What’s cooking in Brussels: Klimawandel auf dem Balkan

Von Claire Stam
Schwarz-weiß Portrait von Claire Stam

Ajvar ist eine Beilage, die hauptsächlich aus roter Paprika, Chili und Knoblauch, manchmal auch aus Auberginen oder Tomaten besteht und in allen Balkanländern beliebt ist. Das Rezept variiert je nach Region ebenso wie sein Schärfegrad. Und Intensität, ob kulinarisch oder politisch, hat die Balkanregion mehr als einmal bewiesen. Diesmal geht es um die Intensität der Auswirkungen der globalen Erwärmung in der Region. Und sie kann, wie Ajvar, intensiv sein.

„Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft und die Energieerzeugung haben auf regionaler Ebene schwerwiegende Folgen“, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Analyse des International Military Council on Climate and Security (IMCCS). In dem Dokument wird darauf hingewiesen, dass die Landwirtschaft in den westlichen Balkanstaaten 11 Prozent des gesamten BIP ausmacht und Wasserkraft 37 Prozent der gesamten Energie in der Region liefert.

Das Dokument erinnert daran, dass der Balkan eine geografische Gruppe von zehn Ländern „mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen“ darstellt: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien. Nun sind Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Slowenien Teil der Europäischen Union. Und der neue Status der Ukraine als EU-Beitrittskandidat, der ihr im vergangenen Juni einstimmig verliehen wurde, hat die Frustration unter den Balkanländern, die (noch) nicht dazugehören und immer wieder an die Tür der EU klopfen, nur noch weiter geschürt.

Einfluss aus China und Russland

„In einer Region, in der die Spannungen [zwischen Nachbarn] nie abgebaut wurden, wird die Lage durch den Klimawandel und den Krieg in der Ukraine, aber auch durch steigende Lebensmittel- und Energiepreise weiter gestört. Es wird schwierig sein, die Märkte und Volkswirtschaften offenzuhalten, und wir hören immer mehr Stimmen, die nach Protektionismus rufen„, sagt Genady Kondarev, Senior Associate für Mitte und Osteuropa beim Think-Tank E3G, im Gespräch mit Europe.Table. 

Und weiter: „Wie anderswo in Europa erlebt auch der Balkan einen heißen und trockenen Sommer, der sich auf die landwirtschaftlichen Erträge auswirkt. Und noch bevor die schlechten Ergebnisse klar waren, wollten Länder wie Bulgarien die ukrainischen Importe von billigem Getreide beschränken, um den heimischen Markt zu schützen.“

Als Nebeneffekt wirken sich die Folgen der globalen Erwärmung auf den Landwirtschafts- und Energiesektor auch auf die Sicherheit und die politische Stabilität der Region aus. So betont die Analyse des IMCCS, dass verstärkte Auswirkungen des Klimawandels bestehende Spannungen nach Konflikten verschärfen, Europas Klimaziele gefährden und die Anfälligkeit der Region für chinesische und russische Einflussnahme erhöhen können.

Genady Kondarev von E3G sagt dazu: „Derzeit übt Russland einen ernsthaften und entscheidenden Einfluss in Serbien und Ungarn aus. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass Ungarn, obwohl es Teil der EU ist, unter unklaren Bedingungen Gas aus Russland erhält und seine Exporte in die EU eingeschränkt hat, was gegen die Regeln des europäischen Energiemarktes und den Aufruf zur Solidarität verstößt.“

Erneute Abhängigkeit Bulgariens

Bulgarien ist das nächste Land auf der Liste. Die vorherige Regierung, die EU-freundlich und pro-westlich war, hat sich kaum sechs Monate gehalten. Bulgarien befinde sich zurzeit in einer Art Ausnahmezustand. „Das Land ist traditionell russlandfreundlich„, sagt Kondarev. Unter der vorherigen Regierung habe Bulgarien versucht, sich vom russischen Einfluss zu lösen – zum Teil nicht ganz freiwillig, denn Russland habe die Gaslieferungen gestoppt, obwohl Bulgarien den Vertrag nicht gebrochen habe.

„Unter der Übergangsregierung besteht die Gefahr, dass sich der Trend umkehrt und Bulgarien wieder in einen Zustand der Abhängigkeit von russischen Energietransporteuren zurückfällt. Es wird immer deutlicher, dass Sofia sich beim Gas wieder an Gazprom wendet„, sagt Kondarev.

Und die Analysten von IMCCS bohren beim „Ripple Effect“ noch tiefer: „Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass klimainduzierte Migrationsströme aus dem Nahen Osten und Afrika, die durch die Region fließen, den Rechtsextremismus schüren. Der Ausbruch des Konflikts in der benachbarten Ukraine verschärft diese Bedenken noch.“ Italien lässt grüßen.

Was bedeutet das alles für die EU? Lassen wir das IMCCS das Schlusswort haben: „Wenn sich die Region von ihren europäischen Partnern nicht unterstützt fühlt, ist es möglich, dass die Befürworter einer neuen Ordnung weiterhin Unterstützung mobilisieren. Wenn die Auswirkungen des Klimas auf die Lebensgrundlagen, das Wirtschaftswachstum und die Migration in der Region nicht berücksichtigt werden, könnte die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen System zunehmen, wodurch die Gefahr ethnisch motivierter Gewalt noch größer wird.“

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