nach dem überraschenden Rückzug von Markus Pieper (CDU) als KMU-Beauftragter der Kommission wird es vorerst keinen hochrangigen Experten geben, der auf den Abbau von schädlicher Bürokratie und Berichtspflichten pocht. Sehr zum Bedauern der Wirtschaft hat die Kommission mitgeteilt, das Berufungsverfahren erst nach den Europawahlen wieder zu starten. Das bedeutet, dass die oder der KMU-Beauftragte vermutlich nicht mehr in diesem Jahr den Job antritt.
Ursula von der Leyen hat noch versucht, Markus Pieper zu halten. Er ist ein ausgewiesener Experte für die Lage von kleinen und mittleren Unternehmen. Die Kampagne, die Industriekommissar Thierry Breton und der Grünen-Abgeordnete Daniel Freund gegen von der Leyens Personalentscheidung angezettelt haben, hatte bereits Schaden in dem gerade begonnenen Wahlkampf der EVP-Spitzenkandidatin angerichtet. Breton hatte im Berufungsverfahren, nach der Entscheidung für Pieper und selbst nach dessen entnervtem Rückzug noch ein Höchstmaß an Unfreundlichkeiten abgesondert.
Der Franzose hat in der Vergangenheit keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich auch das Präsidentenamt zutrauen würde. Indes wurde er nicht einmal ins Team der Spitzenkandidaten seiner liberalen Parteienfamilie aufgenommen. Und es muss stark bezweifelt werden, ob er bei dieser Vorgeschichte als Kandidat Frankreichs für einen Kommissionsposten noch einmal im Berlaymont vermittelbar wäre. Kommen Sie gut durch den Tag!
Ihr Markus Grabitz
Analyse
Irans Großangriff auf Israel überschattet EU-Gipfel zu Wettbewerbsfähigkeit
Die EU wird nach Angaben von Diplomaten beim Sondergipfel in Brüssel Irans beispiellosen Angriff auf Israel verurteilen und gleichzeitig alle Akteure aufrufen, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Auf der Agenda des zweitägigen Treffens, das am heutigen Mittwoch beginnt, stehen auch mögliche neue Sanktionen gegen Teheran.
Eine erste Diskussion führten die Außenminister bereits am Dienstag bei einem kurzfristig anberaumten virtuellen Treffen, wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Abend erklärte. Die Idee sei, die bestehenden Drohnensanktionen zu erweitern, die im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit Irans Lieferungen an Russland verhängt wurden. Das Sanktionsregime könne einerseits auf Raketen ergänzt und gleichzeitig geografisch erweitert werden, betonte Borrell.
Strafmaßnahmen gegen Irans Statthalter
Konkret könnten nicht nur Lieferungen an Russland, sondern auch an Irans Statthalter im Nahen Osten mit restriktiven Strafmaßen belegt werden. Der Europäische Auswärtige Dienst soll bis zum regulären Außenministertreffen am kommenden Montag einen entsprechenden Vorschlag ausarbeiten. Auch sollen Schlupflöcher gestopft werden, über die Iran noch immer an Komponenten für den Bau von Drohnen gelangt.
Einige Außenminister hätten zudem erneut gefordert, die Revolutionsgarden auf die Liste der Terrororganisationen zu setzen, sagte Borrell. Der Außenbeauftragte bekräftigte den Rechtsstandpunkt des Rates, wonach dafür zuerst ein Terrorverfahren oder ein Urteil in einem Mitgliedstaat wegen terroristischer Aktivitäten der Revolutionsgarden nötig sei. Bisher sei diese Voraussetzung nicht erfüllt.
Zuerst geht es um die Ukraine und die Türkei
Der Sondergipfel folgt einer eher ungewöhnlichen Choreografie und soll am Mittwoch erst am späten Nachmittag beginnen. Iran und die Lage im Nahen Osten sollen dabei beim Abendessen Thema sein. Davor wird es um die Ukraine und die Türkei gehen. Die Ukraine hätte erstmals seit dem russischen Überfall vor mehr als zwei Jahren beinahe nicht stattgefunden. Nun wollen die Staats- und Regierungschefs nach einer Zuschaltung von Präsident Wolodymyr Selenskyj immerhin darüber reden, wie dem Land mit zusätzlichen Kapazitäten zur Luftverteidigung geholfen werden könnte.
Bei der Diskussion über die Türkei ist die Grundlage eine Mitteilung, die Borrell im vergangenen Jahr präsentiert hat, um die Beziehungen zu Ankara wiederzubeleben. Auf dem Tisch etwa Wolodymyr Selenskyj liegt die Modernisierung der in die Jahre gekommenen Zollunion mit der Türkei. Auch könnte die Europäische Investitionsbank (EIB) ihre Aktivitäten im wichtigen Nachbarland wieder aufnehmen.
Diskussion über Letta-Bericht
Die außenpolitischen Krisen überdecken dabei das eigentliche Hauptthema des Sondergipfels: die Wettbewerbsfähigkeit der EU. Die Staats- und Regierungschefs wollen darüber am Donnerstagvormittag im Lichte eines Berichts zur Zukunft des Binnenmarktes diskutieren, den sie beim früheren italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta in Auftrag gegeben hatten.
Doch Letta hatte bis Dienstagnachmittag nur eine recht wolkige “politische Einleitung” an die Hauptstädte verschickt, die Diplomaten eher fragend zurückließ. Erst am Dienstagabend folgte dann der ganze 150-seitige Bericht, der Table.Briefings vorliegt.
Rege Debatte über Kapitalmarktunion erwartet
Ratspräsident Charles Michel hatte trotz Lettas Verspätung bereits eine recht umfangreiche Liste von Punkten formuliert für den Entwurf der Gipfel-Schlussfolgerungen, die sich zu einem “Europäischen Deal für Wettbewerbsfähigkeit” zusammenfügen sollen. Recht konkret wird es aber im Grunde nur an einer Stelle: bei der Kapitalmarktunion. Hier erwarten EU-Diplomaten eine lebhafte Diskussion, die Richtung und Tempo für die weiteren Arbeiten vorgeben könnte.
Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängen gemeinsam mit der Italienerin Giorgia Meloni und dem Niederländer Mark Rutte auf rasche Fortschritte, um die nationalen Kapitalmärkte besser zu verknüpfen. Sie versprechen sich davon, mehr private Investitionen für den Umbau der Volkswirtschaften zu mobilisieren. Laut Letta haben die Europäerinnen und Europäer 33 Billionen Euro angespart, die aber nur unzureichend für heimische Investitionen angezapft werden könnten.
Einige Mitgliedstaaten bremsen
Andere Mitgliedstaaten bremsen, auch Bundesfinanzminister Christian Lindner warnt vor zu viel Tempo. So wurden die Ambitionen abgeschwächt: Die Staats- und Regierungschefs fordern im Entwurf der Schlussfolgerungen Rat und Kommission nicht mehr auf, das Insolvenzrecht und die Unternehmensbesteuerung zu harmonisieren, sondern nur noch relevante Aspekte darin.
Das Kalkül: Eine zu breit angelegte Reform könnte in den Mitgliedstaaten auf heftigen Widerstand treffen. So hätten nationale Justizministerien legitime Einwände, wenn sie an ihrem bewährten Insolvenzrecht festhalten wollten, sagt ein hochrangiger EU-Diplomat. Zugleich sähen die Staats- und Regierungschefs aber die Bedeutung von Fortschritten. “Schub durch die Chefs kann hier hilfreich sein”, sagt er. Ein weiterer EU-Diplomat meinte, die Finanzministerien hätten oft einen Reflex, auf ihre nationalen Kompetenzen zu beharren, während die Regierungschefs dies etwas weniger strikt sähen.
Wer soll die Kapitalmärkte beaufsichtigen?
Ähnlich ist die Gemengelage bei der Frage der Aufsicht der Kapitalmärkte. Insbesondere Macron und Rutte halten einer Zentralisierung der Aufsicht für sinnvoll. Dadurch würden gleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen und bürokratischer Aufwand bei den nationalen Aufsichtsbehörden reduziert, argumentieren die Befürworter.
