Macrons Europapolitik + Ausblick Kreislaufwirtschaft + Termine 2023
Lieferketten, Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft: Ausblick 2023
Wie systematisch Macron Europapolitik macht
Autoindustrie reagiert verhalten auf IRA-Ankündigung
London verfehlt Handelsziele nach dem Brexit
Kroatien führt den Euro ein
Heads: Walburga Hemetsberger – Die Solarstrom-Enthusiastin
Termine: Das Wichtigste im 1. Halbjahr 2023
Liebe Leserin, lieber Leser,
mit dem Jahreswechsel hat Schweden die Ratspräsidentschaft in der EU übernommen und an Premier Ulf Kristersson richtete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen per Twitter gleich eine Neujahrsbotschaft: “Ihre Führungsstärke wird entscheidend sein, um unsere europäische Einheit zur Unterstützung der Ukraine zu bewahren.”
Daneben hat Schweden im Rat zahlreiche Dossiers aus der regulären Brüsseler Gesetzgebung übernommen. Meine Kollegin Leonie Düngefeld erklärt in ihrem Ausblick zu Lieferketten und zur Kreislaufwirtschaft für 2023, was sich in den nächsten Monaten tun wird hinsichtlich Raw Materials Act, Lieferkettengesetz, Ökodesign und Verpackungen.
Um langfristige Strategien in der EU-Politik geht es in unserer Analyse zu Frankreich. Claire Stam schlüsselt auf, wie Emmanuel Macron seine Europapolitik verfolgt – personell, institutionell und mit politischen Initiativen wie dem CO2-Grenzausgleich CBAM.
Die Termine im ersten Halbjahr 2023 haben wir für Sie am Ende dieser Ausgabe zusammengestellt: Von Parlament, Rat und Kommission finden Sie in dieser Extra-Ausgabe unserer Terminvorschau die Sitzungen und die wichtigsten Vorhaben.
Übrigens: Im neuen Jahr bekommen Sie auch etwas Neues von uns – unser Late Night-Memo als ideale Ergänzung zu diesem Table. Es bringt schon am Vorabend das Wichtigste aus diesem und allen anderen Tables und heißt nach unserem Erscheinungsort Berlin.Table. Wir sind gespannt, wie es Ihnen gefällt.
AllesGute zum neuen Jahr und einen erfolgreichen Start ins Jahr 2023 wünscht
Ihr Manuel Berkel
Analyse
Lieferketten, Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft: Ausblick 2023
Es war eine der intensivsten Debatten des vergangenen Jahres: Sollten Investitionen in Atomkraft und Erdgas in die grüne Taxonomie aufgenommen werden? Ein Veto-Versuch im Parlament scheiterte; im Juli stimmten die Abgeordneten im Plenum für den ergänzenden delegierten Rechtsakt. Dieser ist nun am 1. Januar in Kraft getreten. Spannend bleibt die Nichtigkeitsklage, die Österreich im Oktober beim Gericht der Europäischen Union gegen den Rechtsakt eingereicht hatte (Europe.Table berichtete). Die Dauer des Verfahrens wurde allerdings auf mindestens zwei Jahre geschätzt.
Für vier der sechs Ziele, die in der Taxonomie aufgestellt wurden, müssen noch technische Prüfkriterien entwickelt werden. Diese werden dann in weiteren delegierten Rechtsakten festgelegt. Wann mit konkreten Vorschlägen zur rechnen ist, bleibt unklar.
Raw Materials Act: Entwurf kommt Ende März
Das geplante EU-Gesetzespaket zur Stärkung der Versorgung mit strategisch wichtigen Rohstoffen (Critical Raw Materials Act) will die Kommission Ende März vorstellen. Ursprünglich war auch dieses Paket für Ende 2022 angekündigt gewesen.
Mit dem Paket will die EU die Versorgung der Industrie mit Rohstoffen sichern, die für die Energiewende und die Digitalisierung und somit für das Erreichen des Green Deals und der Pariser Klimaziele benötigt werden. Die Kommission will eine aktivere Rohstoffpolitik antreiben, die andere Staaten wie China, Japan oder die USA bereits länger verfolgen. Sie hat bereits Eckpunkte und einige der Ziele und Maßnahmen verkündet (Europe.Table berichtete):
Prioritäten für den Bedarf bestimmen
Steuerung und Überwachung
Stärkung der europäischen Wertschöpfungskette
Risikomanagement und -minderung
Aufbau nachhaltiger und gleicher Wettbewerbsbedingungen
Stärkung globaler Maßnahmen
Stärkung von Forschung und Fähigkeiten
Recht auf Reparatur: Entwurf kommt im März
Den mehrmals verschobenen Entwurf zum Recht auf Reparatur will die Kommision im März 2023 vorlegen. Dies hatte Ana Gallego Torres, Generaldirektorin für Justiz und Verbraucher (DG JUST), Anfang Dezember in einer Anhörung im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO) des Parlaments angekündigt.
