DB Regio gesprochen, und Sie haben sehr deutlich gemahnt. Was hat sich seither getan?

Es ist traurig. Ja, wir haben damals gesprochen. Ich begleite das Thema seit nunmehr acht Jahren, und es wird immer schwieriger, noch irgendwelche Fortschritte zu beschreiben. Ein bisschen was hat tatsächlich stattgefunden, die Bodycam ist ausgebaut worden, also Kameras am Körper der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Datenlage ist inzwischen verbessert – aber unsere wesentlichen Forderungen, etwa die Bodycams mit Ton auszustatten, oder der zweite obligatorische Kundenbetreuer im Zug, das haben wir nicht geschafft.

Konkret, wieviele Züge werden, wie vergangene Woche in Rheinland-Pfalz nur von einem Kundenbetreuer begleitet oder auch von überhaupt keinem?

Erfasst wird das im Moment nicht. Aber gehen Sie davon aus, dass die bestehenden Verträge ganz überwiegend eine Ein-Personen-Besetzung vorsehen. Meines Wissens gibt es im Moment keine Verträge, die eine Doppelbesetzung vorsehen.

Es ist aber auch nicht unüblich, dass Züge gar nicht mehr begleitet werden?

Genau so ist es. Es gibt die sogenannten Prüfquoten. Die legen fest, wieviele Züge in dem jeweiligen Netz innerhalb von 24 Stunden mit wieviel Personal besetzt werden. Und diese Prüfquoten liegen in etwa bei 30 bis 40 Prozent.

Das ist der Anteil der Züge ohne Begleitpersonal?

Nein, mit Begleitpersonal.

Das heißt, zwei Drittel der Züge der DB Regio fahren ohne Kundenbetreuer?

Jawoll!

Und der Grund ist, dass die Länder als Auftraggeber nicht mehr bestellen oder nicht bezahlen?

Genau so ist es.

Vermutlich hätten Sie gerne mehr Personal, stoßen aber in der Regel auf taube Ohren. Richtig?

Auch das verhält sich genau so. Ich sage schon die ganze Zeit: Die Zeit von „Geiz ist geil“ ist vorbei, muss vorbei sein. Wer am wenigsten Leistung und am wenigsten Menschen anbietet, gewinnt die Aufträge, muss aber gleichzeitig so günstig wie möglich sein. Solange die Zweckverbände – wie in Rheinland-Pfalz seit Jahren üblich – antworten, „Sicherheit ist nicht unser Thema“, so lange haben wir ein Problem.

Das war in Rheinland-Pfalz bisher so üblich, Sicherheit als Non-Thema zu betrachten?

In Rheinland-Pfalz haben die Zweckverbände bisher immer gesagt, Sicherheit ist nicht unser Thema. Aber jetzt ist auch die Politik gefordert. Wir tragen die Doppelbesetzung seit Jahren vor uns her wie eine Monstranz. Es ist nicht mehr zumutbar, dass die Kollegen allein fahren.

Und wie stellt sich das Landes-Verkehrsministerium dazu? Fungiert das nicht als eine Art Aufsichtsorgan für die Verkehrsverbände?

Leider nein. Auch das gehört reformiert. Es gibt keine Aufsicht, sondern es besteht höchstens die Möglichkeit, dass der Gesetzgeber Vorgaben macht. Die sind bisher nicht gemacht worden. Deshalb begrüße ich auch den Vorstoß von Ministerpräsident Alexander Schweitzer, der eine Sonder-Verkehrsministerkonferenz vorschlägt, auf der noch einmal die Finanzen besprochen werden sollen. Da soll auch über zusätzliche Mittel gesprochen werden. Ich selbst habe diese Woche die erste Einladung aus Rheinland-Pfalz zu einem runden Tisch zum Schienenpersonennahverkehr bekommen. So ein Thema kann nicht jeder für sich alleine regeln und an den Ländergrenzen ist dann Schluss. Hier muss es zu Verabredungen kommen, bei der dann sicher auch der Bund eine wichtige Rolle spielt, sowohl durch das Verkehrs- als auch das Innenministerium.

Wer soll das bezahlen – die Zweckverbände oder erwarten Sie Geld von den Ländern?

Der Schienenpersonennahverkehr wird über die Regionalisierungsmittel bezuschusst, und die stellt der Bund den Ländern zur Verfügung. Die Länder teilen die Mittel dann auf ihre Zweckverbände auf. Nur, dieses Geld hat noch nie ausgereicht. Deshalb verstehe ich die Verkehrsverbünde, wenn die sagen, wenn ich in mehr Sicherheit investiere, muss ich bei der Leistung sparen. Dann reichen die Mittel einfach nicht. Deshalb finde ich: Der Bund muss nachsteuern und die Mittel erhöhen.