Andere Regierungen aber wollen die nationale Hoheit über die Aufsicht nicht an EU-Institutionen wie die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) abtreten. Im jüngsten Entwurf der Schlussfolgerungen finden die EU-Aufsichtsbehörden keine Erwähnung mehr. Vor allem Luxemburg, Belgien und Irland sträuben sich stark gegen die Zentralisierung der Marktaufsicht.
Auch wenn sich der Europäische Rat nicht auf die zentralisierte Marktaufsicht einigen wird, so hofft ein hochrangiger EU-Diplomat, dass die Kommission die “Mehrheitsdynamik” unter den Regierungschefs erkennt und auf dieser Basis Vorschläge machen wird. Letta schreibt in seinem Bericht, die EU solle schrittweise in Richtung zentralisierter Aufsicht gehen, die sich zu Beginn nur auf die größten Marktakteure beschränkt.
EEAS
Emmanuel Macron
EU-Gipfel
Europäischer Rat
Geopolitik
Iran
Josep Borrell
Olaf Scholz
Sanktionen
Türkei
Ukraine
Wettbewerbsfähigkeit
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Rechnungshof kritisiert Schlupflöcher: So könnten NGOs die Regeln des Transparenzregisters für sich nutzen
Das Transparenzregister der EU-Institutionen bietet Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Schlupflöcher. NGOs, die ihre Finanzmittel von dritten Geldgebern erhalten, könnten die Regeln des Transparenzregisters nutzen, um die Offenlegung von Finanzinformationen zu vermeiden. Sie können etwa angeben, nur ihre eigenen Interessen oder die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Diese Kritik übt der Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofes zum Transparenzregister, der am heutigen Mittwoch veröffentlicht wird.
Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, habe etwa ein Drittel der geprüften Organisationen, die sich als “Nichtregierungsorganisationen, Plattformen, Netzwerke oder Ähnliches” einordneten, angegeben, nur ihre eigenen Interessen und die gemeinsamen Interessen der Mitglieder zu vertreten. So hätten sie nicht die finanzielle Unterstützung und erhaltenen Finanzmittel offenlegen müssen. Der Rechnungshof habe nicht erkennen können, dass die “Selbsterklärungen” von NGOs “systematisch auf die von ihnen vertretenen Interessen” hin überprüft worden seien, “was entscheidend dafür ist, welche Finanzinformationen sie offenlegen”.
Ein Drittel der NGOs geben Finanzquellen nicht an
Insgesamt hätten sich 3529 Lobbyorganisationen als NGOs ausgewiesen. Ein Drittel, also 1207 Organisationen, gaben ihre Finanzquellen nicht an, nur 66 Prozent, 2322 Organisationen, waren auskunftsfreudig. Der Rechnungshof fordert, dass bis Ende 2025 dieses Schlupfloch geschlossen wird. Die Vollständigkeit und Richtigkeit von Finanzdaten müsse systematisch überprüft werden.
Der Sonderbericht hat das Transparenzregister von Parlament, Kommission und Rat auf der Basis der interinstitutionellen Vereinbarung von 2021 geprüft. Die Prüfung wurde vor dem Korruptionsskandal im Europaparlament um die damalige Vizepräsidentin Eva Kaili abgeschlossen. Dabei spielten auch NGOs eine Rolle, die Zugang zum Europaparlament hatten.
Nach Bekanntwerden des Skandals hatte das Europaparlament die Transparenzregeln in mehreren Schritten verschärft. So werden nun Lobbyisten mit Zugang zum Europaparlament stärker kontrolliert. Außerdem müssen Informationen über Treffen zwingend veröffentlicht werden. Die Verschärfungen der Lobbyregeln, die teils zu einer Änderung der Geschäftsordnung geführt haben, sind noch nicht Gegenstand des Prüfberichts.
Institutionen legen Regeln unterschiedlich aus
Kritisiert wird in dem Bericht zudem, dass Parlament, Kommission und Rat die Transparenzregeln in unterschiedlicher Weise anwenden. So waren die Mitgliedstaaten im Rat nur bereit, Treffen der EU-Botschafter und ihrer Stellvertreter mit Lobbyisten von der Registrierung im Transparenzregister abhängig zu machen. Und zwar auch nur in den sechs Monaten, in denen ein Mitgliedstaat die sechsmonatige Ratspräsidentschaft ausübt oder in den sechs Monaten davor.
Ebenfalls unterwarfen sich nur “hochrangige Entscheidungsträger des Rates und der Kommission” den Regeln. Im Rat galten sie demnach nur für den Generalsekretär und die Generaldirektoren. In der Kommission gelte die Regel, dass Lobbyisten im Register eingetragen sein müssen, für Treffen von Kommissaren, Kabinettsmitgliedern, dem Generalsekretär sowie den Generaldirektoren.
Einfache Mitarbeitende sind von den Regeln ausgenommen
Im Parlament dagegen wird den Abgeordneten und ihren Assistenten geraten, die Treffen mit Lobbyisten öffentlich zu machen. Es gebe aber auch nach den Verschärfungen der Regeln im Parlament keine Vorschrift, wonach sich die Bediensteten im Parlament nur mit registrierten Lobbyisten treffen dürften. Unter dem Strich seien gerade Treffen von Mitarbeitern mit niedrigem Dienstgrad in allen drei Institutionen von den Regeln ausgenommen.
Der Rechnungshof bemängelt weiter, dass es keine Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen die Transparenzregeln durch Lobbyisten gibt. Die interinstitutionelle Vereinbarung sei eben kein Rechtsakt. Wenn Verstöße festgestellt würden, könnten die Organisationen allenfalls aus dem Transparenzregister gestrichen werden. Je nach Schwere des Verstoßes könne das zuständige Sekretariat dem Lobbyverband lediglich die erneute Registrierung verweigern. Die Sperre kann zwischen 20 Arbeitstagen und zwei Jahren betragen.
Jedes Jahr fliegen 1000 Lobbyisten aus dem Register
Der Rechnungshof stellt fest: Zwischen 2019 und 2022 sind jedes Jahr knapp tausend Lobbyisten aus dem Register gestrichen worden. Der Grund war allerdings in fast allen Fällen, dass die Lobbyvereinigung nicht rechtzeitig ihre Registrierung erneuert hat. Nur in sechs Fällen sei eine Lobbyorganisation wegen Beschwerden und Ermittlungen aus dem Register entfernt worden. Und nur in einem einzigen Fall sei der Organisation die erneute Registrierung verboten worden.
Europäisches Parlament
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News
Eurobarometer: Deutsche denken, dass Verteidigung und Infrastruktur die EU stärken
Verteidigung, (Energie-)Infrastruktur und Ernährungssicherheit sind die drei Themenbereiche, die am meisten Potenzial haben, die Stellung der EU zu festigen. Zumindest sagen das die Europäer, die sich an der Eurobarometer-Umfrage beteiligt haben, die das Europäische Parlament heute publiziert.
Unter einer Reihe von Fragen, welche das EU-Parlament zwischen Februar und März an 26.000 Menschen in ganz Europa stellen ließ, fragte das Eurobarometer auch, auf welche Aspekte sich die EU konzentrieren solle, um ihre Position in der Welt zu stärken.
Während die Befragten in ganz Europa Verteidigung zuvorderst nennen, ist die Zustimmung der Deutschen noch ausgeprägter, wie die Umfrage zeigt. Für Deutsche sind zur Stärkung der EU zudem die Aspekte Energie-Infrastruktur, Wettbewerbsfähigkeit und “EU-Werte” wie Demokratie und Menschenrechte wichtig. Im Gegensatz zu den Ergebnissen aus Gesamteuropa, scheint Ernährungssicherheit keine sehr ausgeprägte Sorge zu sein.