Mit dem Gesetzesvorhaben soll die Lebensdauer von reparaturfähigen Verbrauchsgütern verlängert und die vorzeitige Entsorgung vermieden werden. Die Kommission wird wahrscheinlich vorschlagen, die gesetzliche Garantie für diese Güter zu verlängern und individuell an einzelne Produktgruppen anzupassen. Sie will auch Instrumente vorschlagen, um nach Ablauf der Garantie die Reparatur für Verbraucher zugänglicher und attraktiver zu machen, etwa durch mehr Transparenz bei den Reparaturbedingungen.
Der Entwurf sollte ursprünglich im Sommer 2022, dann Ende Novemberals Teil des zweiten Kreislaufwirtschaftspakets vorgestellt werden, war nach einer negativen Stellungnahme des internen Ausschusses für Regulierungskontrolle (Regulatory Scrutiny Board) jedoch auf 2023 verschoben worden.
Ökodesign-Verordnung: Fortschritte in Rat und Parlament
Weitere Anforderungen an die Reparierbarkeit von Produkten sollen durch die neue Ökodesign-Verordnung etabliert werden. Im März 2022 hatte die Kommission ihren Entwurf vorgestellt. Anfang Dezember stellte Alessandra Moretti (S&D) den Berichtsentwurf im Umweltausschuss des Parlaments vor. Sie schlägt darin vor, den Geltungsbereich der Verordnung auszuweiten, um die soziale Nachhaltigkeit von Produkten sowie Aspekte der Sorgfaltspflicht entlang der Wertschöpfungskette abzudecken, und die EU-Klimaziele sowie den gesamten Material- und Verbrauchsfußabdruck bei der Ausarbeitung von Ökodesign-Anforderungen zu berücksichtigen, sowie einige Produkte (etwa Eisen, Stahl, Aluminium oder Textilien) vorrangig zu berücksichtigen. Der Entwurf wird vermutlich im Frühling im Umweltausschuss abgestimmt.
Im Rat wurde der Vorschlag in der Arbeitsgruppe “Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum” begonnen. Auf den Tagungen des Rates Ende September und Anfang Dezember wurden die Fortschritte vorgestellt. Der Rat für Wettbewerbsfähigkeit tagt wieder am 6. Februar und am 2. März.
Verpackungen und Plastik: Rat und Parlament beginnen Arbeit
Als Teil des zweiten Kreislaufwirtschaftspakets stellte die Kommission Ende November die Reform der Verpackungsverordnung vor. Damit will sie Produzenten und Mitgliedstaaten zur Verantwortung ziehen und Recycling und Wiederverwendung zur Norm machen. Genaue Regeln für kompostierbares Plastik legt ein zweiter Entwurf fest, den die Kommission vorlegte (für mehr Details siehe die Analyse im Europe.Table).
Bis zum 14. Februar läuft noch die öffentliche Konsultation zum Entwurf. Dann wird auch die Arbeit im Rat und Parlament beginnen.
Lieferkettengesetz: Abstimmungen im Frühling
Anfang November hat Berichterstatterin Lara Wolters (S&D) den Berichtsentwurf für das EU-Lieferkettengesetz im Rechtsausschuss vorgestellt, der weit über den Kommissionsvorschlag hinausgeht (Europe.Table berichtete). Im März wird der Ausschuss nach Diskussion der Änderungsanträge über den Bericht abstimmen; die Abstimmung im Plenum ist für Mai geplant.
Der Rat hingegen hat in seiner Position, über die er Anfang Dezember abstimmte, den Kommissionsentwurf deutlich abgeschwächt und etwa beschlossen, die Finanzbranche nicht automatisch mit in die Sorgfaltspflichten einzubeziehen. Frankreich hatte sich mit seiner Forderung durchgesetzt (Europe.Table berichtete).
Emmanuel Macron ist der erste Präsident, der die Europapolitik in die Innenpolitik Frankreichs so weitreichend integriert hat, stellt Eric Maurice, Leiter des Brüsseler Zweigs der Schuman-Stiftung, fest. “Wir kommen an einen Punkt, an dem bestimmte französische Ideen in Europa viel besser akzeptiert werden. Dies gilt zum Beispiel für die strategische Autonomie, die industrielle Souveränität oder den CO2-Grenzausgleich“, stellt er fest.