Wir sprachen seinerzeit auch über rabiate Fußballfans, die immer wieder ganze Waggons zerlegen und für die sich gar keine Zugbegleiter mehr finden. Hat sich daran etwas geändert?

Nein, die Situation ist unverändert. Es gibt jedes Wochenende Zerstörungen und Vandalismus. Das gehört mittlerweile zum Alltag. Je nachdem, wohin es geht, ist immer Materialschaden und manchmal auch Personenschaden dabei. Das ist für die Kollegen und Kolleginnen fast schon normal geworden.

Auch dass die Zugbegleiter sich dann gar nicht mehr in die entsprechenden Waggons hineintrauen?

Nicht nur hineintrauen. Sie müssen sich einfach vorstellen, der Kundenbetreuer soll einen solchen Zug alleine begleiten. Wenn die Bundespolizei kommt, geht sie in Mannschaftsstärke in diesen Zug. Weil da der Eigenschutz zählt. Von meinen Kollegen und Kolleginnen wird erwartet, dass sie allein dort hineingehen. Das ist nicht mehr zumutbar. Ich habe seinerzeit davor gewarnt, dass ein solches Ereignis wie in Landstuhl nur eine Frage der Zeit ist. Ich hätte es niemals gewollt, aber jetzt ist der Fall eingetreten, und deshalb muss die Zeit des Redens oder der Erkenntnissammlung jetzt vorbei sein. Es ist jetzt die Zeit des Handelns. Das erwarte ich einerseits von der Politik, aber auch von den Unternehmen.

Wieviele der Kollegen und Kolleginnen tragen inzwischen Bodycams?

Die DB Regio hat derzeit 1.400 solcher Kameras im Einsatz.

Es bleibt hypothetisch – aber hätte eine Kamera in dem Zug bei Landstuhl womöglich deeskalierend gewirkt?

Ob das bei besagtem Fall konkret anders ausgegangen wäre, kann ich nicht sagen. Das ist tatsächlich hypothetisch. Aber wir haben eine Studie in Auftrag gegeben. Und die hat ergeben, dass in 330 Fällen dort, wo die Kamera angekündigt und eingeschaltet wurde, 220 Fälle dennoch weiter eskalierten. Das heißt im Umkehrschluss, dass allein die Ankündigung, die Kamera einzuschalten, schon in etwa 30 Prozent der Fälle dazu geführt hat, dass Angriffe jeglicher Art – verbal oder körperlich – verhindert werden konnten. Allein das reicht mir schon aus, um von einem Erfolg zu sprechen. Die hundertprozentige Sicherheit werden wir nie hinbekommen. Aber alles, was zur Deeskalation beiträgt, ist gut und ist richtig. Für mich ist die Kamera ein Erfolgsrezept.

Für mich sind zwei Drittel mit fortgesetzter Eskalation immer noch viel.

Einerseits ja; aber wir gehen den Weg der kleinen Schritte. Und wir hätten die Bodycams nicht erhalten, wenn damals in Bad Brahmstedt nicht der schwere Messerangriff mit zwei Todesopfern gewesen wäre. Vor dieser Messerattacke hieß es immer, Kameras seien wegen Datenschutz nicht möglich. Und wenn ich nach dem ersten Drittel weniger Übergriffe die nächste Deeskalationsstufe angehe, indem wir zum Beispiel auch die Audios in den Zügen aufnehmen dürfen, wäre das für mich auch ein Erfolg. Wir müssen Schritt für Schritt vorankommen. Vorbei der zweite Mann oder Frau auf dem Zug der eigentlich wichtige nächste Schritt wäre.

Verstehe ich das richtig, Sie dürfen Videos machen mit der Körperkamera, aber keine Tonaufnahmen? Und das aus Gründen des Datenschutzes?

So ist es. Tonaufnahmen sind aus Datenschutzgründen immer noch nicht möglich. Ich habe mich seinerzeit bei der Einführung der Kameras intensiv mit den Kollegen der Bundespolizei ausgetauscht. Es wäre juristisch wohl möglich, wenn ich die Diskussionen von damals rekapituliere, denn es ist öffentlicher Raum. Man muss es nur androhen.

Schwer verständlich. Aber konkret: Wieviele körperliche Attacken gab es im vergangenen Jahr bei der DB Regio?

Fälle, in denen die Kolleginnen und Kollegen den Dienst unterbrechen mussten, waren es 2023 1.592, 2024 waren es 1.753 und 2025 waren es 1.642 Fälle.

Und dann gibt es ja noch die verbalen Übergriffe, jedenfalls die registrierten. Von den niocht gemeldeten wird es ja noch einige mehr geben.

Das waren 2023 12.814 Fälle, 2024 15.622 und 2025 14.232. Also jeweils ein Rückgang im vergangenen Jahr. In beiden Fällen führen wir den Rückgang einerseits auf das Ausrollen der Bodycams zurück, andererseits auf den Prio-Ruf….

