Kommt eine neue Ölkrise?

Nach dem Militärschlag gegen den Iran und der Blockade der Straße von Hormus wächst die Angst vor einem neuen Ölschock. Die Erinnerung an die Krisen der 1970er-Jahre ist präsent, auch wenn einiges für einen kürzeren Preisanstieg spricht.

GS
14. März 2026

Der Iran hat den Schiffsverkehr an der Straße von Hormus, durch die 20 Prozent aller Öllieferungen gehen, zum Erliegen gebracht. Der Ölpreis ist stark angestiegen und schwankt zusammen mit dem Hoffen und Bangen auf ein baldiges Kriegsende. Die vorübergehende Aufhebung der Ölsanktionen gegen Russland durch die USA deutet auf einen längeren Kriegsverlauf hin.

Die Angst vor einer neuen Ölkrise geht um. Die erste Ölkrise (1973/74) wurde durch den Angriff von Syrien und Ägypten auf Israel ausgelöst. Da die USA Israel militärisch unterstützten, kürzten die arabischen OPEC-Staaten als Vergeltung die Fördermengen. In dem aufgrund des Vietnamkriegs bereits inflationären Umfeld stiegen die Ölpreise stark an. Die zweite Ölkrise folgte 1979 auf den Sturz des US-freundlichen Schahs von Persien durch die bis heute noch regierenden Mullahs.

Als nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende die Zentralbanken in den Industrieländern die Zinsen stark senkten, floss viel Kapital nach China, was die Industrieproduktion und damit die Ölnachfrage anheizte. Das Ende der ultralockeren Geldpolitik in den USA im Jahr 2014 leitete auch das Ende des chinesischen Investitionsbooms und der Ölpreisrally ein. Mit der starken geldpolitischen Expansion in der Corona-Krise und dem Ukraine-Krieg stiegen ab 2020 die Ölpreise wieder steil an, bis die Zinserhöhungen der großen Zentralbanken die Wende brachten.

Die Bestimmungsgrößen des Ölpreises sind vielfältig. Ein steigendes Angebot – beispielsweise durch die Erhöhung der Fördermengen oder die Entdeckung neuer Vorkommen – lässt den Preis sinken. Eine steigende Nachfrage, welche von der Konjunktur abhängt, bewirkt höhere Preise. Wichtig ist auch die Geldpolitik. Wenn die Zentralbanken die Zinsen senken, heizt das nicht nur die Konjunktur an. Es setzt auch eine Umschichtung in Sachwerte – einschließlich Öl und Rohstoffe – ein. Inflation schlägt zuerst bei Energie und Lebensmitteln an, weil man auf diese Güter nicht verzichten kann.

Die Inflation beeinflusst die geopolitische Stabilität, weil sie negative Verteilungseffekte auf Kosten der Menschen oder Länder mit geringen Einkommen hat. Oft ist der Ölpreis mit dem Weizenpreis verbunden, weil Nahrungsmittel inzwischen ein Input für Kraftstoffe sind. Im Nahen Osten gewinnen Ölförderländer wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Es verlieren Öl- und Weizenimporteure wie Ägypten oder Tunesien.

Langfristig dürfte mit Donald Trumps „Drill baby drill“ und mit den politischen Veränderungen in Venezuela das Ölangebot eher reichlich als knapp sein. Auch in Grönland soll es große Reserven geben. Die perspektivisch schwache Konjunktur in Ostasien und Europa deutet auf eine sinkende Nachfrage hin. Die großen Zentralbanken haben zwar zuletzt die Zinsen gesenkt. Doch so starke Zinssenkungen wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase, in der globalen Finanzkrise und in der Corona-Krise sind derzeit nicht mehr in Sicht.

Die längerfristigen Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die geopolitische Stabilität sind noch ungewiss. Einerseits haben die USA eine immense militärische Schlagkraft demonstriert. Andererseits könnte eine dauerhafte Blockade der Straße von Hormus Donald Trump wegen steigender Energiepreise innenpolitisch in Bedrängnis bringen. Mehr geopolitische Stabilität gäbe es, wenn dem Iran bald die Kräfte schwinden. Immerhin ist die Flotte versenkt, der Luftraum verloren und das Verhältnis der Mullahs mit großen Teilen der Bevölkerung schlecht. Oder der Iran kommt von Seiten Chinas unter Druck, das stark von den Öllieferungen durch die Straße von Hormus abhängig ist.

Vielleicht macht auch der US-Präsident nach dem Prinzip Trump Always Chickens Out bald Frieden mit dem Iran, wenn sich das Mullah-Regime durch militärische Gewalt nicht beugen lässt. Es ist also noch denkbar, dass eine neue Ölkrise vermieden werden kann.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 14. März 2026