Die Geschichte des CO2-Grenzausgleichs (CBAM) spricht für sich: Ursprünglich vom französischen Präsidenten Jacques Chirac vorgeschlagen und von Nicolas Sarkozy gefordert, der erklärte, dass “diejenigen, die Schmutz produzieren, dafür bezahlen müssen”, stieß das Projekt einer CO2-Steuer an den EU-Grenzen bei den europäischen Partnern Frankreichs auf Misstrauen. François Hollande hatte es dennoch erneut auf den Tisch gebracht, jedoch ohne weiteren Erfolg. Dann setzte sich Emmanuel Macron weiter für diese Position ein. In Brüssel ist sie nun beschlossene Sache.
Elysée bestimmt EU-Posten maßgeblich mit
“Es gibt eine sehr starke Steuerung in Brüssel, die aus dem Elysée-Palast kommt”, fügt Eric Maurice hinzu. Diese Dynamik des Elysées spiegelt sich in der Besetzung strategischer Posten in Brüssel wider: Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, haben ihre Posten der Intervention des französischen Präsidenten zu verdanken.
Paris konnte sich dann auf die Wahl von Ursula von der Leyen stützen, um ein bedeutendes EU-Kommissarsportefeuille zu erhalten, in diesem Fall das von Thierry Breton besetzte Industrieressort, heißt es in Brüsseler diplomatischen Kreisen. Hinzu kommt die Ernennung von Christine Lagarde zur Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), gibt ein Diplomat zu bedenken.
Die Wahl von Pascal Canfin, einem ehemaligen Grünen-Mitglied, der zu Renew gewechselt ist, zum Vorsitzenden des einflussreichen Envi-Ausschusses – des größten Ausschusses im Europäischen Parlament – verschafft Paris Einfluss auf das “Super-Paket” Fit-for-55, heißt es weiter. Und man sollte auch die Fraktion der Liberalen, die von “Alde” zu “Renew” geworden ist, nicht aus der Augen zu verlieren.
Renew, ein politisches Relais
“Die Fraktion steht unter starkem französischem Einfluss, und es gibt ein französisches Management der Renew-Partei”, berichtet ein französischer EU-Parlamentarier. Er erklärt, dass die große Mehrheit der französischen Europaabgeordneten in der Fraktion ihr erstes Mandat innehaben. “Und sie sind mit der Idee angetreten, die Position des Elysée-Palastes zu verteidigen”, berichtet er. Die Logik und die Art und Weise, wie im Europäischen Parlament vorgegangen wird, ist jedoch eine ganz andere, betont er.
Der Parlamentarier stellt fest, dass die deutschen Parlamentarier niemals sagen werden, dass man die Position Berlins verteidigen muss. “Sie werden sagen, dass man die Position der Industrie, der Zivilgesellschaft oder der gesamten Fraktion verteidigen muss, aber nicht die nationalen Interessen. Selbst wenn das der Fall ist, werden sie das nie sagen”, sagte er.
Doppelfunktion des Fraktionschefs sorgt für Spannungen
Der Europaparlamentarier beklagt auch die Doppelfunktion von Stéphane Séjourné: die des Vorsitzenden der Renew-Fraktion in Brüssel und die des Generalsekretärs der Renaissance-Partei, dem neuen Namen von La République en Marche, der von Emmanuel Macron gegründeten Partei. “Es ist nicht möglich, den Parteivorsitz in Paris und den Parteivorsitz in Brüssel zu verwalten“, bedauert der Parlamentarier. “Man muss zu 100 Prozent dort in Brüssel sein”, fügt er hinzu und verweist auf die Unzufriedenheit einiger nicht-französischer Renew-Parlamentarier.
Was Pascal Canfin betrifft, so wurde der ehemalige Journalist neben seiner Funktion als Vorsitzender des Envi-Ausschusses auch zum stellvertretenden Generalsekretär der Renaissance-Partei in Frankreich ernannt. Die Partei hat ihn außerdem mit dem Thema “gerechte Verteilung von Unternehmensgewinnen” betraut, das derzeit im Land heiß diskutiert wird.