….eine Art freiwilliger Notfallknopf für Zugbegleiter, den sie am Handgelenk tragen.

Genau. 5.250 von diesen Alarmmeldern sind bei der DB Regio ausgeliefert, mit einer direkten Meldekette über die Leitstelle an die Bundespolizei. Unser Vorschlag wäre, den Prioruf nicht erst über die Leitstelle, sondern direkt mit der Bundespolizei zu verbinden. Und noch besser wäre eine App für Bundeswehr- oder Bundespolizeiangehörige, die ja in Uniform kostenfrei mitfahren und darüber informiert werden könnten, dass sie im Zug gebraucht werden. Und dann der nächste Schritt wäre, auch im Bahn-Navigator kenntlich zu machen, in dem Zug, in dem du fährst, wird gerade Unterstützung gebraucht.

Wieviele Zugbegleiter arbeiten bei der DB Regio?

Rund 6.000 in Voll- und Teilzeit.

Also ist der Alarmknopf ziemlich verbreitet?

Jawoll. Zwischendurch mussten wir ein bisschen Druck machen, aber das ist jetzt etabliert.

Und gilt das auch für das Personal der privaten Wettbewerber?

Ja, das gilt auch für die Wettbewerbsbahnen, wobei ich Ihnen dort die genauen Zahlen und die Vereinbarungen mit den Betriebsräten nicht nennen kann.

Gibt es spezifische Situationen, die in den Zügen besonders konfliktträchtig sind?

Ja, konfliktbeladen ist immer wieder die Fahrscheinkontrolle. Und da insbesondere das Deutschlandticket, das nicht fälschungssicher ist. Wir sind deshalb gehalten, den Personalausweis zu verlangen. Je nach dem, wie die Fahrgäste dann drauf sind, heißt es immer wieder: Mein Ausweis geht euch gar nichts an. Dabei gäbe es Möglichkeiten zu einem fälschungssicheren Ticket, am einfachsten mit einem Lichtbild. Das würde „fünf“ Euro zusätzlich kosten. Das würde fünf Euro zusätzlich kosten. Aber das will niemand in der Politik. Es ist absurd: Wir fliegen auf den Mond, aber wir kriegen kein Ticket hin, das fälschungssicher ist.

Für Freitag hat Bahnchefin Evelyn Palla zu einem Sicherheitsgipfel eingeladen. Sind Sie auch dabei?

Ja, ich habe auch eine Einladung erhalten. Wir mussten allerdings ein bisschen drängen.

Welche Erwartung haben Sie an den Freitag?

Alle machen ja gerade einen Gipfel. Es ist auch gut, dass er für uns stattfindet. Aber ich habe sehr konkrete Erwartungen an die Umsetzung. Es reicht einfach nicht mehr, Dinge zu adressieren, es muss etwas geschehen. Ich war die letzten Tage mit Ministerpräsident Schweitzer und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder zusammen. Ich muss sagen, ich gucke da viel in ratlose Gesichter.

Und Ihre Erfahrungen mit Bahnchefin Evelyn Palla?

Ich habe gute Erfahrungen mit ihr gemacht, als sie bei DB Regio war. Ich war damals Gesamtbetriebsratsvorsitzender. Sie hat zum Beispiel die Einführung der Bodycams beispielhaft und rigoros umgesetzt für jede und jeden, der eine möchte.

Ein Glaubwürdigkeits- oder Umsetzungsdefizit attestieren Sie ihr also nicht?

Nein, aber wir haben ein finanzielles Thema. Das wird alles nicht gehen, ohne mehr Geld in die Hand zu nehmen. Oder Leistungen einzuschränken.

Ein fälschungssicheres Deutschlandticket wäre auch auf Ihrer Prioritätenliste weit oben?

Das würde ganz sicher viel Druck für die Kollegen und Kolleginnen herausnehmen.

Was halten Sie von dem Vorschlag des SPD-MdB Sebastian Fiedler, die sicherheitsrelevanten Aufgaben von DB Sicherheit und Bundespolizei in einer neuen Organisationseinheit zu bündeln?

Das wäre sicher überlegenswert, wenn die freiwerdenden Mittel der DB Sicherheit dann im Topf der Bahn blieben und in verkehrliche Leistungen, mehr Personal und ganz konkret Doppelbesetzungen investiert würden.

Ob die Sicherheit durch durch die Bahn oder die Bundespolizei organisiert wird, ist für Sie dann zweitrangig?

Nein, natürlich wäre mir lieber, es bliebe bei der Bahn. Aber wir brauchen für mehr Sicherheit so oder so zusätzliche Mittel. Das ist die entscheidende Frage. In jedem Fall wird es ohne mehr Geld nicht mehr Sicherheit geben.

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Letzte Aktualisierung: 10. Februar 2026