Deutsche sind wahlfreudig
Wenige Monate vor den Europawahlen fragte das Eurobarometer auch, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Umfrageteilnehmer wählen gehen würden, wenn die Wahlen am kommenden Wochenende stattfänden. Hier scheint Deutschland tendenziell wahlfreudiger zu sein als das restliche Europa. 78 Prozent der Deutschen gaben an, dass sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zur Wahl gehen würden, verglichen mit 71 Prozent in der Gesamt-EU.
Auch 2019 war die Wahlbeteiligung in Deutschland wesentlich höher als im EU-Durchschnitt. Die Umfragewerte zur Wahlbeteiligung sind höher als sie 2019 waren. Eine Sprecherin des Europäischen Parlaments warnte gegenüber Table.Briefings, dass man hinsichtlich der Wahlbeteiligung im Juni nicht zu viel in diese Zahlen hineininterpretieren könne. Dennoch meinte sie, die Zahlen seien ermutigend.jaa
Alle Texte zu den Europawahlen 2024 finden Sie hier.
Energiepolitik
Europawahlen 2024
Verteidigung
Šefčovič will Förderung für Netzausbau verbessern
EU-Fördergelder für europaweit bedeutsame Projekte zum Ausbau der Energienetze sollten nach Einschätzung von Kommissionsvize Maroš Šefčovič schneller bei den Betreibern ankommen. “Wir müssen einen Mechanismus finden, um die Förderung vorzuziehen – etwa mit der Europäischen Investitionsbank und nationalen Förderbanken”, sagte Šefčovič am Dienstag nach dem informellen Treffen der Energieminister in Brüssel.
Derzeit flössen Fördergelder in der Regel erst nach einem erfolgreichen Abschluss von Netzausbauten ab, sagte der Kommissionsvize. Ziel eines möglichen Frontloadings sei es, Investitionen in die Infrastruktur zu beschleunigen.
EIB soll Avalgarantien anbieten
Auf Einladung der belgischen Ratspräsidentschaft hatten die Energieminister zwei Tage über den Netzausbau diskutiert. Ratsschlussfolgerungen zu diesem Thema werden voraussichtlich beim nächsten regulären Treffen Ende Mai verabschiedet, sagte die belgische Ministerin Tinne Van der Straeten. Sie sollten als Handlungsauftrag für die nächste Kommission dienen.
Auch die Europäische Investitionsbank (EIB) nahm an dem Treffen teil. Šefčovič wünscht sich von ihr zusätzliche Finanzprodukte, um den Ausbau der Stromnetze zu beschleunigen. Er nannte beispielsweise Avalgarantien. Durch solche Gegengarantien wird mit staatlichem Geld das Ausfallrisiko für private Garantiesteller abgedeckt. Sie kommen typischerweise bei Exportgeschäften zum Einsatz. ber
Der Expertenkreis Transformation der Automobilwirtschaft (ETA) kritisiert die bislang geltenden Bestimmungen, wie Autohersteller die Gesamtklimabilanz ihrer Fahrzeuge anhand von Durchschnittswerten abschätzen. Das Gremium fordert daher ein international anerkanntes Bilanzierungssystem, das die direkt vor Ort gemessenen Emissionsdaten bei der Fertigung für jedes einzelne Produkt in der Lieferkette erfasst und weitergibt.
So sollen vor allem die Emissionen von Elektroautos entlang der Lieferkette transparenter werden und Anreize für Emissionsminderungen entstehen. In der Praxis bedeutet das beispielhaft: Das Bergbau-Unternehmen erfasst seine Emissionen bei der Schürfung von Rohstoffen für Batterien. Es gibt diese an den Batteriehersteller weiter, der ebenfalls seine Emissionen erfasst. Dieser wiederum leitet seine Daten an den Monteur weiter. Das Gleiche geschieht entlang aller Lieferketten innerhalb der Wertschöpfung eines Autos, sodass schlussendlich die genauen Emissionsdaten für jedes Fahrzeug vorliegen.
Emissionsdaten als “harte Währung”
Bislang werden nur durchschnittliche Emissionsdaten beispielsweise zur Herstellung von Stahl verwendet, statt den exakten Strommix am Produktionsstandort zu berücksichtigen. “Die Politik und der Finanzmarkt werden Produkte und Unternehmen in Zukunft stärker nach deren CO₂-Ausstoß bewerten”, sagt Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende und Mitglied des Expertenkreises. Die Qualität der bisher genutzten Daten und Methoden sei dafür jedoch nur bedingt geeignet. “In Zukunft sollte jedes Unternehmen Primärdaten der Treibhausgasemissionen für die eigenen Prozesse erheben.” So sei es möglich, selbst die Emissionen komplexer Wertschöpfungsketten korrekt und transparent zu erfassen, erklärt Hochfeld.
Der ETA berät die Bundesregierung und besteht aus 13 von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck berufenen Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Mitglieder empfehlen der Bundesregierung, sich auf EU-Ebene sowie global für harmonisierte und auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Berechnungsmethoden einzusetzen.
Sie sollen nicht nur für die Automobilbranche nutzbar sein, sondern könnten auch den Datenaustausch zwischen Branchen und Regionen erlauben. “So werden Emissionsdaten wie Finanzkennzahlen zu einer harten Währung in der Buchhaltung”, sagt Hochfeld, der dies eine “kleine Revolution der Finanzbuchhaltung” nennt.
Größerer Kaufanreiz durch mehr Transparenz
Ein solches CO₂-Bemessungssystem bedeutet allerdings auch, dass Elektrofahrzeugen eine reale Emissionsmenge zugeschrieben wird, die variieren kann, je nach Herstellungsort der Einzelteile. Derzeit wird oftmals nur der CO₂-Ausstoß beim Fahrbetrieb für die Klimabilanz eines Fahrzeugs berücksichtigt – beim E-Auto ist dieser null.
Als Kaufhindernis sieht Thomas Becker, Leiter Nachhaltigkeit der BMW Group und ebenfalls ETA-Mitglied, dies jedoch nicht. “Das E-Auto ist in seiner Gesamtbilanz das CO₂-ärmere Fahrzeug.” Die Emissionen müssten aber sichtbar und messbar sein. Diese könnte die Debatte “massiv versachlichen und objektivieren, statt sich über Vermutungen und Annahmen auseinanderzusetzen”. So hätten Kunden beim Kauf den direkten Vergleich sowohl zwischen einem Elektroauto und einem Verbrenner als auch zwischen verschiedenen Modellen. luk
Autoindustrie
CO2-Emissionen
Elektromobilität
Industriepolitik
Klima & Umwelt
Verkehrspolitik
Eklat bei der Unterzeichnung der La Hulpe-Erklärung zur Zukunft des sozialen Europas
Die hochrangige Konferenz zur Europäischen Säule sozialer Rechte im belgischen La Hulpe hat am Dienstag mit einem Paukenschlag geendet. Schweden, Österreich und der Arbeitgeberverband Business Europe trugen die über Monate verhandelte La Hulpe-Erklärung zur künftigen Arbeits- und Sozialagenda der EU nicht mit.
Die inhaltlich eher blumige Erklärung hat einen hohen symbolischen Wert. Sie legt die Leitplanken für die europäische Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der EU für die Jahre 2024 bis 2029 fest und soll die Soziale Säule der EU weiterentwickeln. Unterzeichnet wurde sie am Dienstagnachmittag dennoch von den EU-Institutionen, der Zivilgesellschaft und den anderen europäischen Sozialpartnern, darunter auch der Arbeitgeberverbände SGI Europe und SMEunited.
Die Wirtschaft erhöht den Druck
Business Europe sagte Table.Briefings zur Nicht-Unterzeichnung: “Leider spiegelt der endgültige Text der Erklärung von La Hulpe nicht ausreichend die Tatsache wider, dass in unserer sozialen Marktwirtschaft in der EU sozialer Fortschritt nur auf wirtschaftlichem Erfolg basieren kann.” Deshalb habe man sich entschlossen, diese Erklärung nicht zu unterzeichnen. Man sei jedoch weiterhin entschlossen, eine “ausgewogene europäische Sozialpolitik mitzugestalten”.