Das “SGAE”, ein institutionelles Relais
Die Europäisierung der französischen Politik – und umgekehrt – macht sich auch bei den Diplomaten bemerkbar. Der französische Präsident hat den Willen, die bilateralen Beziehungen zwischen Frankreich und jedem der 27 Mitgliedstaaten zu stärken, wie eine französische diplomatische Quelle berichtet. “Das dient den französischen Positionen im Rat der Europäischen Union und im Europäischen Rat”, fügt er hinzu. “Wir haben also einen Präsidenten, der jeden der 27 Mitgliedstaaten besucht hat”, sagt er. “Wir haben Aktionspläne ausgehandelt und bilaterale Beziehungen gestärkt, zum Beispiel mit Italien durch den Vertrag von Quirinal, mit Deutschland durch den Vertrag von Aachen und mit den Niederlanden, wo sich die Minister regelmäßig treffen”, erläutert er.
Bei dieser Arbeit kann sich der Elysée-Palast auf ein grundlegendes institutionelles Element stützen: das Generalsekretariat für europäische Angelegenheiten, im französischsprachigen Raum besser bekannt unter dem Akronym SGAE. Dieses Sekretariat ist dem Premierminister unterstellt, der die Aufgabe hat, das Handeln der Regierung zu koordinieren, erklärt die diplomatische Quelle. “In Paris hilft uns das SGAE dabei, die Kohärenz unserer Europapolitik zu gewährleisten”, berichtet die diplomatische Quelle.
Dieses Sekretariat wurde von großen Experten des europäischen Räderwerks geleitet. Die derzeitige Sekretärin des SGAE, Laurence Boone, ist eine erfahrene Kennerin der Europapolitik. Was ihre Vorgänger betrifft, so ist Clément Beaunes Europa-Begeisterung und Expertise in Brüssel in bester Erinnerung geblieben und Philippe Leglise-Costa leitet die ständige Vertretung Frankreichs in Brüssel.
Emmanuel Macron
Europapolitik
Klimapolitik
News
Autoindustrie reagiert verhalten auf IRA-Ankündigung
Jüngste Entspannungssignale der US-Regierung zum Inflation Reduction Act (IRA) sieht die Automobilwirtschaft noch nicht als Lösung in Handelsfragen. “Die Bundesregierung und die EU müssen sich weiter für eine Lösung bezüglich der Benachteiligung europäischer Produkte durch den IRA einsetzen”, sagte ein VDA-Sprecher am Neujahrstag auf Anfrage. “Mit Blick auf die globalen Entwicklungen müssen sich Berlin und Brüssel zudem endlich dem verschärften Standortwettbewerb stellen. Wichtig ist dabei auch, dass die EU ihre eigenen Lieferketten für die Elektromobilität aufbaut.”
Das US-Finanzministerium und die US-Steuerbehörde IRS hatten jüngst zusätzliche Informationen zu den im IRA vorgesehenen Steuervergünstigungen für elektrische Fahrzeuge veröffentlicht. Nach einer Mitteilung der EU-Kommission vom vergangenen Donnerstag legen die neuen Leitlinien fest, dass zumindest bestimmte Steuergutschriften bei gewerblichen Fahrzeugen auch europäischen Firmen zugutekommen können. So könnten EU-Unternehmen amerikanischen Bürgern etwa elektrische Autos leasen.
“Das ist ein Gewinn für beide Seiten, da es die Zusammenarbeit zwischen der EU und den USA bei dem gemeinsamen Ziel der Bekämpfung des Klimawandels stärkt und die transatlantischen Lieferketten fördert”, schrieb die Brüsseler Behörde. Insgesamt bereite der IRA aber nach wie vor Sorgen. ber/dpa
Autoindustrie
Elektromobilität
Handelspolitik
Inflation Reduction Act
Mobilität
London verfehlt Handelsziele nach dem Brexit
Großbritannien hat sein für den Jahreswechsel selbst gesetztes Ziel für Handelsverträge nach dem Brexit deutlich verfehlt. Weniger als zwei Drittel des Außenhandelsvolumens sind bislang durch Post-Brexit-Handelsverträge abgedeckt, wie ein Sprecher des britischen Handelsministeriums auf Anfrage bestätigte. Ursprünglich hatte die Regierung in London als Ziel ausgegeben, bis Ende 2022 sollten neue Handelsverträge 80 Prozent ausmachen.
Die Möglichkeit, als souveräner Staat eigene Handelsverträge frei von EU-Regularien zu schließen, war eines der zentralen Versprechen des Brexits. Nach den jüngsten verfügbaren Regierungszahlen von Ende September hat Großbritannien mit der EU und 71 Ländern Handelsverträge geschlossen.
Handelsverträge mit Indien, Golf- & Indopazifik-Staaten
Das britische Handelsministerium teilte mit, man wolle sich als nächstes auf Deals mit Indien, den Golfstaaten, Kanada, Mexiko, Israel und dem Indopazifik konzentrieren.
