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Resilienz: Thyssenkrupp-CEO López fordert europäische Energieversorgung

Die Energieresilienz ist entscheidend für die deutsche Schwerindustrie als Standortfaktor. Thyssenkrupp-CEO López fordert eine gesamteuropäische Versorgung mit Wasserstoff und Strom.

Miguel López: Wasserkraft aus Skandinavien, Solar und Wind aus Spanien – so sollen die Energiepreise sinken. (Thyssenkrupp)

Eine sichere, verlässliche und günstige Energieversorgung ist für die deutsche Schwerindustrie zur Standortfrage geworden – und die Lösung liegt laut Thyssenkrupp-CEO Miguel Ángel López Borrego in einer gesamteuropäischen Energieversorgung. „Die Resilienz der deutschen Industrie entscheidet sich bei der Infrastruktur vor allem an der Frage einer sicheren, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung“, sagt López zu Table.Briefings. „Die langfristige Lösung kann deshalb nur in einer europäischen Energieversorgung liegen, die günstigen Strom und insbesondere Wasserstoff aus Skandinavien und der iberischen Halbinsel sicher nach Zentraleuropa bringt.“

Neben Strom sei vor allem Wasserstoff der Schlüssel für Klimaneutralität im industriellen Maßstab, so López weiter. Deutschland wird beim Wasserstoff massiv auf Importe angewiesen sein: Bereits 2030 müssen 50 bis 70 Prozent des Bedarfs aus dem Ausland kommen. Die Infrastruktur dafür entsteht gerade: Das Wasserstoff-Kernnetz mit 9.666 Kilometern Länge soll bis 2032 fertig sein, die Investitionskosten belaufen sich auf knapp 20 Milliarden Euro. „Es braucht in Deutschland und Europa einen beschleunigten Ausbau einer resilienten Energieinfrastruktur. In der Übergangszeit brauchen wir für den Hochlauf staatliche Unterstützung, aber das Ziel muss eine dauerhaft tragfähige Lösung ohne Subventionen sein“, so der Thyssenkrupp-Chef.

Das Stromnetz in Deutschland ist eines der stabilsten Europas – dennoch müssen die Netzbetreiber stark eingreifen, um diese Stabilität zu gewährleisten: Im zweiten Quartal 2025 wurden laut aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur sogenannte Redispatchmaßnahmen mit erneuerbaren Energien im Umfang von 2.299 Gigawattstunden umgesetzt – eine Steigerung von etwa neun Prozent gegenüber dem Wert des Vorjahresquartals von 2.101 Gigawattstunden. Das Problem: Windkraft wird vor allem im Norden erzeugt, der Verbrauch konzentriert sich aber im Süden. Die Leitungen dazwischen reichen nicht aus. Die Netzbetreiber müssen deshalb regelmäßig gegensteuern, indem sie Kraftwerke hochfahren oder drosseln, um Engpässe zu vermeiden.

Gleichermaßen hat sich die Versorgungssicherheit trotz des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien nicht verschlechtert, sondern insgesamt leicht verbessert: Der SAIDI-Wert (System Average Interruption Duration Index) lag zuletzt bei 11,7 Minuten durchschnittlicher Versorgungsunterbrechung pro Letztverbraucher. Dies war eine Verbesserung gegenüber 2023 (12,8 Minuten) und liegt unter dem Zehnjahresdurchschnitt von 12,7 Minuten.

Bis 2035 benötigt Deutschland zwischen 22,4 und 35,5 Gigawatt zusätzliche steuerbare Kapazitäten, um die Versorgungssicherheit zu garantieren. Die Bundesnetzagentur hat in ihrem Versorgungssicherheitsbericht zwei Szenarien durchgespielt: Im optimistischen Fall, wenn alle Ausbauziele fristgerecht erreicht werden, sind es 22,4 Gigawatt. Verzögert sich die Energiewende, steigt der Bedarf auf 35,5 Gigawatt. Hinzu kommen neue Risiken: Extremwetterereignisse beschädigen zunehmend Freileitungen, die Digitalisierung schafft Einfallstore für Cyberangriffe. Und die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität treibt die Stromnachfrage weiter nach oben.

Das führt zu einem strategischen Dilemma: „Mehr Ausfallsicherheit im Stromnetz bedeutet höhere Kosten. Wer maximale Versorgungssicherheit und sinkende Netzentgelte zugleich verspricht, ignoriert den Zielkonflikt“, sagt der Ökonom und Analyst für Wettbewerbsfragen von der TU Ilmenau, Benedikt Schmal, im Gespräch mit Table.Briefings.

Hinzu kommt, dass Entscheidungen von Versorgungsunternehmen und Regulierungsbehörden nach schweren Stromausfällen dazu neigen, die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse zu überschätzen und sich stark an Vorsorgeprinzipien zu orientieren, ohne den tatsächlichen Nutzen und die entstehenden Kosten systematisch gegeneinander abzuwägen. Zu diesem Schluss kommt die Studie „Are utilities overspending on electric power resilience? How can that be?“ von Kenneth W. Costello. Diese argumentiert, dass Investitionen zur Stärkung der Resilienz von Stromnetzen gegenüber längeren Ausfällen und extremen Ereignissen nicht automatisch sozial vorteilhaft sind, sofern Grenzkosten und Grenznutzen dieser Maßnahmen nicht klar bewertet und berücksichtigt werden.

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Letzte Aktualisierung: 10. Januar 2026