Zuletzt hatte sich der Druck aus Unternehmenskreisen gegen Arbeitsmarkt- und Sozialmaßnahmen auf EU-Ebene verschärft. Bei früheren Sozialgipfeln, zuletzt etwa in Porto, hatte Business Europe Erklärungen mit konkreten Umsetzungszielen zur Sozialen Säule noch mitgetragen.
Der CDU-Parlamentarier Dennis Radtke kritisierte die Haltung des europäischen Arbeitgeberverbands: “Eine inhaltlich doch sehr schlanke Erklärung wie diese nicht zu unterschreiben, ist kein gutes Signal.” Beim Thema Recht auf Abschalten sei in letzter Sekunde ein schon fertiger Kompromiss fallen gelassen worden. “Für den sozialen Dialog auf europäischer Ebene ist das desaströs und nicht vertrauensbildend”, sagte Radtke.
Nur Schweden und Österreich sind nicht dabei
Die Ablehnung sei tatsächlich ein Novum, betont die SPD-Europaabgeordnete Gaby Bischoff. Kritik übt sie vor allem an der Verweigerungshaltung Schwedens und Österreichs: “Bisher hatte der Rat die Säule und das Aktionsprogramm immer geeint unterstützt, selbst das Vereinigte Königreich war in Göteborg dabei”, sagte sie. “Andererseits unterstützen 25 Mitgliedstaaten die Erklärung, zwei Mitgliedstaaten haben sich jetzt außerhalb dieser Mehrheit begeben.”
In Schweden regiert der konservative Ministerpräsident Ulf Kristersson mit einem Bündnis aus Moderaten, Liberalen und Christdemokraten, unterstützt wird die Regierung von der rechtsnationalen Schwedendemokraten. lei
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Sozialpolitik
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Heads
Sabine Verheyen – Für eine europäische Kultur- und Bildungspolitik
Sabine Verheyen: Mit Platz zwei auf der Landesliste der CDU in NRW hat sie die besten Chancen, ihre Arbeit im Europaparlament fortzusetzen.
Sich auch im Berufsleben der eigenen Leidenschaft zu widmen, das würde gewiss nicht jeder von sich behaupten. Sabine Verheyen kann genau das. “In Brüssel mache ich viele Dinge, die mir am Herzen liegen und mir Freude bereiten”, sagt sie. In ihrer heutigen Arbeit als Mitglied des Europäischen Parlaments kombiniert sie die zahlreichen Interessen, denen sie schon seit Studienzeiten nachgegangen ist.
Die 59-jährige Aachenerin studierte in ihrer Heimat Architektur und war dort ab 1990 als Mitglied der CDU in der Kommunalpolitik tätig. Angefangen hat die politische Karriere im Aachener Stadtbezirk. Schon damals nahm sie Probleme gern selbst in die Hand, anstatt sie über sich ergehen zu lassen. “Mein Motto war schon immer: Wenn dich etwas stört, darfst du nicht auf dem Sofa sitzen bleiben und meckern, sondern musst dahin gehen, wo du etwas ändern kannst“, sagt Verheyen.
Kommunalpolitik als Vorbereitung auf die europäische Ebene
Auf die Arbeit im Stadtrat ihrer Heimat folgte 1999 die Tätigkeit als Bürgermeisterin von Aachen. Ab 2003 war sie zudem im Rundfunkrat des WDR aktiv. Ob der Nähe zu verschiedenen europäischen Nachbarländern war Verheyen in ihrer zehnjährigen Amtszeit als Bürgermeisterin in unterschiedlichen grenzüberschreitenden Gremien wie der Euregio beteiligt. “Ich habe damals schon europäische Arbeit aus der Praxis erleben dürfen”, sagt sie. In ihrer Position als Kommunalpolitikerin habe sie in der Zusammenarbeit mit der EU häufig festgestellt, dass “die Europakompetenz der Kommunen, aber auch die Kommunalkompetenz Europas verbessert werden müssen“.
Für Verheyen war das Motivation genug, sich selbst in europäische Gefilde zu begeben. 2009 wurde sie erstmals für die CDU ins Europaparlament gewählt. Von Beginn an setzte sie sich vor allem für Anliegen in der Bildungs-, Kultur- und Medienpolitik ein. Seit 2019 ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung (CULT) im Europäischen Parlament.
Kultur- und Bildungsprogramme fördern die europäische Idee
In dieser Position nahm sie eine entscheidende Rolle in den Verhandlungen mit dem Rat um die Erasmus-Förderungen ein. Zu Beginn der laufenden Legislaturperiode gelang eine Verdopplung der EU-Budgets. Besonders das Programm Creative Europe stattete die EU mit deutlich mehr Geld aus.
Verheyen wertet diesen Schritt als großen Erfolg, weil ein gut gefördertes Erasmus-Programm “künftigen Generationen vermitteln kann, wozu Europa eigentlich da ist“. Gleichzeitig hätte sie sich noch mehr finanzielle Unterstützung gewünscht.
Ohnehin ist ihr Einsatz noch nicht getan, sie wünscht sich, dass in Zukunft allen Interessierten ein Erasmus-Aufenthalt offen steht. Zudem möchte sie die Bürokratie in der Antragsstellung abbauen. Die Hemmschwellen dafür seien derzeit zu hoch, zum Beispiel wenn für ein Schulaustauschprogramm Bewerberinnen und Bewerber ein 90-seitiges Formular ausfüllen müssen. “Solange ich diese Ziele nicht erreicht habe, werde ich auch nicht zufrieden sein”, sagt sie daher.
Mehr Flexibilität im europäischen Bildungssystem
Auch in anderen Bildungsfragen positioniert sich Verheyen klar. Bei der European Education Area, die gleichwertige Schulabschlüsse zwischen den Mitgliedsstaaten anstrebt, sei noch Luft nach oben. Sie wünscht sich mehr Engagement der Mitgliedsstaaten. Immerhin hätten sich diese beim Göteborg-Gipfel 2017 auf den Abschluss des europäischen Bildungsraums bis 2025 verständigt.
In jedem Fall wünscht sie sich eine stärker koordinierende Kompetenz der EU selbst. Das alles mit dem Ziel, eine Fachkräftesicherung zu erreichen. “Ich will nicht in jedes Curriculum reinreden, aber wir brauchen eine gewisse qualitative Vergleichbarkeit, um eine Mobilität und Flexibilität im europäischen Bildungs- und Arbeitsmarkt herzustellen”, sagt sie.
Media Freedom Act als großes Projekt der Amtszeit
Neben den primär bildungspolitischen Themen koordinierte Verheyen als Berichterstatterin im CULT-Ausschuss den European Media Freedom Act (EMFA), auf den sich das Parlament im Trilog mit Kommission und Rat im Dezember 2023 einigte. Im März hat das Europäische Parlament den EMFA dann verabschiedet. “Wir haben sichergestellt, dass die Medienaufsicht politisch unabhängig ist, Transparenz über die Besitzverhältnisse von Medienunternehmen geschaffen wird und Mindeststandards für die freie Arbeit der Journalistinnen und Journalisten sowie den öffentlichen Rundfunk festgelegt werden”, bilanziert sie.
Obwohl Verheyen nicht alle Forderungen des Parlaments durchsetzen konnte, sei sie mit der beschlossenen Rechtsgrundlage zufrieden. “Wenn ich darauf schaue, welche Grundhaltung der Mitgliedsstaaten wir beim Start der Verhandlungen vorgefunden haben, haben wir als Parlament wirklich viel erreicht”, meint Verheyen. Ihr früheres Wirken, konkret das als Rundfunkrat, habe ihr auch in diesen Debatten wieder einmal geholfen.
Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat Lutz Güllner zum Leiter des EU-Büros in Taiwan ernannt. Derzeit ist Güllner noch Leiter der Abteilung für strategische Kommunikation, Task Forces und Informationsanalyse im Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD). Zuvor war er Leiter des Referats für Kommunikation und zivilgesellschaftlichen Dialog in der Generaldirektion Handel der Europäischen Kommission.
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nach dem überraschenden Rückzug von Markus Pieper (CDU) als KMU-Beauftragter der Kommission wird es vorerst keinen hochrangigen Experten geben, der auf den Abbau von schädlicher Bürokratie und Berichtspflichten pocht. Sehr zum Bedauern der Wirtschaft hat die Kommission mitgeteilt, das Berufungsverfahren erst nach den Europawahlen wieder zu starten. Das bedeutet, dass die oder der KMU-Beauftragte vermutlich nicht mehr in diesem Jahr den Job antritt.
Ursula von der Leyen hat noch versucht, Markus Pieper zu halten. Er ist ein ausgewiesener Experte für die Lage von kleinen und mittleren Unternehmen. Die Kampagne, die Industriekommissar Thierry Breton und der Grünen-Abgeordnete Daniel Freund gegen von der Leyens Personalentscheidung angezettelt haben, hatte bereits Schaden in dem gerade begonnenen Wahlkampf der EVP-Spitzenkandidatin angerichtet. Breton hatte im Berufungsverfahren, nach der Entscheidung für Pieper und selbst nach dessen entnervtem Rückzug noch ein Höchstmaß an Unfreundlichkeiten abgesondert.
Der Franzose hat in der Vergangenheit keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich auch das Präsidentenamt zutrauen würde. Indes wurde er nicht einmal ins Team der Spitzenkandidaten seiner liberalen Parteienfamilie aufgenommen. Und es muss stark bezweifelt werden, ob er bei dieser Vorgeschichte als Kandidat Frankreichs für einen Kommissionsposten noch einmal im Berlaymont vermittelbar wäre. Kommen Sie gut durch den Tag!
Ihr Markus Grabitz
Analyse
Irans Großangriff auf Israel überschattet EU-Gipfel zu Wettbewerbsfähigkeit
Die EU wird nach Angaben von Diplomaten beim Sondergipfel in Brüssel Irans beispiellosen Angriff auf Israel verurteilen und gleichzeitig alle Akteure aufrufen, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Auf der Agenda des zweitägigen Treffens, das am heutigen Mittwoch beginnt, stehen auch mögliche neue Sanktionen gegen Teheran.
Eine erste Diskussion führten die Außenminister bereits am Dienstag bei einem kurzfristig anberaumten virtuellen Treffen, wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Abend erklärte. Die Idee sei, die bestehenden Drohnensanktionen zu erweitern, die im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit Irans Lieferungen an Russland verhängt wurden. Das Sanktionsregime könne einerseits auf Raketen ergänzt und gleichzeitig geografisch erweitert werden, betonte Borrell.
Strafmaßnahmen gegen Irans Statthalter
Konkret könnten nicht nur Lieferungen an Russland, sondern auch an Irans Statthalter im Nahen Osten mit restriktiven Strafmaßen belegt werden. Der Europäische Auswärtige Dienst soll bis zum regulären Außenministertreffen am kommenden Montag einen entsprechenden Vorschlag ausarbeiten. Auch sollen Schlupflöcher gestopft werden, über die Iran noch immer an Komponenten für den Bau von Drohnen gelangt.
Einige Außenminister hätten zudem erneut gefordert, die Revolutionsgarden auf die Liste der Terrororganisationen zu setzen, sagte Borrell. Der Außenbeauftragte bekräftigte den Rechtsstandpunkt des Rates, wonach dafür zuerst ein Terrorverfahren oder ein Urteil in einem Mitgliedstaat wegen terroristischer Aktivitäten der Revolutionsgarden nötig sei. Bisher sei diese Voraussetzung nicht erfüllt.
Zuerst geht es um die Ukraine und die Türkei
Der Sondergipfel folgt einer eher ungewöhnlichen Choreografie und soll am Mittwoch erst am späten Nachmittag beginnen. Iran und die Lage im Nahen Osten sollen dabei beim Abendessen Thema sein. Davor wird es um die Ukraine und die Türkei gehen. Die Ukraine hätte erstmals seit dem russischen Überfall vor mehr als zwei Jahren beinahe nicht stattgefunden. Nun wollen die Staats- und Regierungschefs nach einer Zuschaltung von Präsident Wolodymyr Selenskyj immerhin darüber reden, wie dem Land mit zusätzlichen Kapazitäten zur Luftverteidigung geholfen werden könnte.
Bei der Diskussion über die Türkei ist die Grundlage eine Mitteilung, die Borrell im vergangenen Jahr präsentiert hat, um die Beziehungen zu Ankara wiederzubeleben. Auf dem Tisch etwa Wolodymyr Selenskyj liegt die Modernisierung der in die Jahre gekommenen Zollunion mit der Türkei. Auch könnte die Europäische Investitionsbank (EIB) ihre Aktivitäten im wichtigen Nachbarland wieder aufnehmen.
Diskussion über Letta-Bericht
Die außenpolitischen Krisen überdecken dabei das eigentliche Hauptthema des Sondergipfels: die Wettbewerbsfähigkeit der EU. Die Staats- und Regierungschefs wollen darüber am Donnerstagvormittag im Lichte eines Berichts zur Zukunft des Binnenmarktes diskutieren, den sie beim früheren italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta in Auftrag gegeben hatten.
Doch Letta hatte bis Dienstagnachmittag nur eine recht wolkige “politische Einleitung” an die Hauptstädte verschickt, die Diplomaten eher fragend zurückließ. Erst am Dienstagabend folgte dann der ganze 150-seitige Bericht, der Table.Briefings vorliegt.
Rege Debatte über Kapitalmarktunion erwartet
Ratspräsident Charles Michel hatte trotz Lettas Verspätung bereits eine recht umfangreiche Liste von Punkten formuliert für den Entwurf der Gipfel-Schlussfolgerungen, die sich zu einem “Europäischen Deal für Wettbewerbsfähigkeit” zusammenfügen sollen. Recht konkret wird es aber im Grunde nur an einer Stelle: bei der Kapitalmarktunion. Hier erwarten EU-Diplomaten eine lebhafte Diskussion, die Richtung und Tempo für die weiteren Arbeiten vorgeben könnte.
Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängen gemeinsam mit der Italienerin Giorgia Meloni und dem Niederländer Mark Rutte auf rasche Fortschritte, um die nationalen Kapitalmärkte besser zu verknüpfen. Sie versprechen sich davon, mehr private Investitionen für den Umbau der Volkswirtschaften zu mobilisieren. Laut Letta haben die Europäerinnen und Europäer 33 Billionen Euro angespart, die aber nur unzureichend für heimische Investitionen angezapft werden könnten.
Einige Mitgliedstaaten bremsen
Andere Mitgliedstaaten bremsen, auch Bundesfinanzminister Christian Lindner warnt vor zu viel Tempo. So wurden die Ambitionen abgeschwächt: Die Staats- und Regierungschefs fordern im Entwurf der Schlussfolgerungen Rat und Kommission nicht mehr auf, das Insolvenzrecht und die Unternehmensbesteuerung zu harmonisieren, sondern nur noch relevante Aspekte darin.
Das Kalkül: Eine zu breit angelegte Reform könnte in den Mitgliedstaaten auf heftigen Widerstand treffen. So hätten nationale Justizministerien legitime Einwände, wenn sie an ihrem bewährten Insolvenzrecht festhalten wollten, sagt ein hochrangiger EU-Diplomat. Zugleich sähen die Staats- und Regierungschefs aber die Bedeutung von Fortschritten. “Schub durch die Chefs kann hier hilfreich sein”, sagt er. Ein weiterer EU-Diplomat meinte, die Finanzministerien hätten oft einen Reflex, auf ihre nationalen Kompetenzen zu beharren, während die Regierungschefs dies etwas weniger strikt sähen.
Wer soll die Kapitalmärkte beaufsichtigen?
Ähnlich ist die Gemengelage bei der Frage der Aufsicht der Kapitalmärkte. Insbesondere Macron und Rutte halten einer Zentralisierung der Aufsicht für sinnvoll. Dadurch würden gleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen und bürokratischer Aufwand bei den nationalen Aufsichtsbehörden reduziert, argumentieren die Befürworter.
Andere Regierungen aber wollen die nationale Hoheit über die Aufsicht nicht an EU-Institutionen wie die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) abtreten. Im jüngsten Entwurf der Schlussfolgerungen finden die EU-Aufsichtsbehörden keine Erwähnung mehr. Vor allem Luxemburg, Belgien und Irland sträuben sich stark gegen die Zentralisierung der Marktaufsicht.
Auch wenn sich der Europäische Rat nicht auf die zentralisierte Marktaufsicht einigen wird, so hofft ein hochrangiger EU-Diplomat, dass die Kommission die “Mehrheitsdynamik” unter den Regierungschefs erkennt und auf dieser Basis Vorschläge machen wird. Letta schreibt in seinem Bericht, die EU solle schrittweise in Richtung zentralisierter Aufsicht gehen, die sich zu Beginn nur auf die größten Marktakteure beschränkt.
EEAS
Emmanuel Macron
EU-Gipfel
Europäischer Rat
Geopolitik
Iran
Josep Borrell
Olaf Scholz
Sanktionen
Türkei
Ukraine
Wettbewerbsfähigkeit
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Rechnungshof kritisiert Schlupflöcher: So könnten NGOs die Regeln des Transparenzregisters für sich nutzen
Das Transparenzregister der EU-Institutionen bietet Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Schlupflöcher. NGOs, die ihre Finanzmittel von dritten Geldgebern erhalten, könnten die Regeln des Transparenzregisters nutzen, um die Offenlegung von Finanzinformationen zu vermeiden. Sie können etwa angeben, nur ihre eigenen Interessen oder die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Diese Kritik übt der Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofes zum Transparenzregister, der am heutigen Mittwoch veröffentlicht wird.
Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, habe etwa ein Drittel der geprüften Organisationen, die sich als “Nichtregierungsorganisationen, Plattformen, Netzwerke oder Ähnliches” einordneten, angegeben, nur ihre eigenen Interessen und die gemeinsamen Interessen der Mitglieder zu vertreten. So hätten sie nicht die finanzielle Unterstützung und erhaltenen Finanzmittel offenlegen müssen. Der Rechnungshof habe nicht erkennen können, dass die “Selbsterklärungen” von NGOs “systematisch auf die von ihnen vertretenen Interessen” hin überprüft worden seien, “was entscheidend dafür ist, welche Finanzinformationen sie offenlegen”.
Ein Drittel der NGOs geben Finanzquellen nicht an
Insgesamt hätten sich 3529 Lobbyorganisationen als NGOs ausgewiesen. Ein Drittel, also 1207 Organisationen, gaben ihre Finanzquellen nicht an, nur 66 Prozent, 2322 Organisationen, waren auskunftsfreudig. Der Rechnungshof fordert, dass bis Ende 2025 dieses Schlupfloch geschlossen wird. Die Vollständigkeit und Richtigkeit von Finanzdaten müsse systematisch überprüft werden.
Der Sonderbericht hat das Transparenzregister von Parlament, Kommission und Rat auf der Basis der interinstitutionellen Vereinbarung von 2021 geprüft. Die Prüfung wurde vor dem Korruptionsskandal im Europaparlament um die damalige Vizepräsidentin Eva Kaili abgeschlossen. Dabei spielten auch NGOs eine Rolle, die Zugang zum Europaparlament hatten.
Nach Bekanntwerden des Skandals hatte das Europaparlament die Transparenzregeln in mehreren Schritten verschärft. So werden nun Lobbyisten mit Zugang zum Europaparlament stärker kontrolliert. Außerdem müssen Informationen über Treffen zwingend veröffentlicht werden. Die Verschärfungen der Lobbyregeln, die teils zu einer Änderung der Geschäftsordnung geführt haben, sind noch nicht Gegenstand des Prüfberichts.
Institutionen legen Regeln unterschiedlich aus
Kritisiert wird in dem Bericht zudem, dass Parlament, Kommission und Rat die Transparenzregeln in unterschiedlicher Weise anwenden. So waren die Mitgliedstaaten im Rat nur bereit, Treffen der EU-Botschafter und ihrer Stellvertreter mit Lobbyisten von der Registrierung im Transparenzregister abhängig zu machen. Und zwar auch nur in den sechs Monaten, in denen ein Mitgliedstaat die sechsmonatige Ratspräsidentschaft ausübt oder in den sechs Monaten davor.
Ebenfalls unterwarfen sich nur “hochrangige Entscheidungsträger des Rates und der Kommission” den Regeln. Im Rat galten sie demnach nur für den Generalsekretär und die Generaldirektoren. In der Kommission gelte die Regel, dass Lobbyisten im Register eingetragen sein müssen, für Treffen von Kommissaren, Kabinettsmitgliedern, dem Generalsekretär sowie den Generaldirektoren.
Einfache Mitarbeitende sind von den Regeln ausgenommen
Im Parlament dagegen wird den Abgeordneten und ihren Assistenten geraten, die Treffen mit Lobbyisten öffentlich zu machen. Es gebe aber auch nach den Verschärfungen der Regeln im Parlament keine Vorschrift, wonach sich die Bediensteten im Parlament nur mit registrierten Lobbyisten treffen dürften. Unter dem Strich seien gerade Treffen von Mitarbeitern mit niedrigem Dienstgrad in allen drei Institutionen von den Regeln ausgenommen.
Der Rechnungshof bemängelt weiter, dass es keine Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen die Transparenzregeln durch Lobbyisten gibt. Die interinstitutionelle Vereinbarung sei eben kein Rechtsakt. Wenn Verstöße festgestellt würden, könnten die Organisationen allenfalls aus dem Transparenzregister gestrichen werden. Je nach Schwere des Verstoßes könne das zuständige Sekretariat dem Lobbyverband lediglich die erneute Registrierung verweigern. Die Sperre kann zwischen 20 Arbeitstagen und zwei Jahren betragen.
Jedes Jahr fliegen 1000 Lobbyisten aus dem Register
Der Rechnungshof stellt fest: Zwischen 2019 und 2022 sind jedes Jahr knapp tausend Lobbyisten aus dem Register gestrichen worden. Der Grund war allerdings in fast allen Fällen, dass die Lobbyvereinigung nicht rechtzeitig ihre Registrierung erneuert hat. Nur in sechs Fällen sei eine Lobbyorganisation wegen Beschwerden und Ermittlungen aus dem Register entfernt worden. Und nur in einem einzigen Fall sei der Organisation die erneute Registrierung verboten worden.
Europäisches Parlament
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News
Eurobarometer: Deutsche denken, dass Verteidigung und Infrastruktur die EU stärken
Verteidigung, (Energie-)Infrastruktur und Ernährungssicherheit sind die drei Themenbereiche, die am meisten Potenzial haben, die Stellung der EU zu festigen. Zumindest sagen das die Europäer, die sich an der Eurobarometer-Umfrage beteiligt haben, die das Europäische Parlament heute publiziert.
Unter einer Reihe von Fragen, welche das EU-Parlament zwischen Februar und März an 26.000 Menschen in ganz Europa stellen ließ, fragte das Eurobarometer auch, auf welche Aspekte sich die EU konzentrieren solle, um ihre Position in der Welt zu stärken.
Während die Befragten in ganz Europa Verteidigung zuvorderst nennen, ist die Zustimmung der Deutschen noch ausgeprägter, wie die Umfrage zeigt. Für Deutsche sind zur Stärkung der EU zudem die Aspekte Energie-Infrastruktur, Wettbewerbsfähigkeit und “EU-Werte” wie Demokratie und Menschenrechte wichtig. Im Gegensatz zu den Ergebnissen aus Gesamteuropa, scheint Ernährungssicherheit keine sehr ausgeprägte Sorge zu sein.
Deutsche sind wahlfreudig
Wenige Monate vor den Europawahlen fragte das Eurobarometer auch, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Umfrageteilnehmer wählen gehen würden, wenn die Wahlen am kommenden Wochenende stattfänden. Hier scheint Deutschland tendenziell wahlfreudiger zu sein als das restliche Europa. 78 Prozent der Deutschen gaben an, dass sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zur Wahl gehen würden, verglichen mit 71 Prozent in der Gesamt-EU.
Auch 2019 war die Wahlbeteiligung in Deutschland wesentlich höher als im EU-Durchschnitt. Die Umfragewerte zur Wahlbeteiligung sind höher als sie 2019 waren. Eine Sprecherin des Europäischen Parlaments warnte gegenüber Table.Briefings, dass man hinsichtlich der Wahlbeteiligung im Juni nicht zu viel in diese Zahlen hineininterpretieren könne. Dennoch meinte sie, die Zahlen seien ermutigend.jaa
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Energiepolitik
Europawahlen 2024
Verteidigung
Šefčovič will Förderung für Netzausbau verbessern
EU-Fördergelder für europaweit bedeutsame Projekte zum Ausbau der Energienetze sollten nach Einschätzung von Kommissionsvize Maroš Šefčovič schneller bei den Betreibern ankommen. “Wir müssen einen Mechanismus finden, um die Förderung vorzuziehen – etwa mit der Europäischen Investitionsbank und nationalen Förderbanken”, sagte Šefčovič am Dienstag nach dem informellen Treffen der Energieminister in Brüssel.
Derzeit flössen Fördergelder in der Regel erst nach einem erfolgreichen Abschluss von Netzausbauten ab, sagte der Kommissionsvize. Ziel eines möglichen Frontloadings sei es, Investitionen in die Infrastruktur zu beschleunigen.
EIB soll Avalgarantien anbieten
Auf Einladung der belgischen Ratspräsidentschaft hatten die Energieminister zwei Tage über den Netzausbau diskutiert. Ratsschlussfolgerungen zu diesem Thema werden voraussichtlich beim nächsten regulären Treffen Ende Mai verabschiedet, sagte die belgische Ministerin Tinne Van der Straeten. Sie sollten als Handlungsauftrag für die nächste Kommission dienen.
Auch die Europäische Investitionsbank (EIB) nahm an dem Treffen teil. Šefčovič wünscht sich von ihr zusätzliche Finanzprodukte, um den Ausbau der Stromnetze zu beschleunigen. Er nannte beispielsweise Avalgarantien. Durch solche Gegengarantien wird mit staatlichem Geld das Ausfallrisiko für private Garantiesteller abgedeckt. Sie kommen typischerweise bei Exportgeschäften zum Einsatz. ber
Der Expertenkreis Transformation der Automobilwirtschaft (ETA) kritisiert die bislang geltenden Bestimmungen, wie Autohersteller die Gesamtklimabilanz ihrer Fahrzeuge anhand von Durchschnittswerten abschätzen. Das Gremium fordert daher ein international anerkanntes Bilanzierungssystem, das die direkt vor Ort gemessenen Emissionsdaten bei der Fertigung für jedes einzelne Produkt in der Lieferkette erfasst und weitergibt.
So sollen vor allem die Emissionen von Elektroautos entlang der Lieferkette transparenter werden und Anreize für Emissionsminderungen entstehen. In der Praxis bedeutet das beispielhaft: Das Bergbau-Unternehmen erfasst seine Emissionen bei der Schürfung von Rohstoffen für Batterien. Es gibt diese an den Batteriehersteller weiter, der ebenfalls seine Emissionen erfasst. Dieser wiederum leitet seine Daten an den Monteur weiter. Das Gleiche geschieht entlang aller Lieferketten innerhalb der Wertschöpfung eines Autos, sodass schlussendlich die genauen Emissionsdaten für jedes Fahrzeug vorliegen.
Emissionsdaten als “harte Währung”
Bislang werden nur durchschnittliche Emissionsdaten beispielsweise zur Herstellung von Stahl verwendet, statt den exakten Strommix am Produktionsstandort zu berücksichtigen. “Die Politik und der Finanzmarkt werden Produkte und Unternehmen in Zukunft stärker nach deren CO₂-Ausstoß bewerten”, sagt Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende und Mitglied des Expertenkreises. Die Qualität der bisher genutzten Daten und Methoden sei dafür jedoch nur bedingt geeignet. “In Zukunft sollte jedes Unternehmen Primärdaten der Treibhausgasemissionen für die eigenen Prozesse erheben.” So sei es möglich, selbst die Emissionen komplexer Wertschöpfungsketten korrekt und transparent zu erfassen, erklärt Hochfeld.
Der ETA berät die Bundesregierung und besteht aus 13 von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck berufenen Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Mitglieder empfehlen der Bundesregierung, sich auf EU-Ebene sowie global für harmonisierte und auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Berechnungsmethoden einzusetzen.
Sie sollen nicht nur für die Automobilbranche nutzbar sein, sondern könnten auch den Datenaustausch zwischen Branchen und Regionen erlauben. “So werden Emissionsdaten wie Finanzkennzahlen zu einer harten Währung in der Buchhaltung”, sagt Hochfeld, der dies eine “kleine Revolution der Finanzbuchhaltung” nennt.
Größerer Kaufanreiz durch mehr Transparenz
Ein solches CO₂-Bemessungssystem bedeutet allerdings auch, dass Elektrofahrzeugen eine reale Emissionsmenge zugeschrieben wird, die variieren kann, je nach Herstellungsort der Einzelteile. Derzeit wird oftmals nur der CO₂-Ausstoß beim Fahrbetrieb für die Klimabilanz eines Fahrzeugs berücksichtigt – beim E-Auto ist dieser null.
Als Kaufhindernis sieht Thomas Becker, Leiter Nachhaltigkeit der BMW Group und ebenfalls ETA-Mitglied, dies jedoch nicht. “Das E-Auto ist in seiner Gesamtbilanz das CO₂-ärmere Fahrzeug.” Die Emissionen müssten aber sichtbar und messbar sein. Diese könnte die Debatte “massiv versachlichen und objektivieren, statt sich über Vermutungen und Annahmen auseinanderzusetzen”. So hätten Kunden beim Kauf den direkten Vergleich sowohl zwischen einem Elektroauto und einem Verbrenner als auch zwischen verschiedenen Modellen. luk
Autoindustrie
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Elektromobilität
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Klima & Umwelt
Verkehrspolitik
Eklat bei der Unterzeichnung der La Hulpe-Erklärung zur Zukunft des sozialen Europas
Die hochrangige Konferenz zur Europäischen Säule sozialer Rechte im belgischen La Hulpe hat am Dienstag mit einem Paukenschlag geendet. Schweden, Österreich und der Arbeitgeberverband Business Europe trugen die über Monate verhandelte La Hulpe-Erklärung zur künftigen Arbeits- und Sozialagenda der EU nicht mit.
Die inhaltlich eher blumige Erklärung hat einen hohen symbolischen Wert. Sie legt die Leitplanken für die europäische Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der EU für die Jahre 2024 bis 2029 fest und soll die Soziale Säule der EU weiterentwickeln. Unterzeichnet wurde sie am Dienstagnachmittag dennoch von den EU-Institutionen, der Zivilgesellschaft und den anderen europäischen Sozialpartnern, darunter auch der Arbeitgeberverbände SGI Europe und SMEunited.
Die Wirtschaft erhöht den Druck
Business Europe sagte Table.Briefings zur Nicht-Unterzeichnung: “Leider spiegelt der endgültige Text der Erklärung von La Hulpe nicht ausreichend die Tatsache wider, dass in unserer sozialen Marktwirtschaft in der EU sozialer Fortschritt nur auf wirtschaftlichem Erfolg basieren kann.” Deshalb habe man sich entschlossen, diese Erklärung nicht zu unterzeichnen. Man sei jedoch weiterhin entschlossen, eine “ausgewogene europäische Sozialpolitik mitzugestalten”.
Zuletzt hatte sich der Druck aus Unternehmenskreisen gegen Arbeitsmarkt- und Sozialmaßnahmen auf EU-Ebene verschärft. Bei früheren Sozialgipfeln, zuletzt etwa in Porto, hatte Business Europe Erklärungen mit konkreten Umsetzungszielen zur Sozialen Säule noch mitgetragen.
Der CDU-Parlamentarier Dennis Radtke kritisierte die Haltung des europäischen Arbeitgeberverbands: “Eine inhaltlich doch sehr schlanke Erklärung wie diese nicht zu unterschreiben, ist kein gutes Signal.” Beim Thema Recht auf Abschalten sei in letzter Sekunde ein schon fertiger Kompromiss fallen gelassen worden. “Für den sozialen Dialog auf europäischer Ebene ist das desaströs und nicht vertrauensbildend”, sagte Radtke.
Nur Schweden und Österreich sind nicht dabei
Die Ablehnung sei tatsächlich ein Novum, betont die SPD-Europaabgeordnete Gaby Bischoff. Kritik übt sie vor allem an der Verweigerungshaltung Schwedens und Österreichs: “Bisher hatte der Rat die Säule und das Aktionsprogramm immer geeint unterstützt, selbst das Vereinigte Königreich war in Göteborg dabei”, sagte sie. “Andererseits unterstützen 25 Mitgliedstaaten die Erklärung, zwei Mitgliedstaaten haben sich jetzt außerhalb dieser Mehrheit begeben.”
In Schweden regiert der konservative Ministerpräsident Ulf Kristersson mit einem Bündnis aus Moderaten, Liberalen und Christdemokraten, unterstützt wird die Regierung von der rechtsnationalen Schwedendemokraten. lei
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Sabine Verheyen – Für eine europäische Kultur- und Bildungspolitik
Sabine Verheyen: Mit Platz zwei auf der Landesliste der CDU in NRW hat sie die besten Chancen, ihre Arbeit im Europaparlament fortzusetzen.
Sich auch im Berufsleben der eigenen Leidenschaft zu widmen, das würde gewiss nicht jeder von sich behaupten. Sabine Verheyen kann genau das. “In Brüssel mache ich viele Dinge, die mir am Herzen liegen und mir Freude bereiten”, sagt sie. In ihrer heutigen Arbeit als Mitglied des Europäischen Parlaments kombiniert sie die zahlreichen Interessen, denen sie schon seit Studienzeiten nachgegangen ist.
Die 59-jährige Aachenerin studierte in ihrer Heimat Architektur und war dort ab 1990 als Mitglied der CDU in der Kommunalpolitik tätig. Angefangen hat die politische Karriere im Aachener Stadtbezirk. Schon damals nahm sie Probleme gern selbst in die Hand, anstatt sie über sich ergehen zu lassen. “Mein Motto war schon immer: Wenn dich etwas stört, darfst du nicht auf dem Sofa sitzen bleiben und meckern, sondern musst dahin gehen, wo du etwas ändern kannst“, sagt Verheyen.
Kommunalpolitik als Vorbereitung auf die europäische Ebene
Auf die Arbeit im Stadtrat ihrer Heimat folgte 1999 die Tätigkeit als Bürgermeisterin von Aachen. Ab 2003 war sie zudem im Rundfunkrat des WDR aktiv. Ob der Nähe zu verschiedenen europäischen Nachbarländern war Verheyen in ihrer zehnjährigen Amtszeit als Bürgermeisterin in unterschiedlichen grenzüberschreitenden Gremien wie der Euregio beteiligt. “Ich habe damals schon europäische Arbeit aus der Praxis erleben dürfen”, sagt sie. In ihrer Position als Kommunalpolitikerin habe sie in der Zusammenarbeit mit der EU häufig festgestellt, dass “die Europakompetenz der Kommunen, aber auch die Kommunalkompetenz Europas verbessert werden müssen“.
Für Verheyen war das Motivation genug, sich selbst in europäische Gefilde zu begeben. 2009 wurde sie erstmals für die CDU ins Europaparlament gewählt. Von Beginn an setzte sie sich vor allem für Anliegen in der Bildungs-, Kultur- und Medienpolitik ein. Seit 2019 ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung (CULT) im Europäischen Parlament.
Kultur- und Bildungsprogramme fördern die europäische Idee
In dieser Position nahm sie eine entscheidende Rolle in den Verhandlungen mit dem Rat um die Erasmus-Förderungen ein. Zu Beginn der laufenden Legislaturperiode gelang eine Verdopplung der EU-Budgets. Besonders das Programm Creative Europe stattete die EU mit deutlich mehr Geld aus.
Verheyen wertet diesen Schritt als großen Erfolg, weil ein gut gefördertes Erasmus-Programm “künftigen Generationen vermitteln kann, wozu Europa eigentlich da ist“. Gleichzeitig hätte sie sich noch mehr finanzielle Unterstützung gewünscht.
Ohnehin ist ihr Einsatz noch nicht getan, sie wünscht sich, dass in Zukunft allen Interessierten ein Erasmus-Aufenthalt offen steht. Zudem möchte sie die Bürokratie in der Antragsstellung abbauen. Die Hemmschwellen dafür seien derzeit zu hoch, zum Beispiel wenn für ein Schulaustauschprogramm Bewerberinnen und Bewerber ein 90-seitiges Formular ausfüllen müssen. “Solange ich diese Ziele nicht erreicht habe, werde ich auch nicht zufrieden sein”, sagt sie daher.
Mehr Flexibilität im europäischen Bildungssystem
Auch in anderen Bildungsfragen positioniert sich Verheyen klar. Bei der European Education Area, die gleichwertige Schulabschlüsse zwischen den Mitgliedsstaaten anstrebt, sei noch Luft nach oben. Sie wünscht sich mehr Engagement der Mitgliedsstaaten. Immerhin hätten sich diese beim Göteborg-Gipfel 2017 auf den Abschluss des europäischen Bildungsraums bis 2025 verständigt.
In jedem Fall wünscht sie sich eine stärker koordinierende Kompetenz der EU selbst. Das alles mit dem Ziel, eine Fachkräftesicherung zu erreichen. “Ich will nicht in jedes Curriculum reinreden, aber wir brauchen eine gewisse qualitative Vergleichbarkeit, um eine Mobilität und Flexibilität im europäischen Bildungs- und Arbeitsmarkt herzustellen”, sagt sie.
Media Freedom Act als großes Projekt der Amtszeit
Neben den primär bildungspolitischen Themen koordinierte Verheyen als Berichterstatterin im CULT-Ausschuss den European Media Freedom Act (EMFA), auf den sich das Parlament im Trilog mit Kommission und Rat im Dezember 2023 einigte. Im März hat das Europäische Parlament den EMFA dann verabschiedet. “Wir haben sichergestellt, dass die Medienaufsicht politisch unabhängig ist, Transparenz über die Besitzverhältnisse von Medienunternehmen geschaffen wird und Mindeststandards für die freie Arbeit der Journalistinnen und Journalisten sowie den öffentlichen Rundfunk festgelegt werden”, bilanziert sie.
Obwohl Verheyen nicht alle Forderungen des Parlaments durchsetzen konnte, sei sie mit der beschlossenen Rechtsgrundlage zufrieden. “Wenn ich darauf schaue, welche Grundhaltung der Mitgliedsstaaten wir beim Start der Verhandlungen vorgefunden haben, haben wir als Parlament wirklich viel erreicht”, meint Verheyen. Ihr früheres Wirken, konkret das als Rundfunkrat, habe ihr auch in diesen Debatten wieder einmal geholfen.
Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat Lutz Güllner zum Leiter des EU-Büros in Taiwan ernannt. Derzeit ist Güllner noch Leiter der Abteilung für strategische Kommunikation, Task Forces und Informationsanalyse im Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD). Zuvor war er Leiter des Referats für Kommunikation und zivilgesellschaftlichen Dialog in der Generaldirektion Handel der Europäischen Kommission.
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