“Wir haben uns hohe Ziele gesteckt, aber um diese zu erreichen, brauchen wir einen Deal mit den USA, und es ist deutlich, dass die Regierung Biden Handelsverträgen mit anderen Ländern keinen Vorrang einräumt”, hieß es zudem aus britischen Regierungskreisen. Bis zu einer Lösung werde man daran arbeiten, Handelshürden für britische Unternehmen auf dem US-Markt abzubauen und Verträge mit einzelnen Bundesstaaten zu schließen. Verkompliziert würden die Verhandlungen mit den USA aber auch durch den Streit mit der EU über Post-Brexit-Handelsregeln für Nordirland, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Andrew Lee von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. dpa
Brexit
Großbritannien
Handel
Handelspolitik
Kroatien führt den Euro ein
Zum Jahreswechsel hat Kroatien den Euro anstelle der Landeswährung Kuna eingeführt. Ein Euro entspricht 7,5345 Kuna. Zugleich trat das beliebte Urlaubsland der grenzkontrollfreien Schengen-Zone bei. Im Flugverkehr werden die Grenzkontrollen ab 26. März fallen. Grund ist laut EU-Kommission die nötige Übereinstimmung mit der Umstellung auf die internationalen Sommerflugpläne.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die slowenische Präsidentin Natasa Pirc-Musar und der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic trafen sich Sonntagmittag am kroatisch-slowenischen Grenzübergang Bregana. An Pirc-Musar gewandt sagte von der Leyen: “Ihre Anwesenheit hier zeigt deutlich, wie wichtig dieser Tag nicht nur für Kroatien, sondern auch für alle seine Nachbarn ist.”
Von der Leyen verteidigte außerdem die Idee des Reisens ohne Kontrollen. “Schengen ist keine Selbstverständlichkeit. Sein Funktionieren wurde in der Vergangenheit und wird auch jetzt manchmal in Frage gestellt. Schengen bedarf des Engagements und gegenseitigen Vertrauens. Im Schengen-Raum sind wir aufeinander angewiesen. Und wir wissen, dass wir Ihnen vertrauen und uns auf Kroatien verlassen können.” ber/dpa
Eurozone
Finanzen
Kroatien
Presseschau
Kroatien führt den Euro ein und wird Schengenland DER STANDARD Schwedens EU-Präsidentschaft im Krisenmodus DW Ukraine will stärkste Luftabwehr in Europa schaffen T-ONLINE “Terroristischem Staat wird nicht vergeben”: Selenskyj hofft auf “Jahr des Sieges” EURONEWS Reisende aus China: Frankreich und Großbritannien führen Corona-Tests ein TAGESSCHAU EU berät am Mittwoch über Reaktion auf Corona-Welle in China DEUTSCHLANDFUNK Großbritannien schließt weniger Handelsverträge ab als erhofft LUXEMBURGER WORT Zahl der EU-Studierenden an britischen Unis geht weiter zurück DEUTSCHLANDFUNKKULTUR McAllister zu korrupten EU-Politikern: “Wie in schlechter Netflix-Serie” KREISZEITUNG Gas in Europa so günstig wie zuletzt vor Kriegsbeginn FAZ EU und Schweiz fürchten Cyberangriffe auf das Stromnetz HANDELSZEITUNG EVP-Chef Manfred Weber nennt China “Bedrohung für europäische Sicherheit” SPIEGEL EU-Handelskommissar Valdis Dombrovskis warnt: Handelsstreit mit USA könnte Europäer in Richtung China treiben HEISE Umstrittenes Öko-Siegel für Atomenergie und Gas in Kraft DEUTSCHLANDFUNK Energiekrise – Polens Suche nach Lösungen MDR Papst Franziskus ruft Gläubige auf, für seinen verstorbenen Vorgänger zu beten EURONEWS Rom auf Konfrontationskurs zu Europa STUTTGARTER-NACHRICHTEN Gegen Proteste: Macron will Rente mit 65 durchdrücken SPIEGEL Kondome sind für junge Menschen in Frankreich jetzt kostenlos ZEIT London meldet neuen Rekord bei Bootsmigranten DW Schweiz und Europa: Die große Souveränitätslüge SUEDDEUTSCHE
Heads
Walburga Hemetsberger – Die Solarstrom-Enthusiastin
Walburga Hemetsberger ist CEO von SolarPower Europe.
Walburga Hemetsberger sieht Europa als Vorreiter bei Energiewende und Klimaschutz. Und diese Rolle zu verteidigen als Ziel – auch in puncto Wettbewerbsfähigkeit. Die Dringlichkeit zum Erneuerbaren-Ausbau ist für sie ebenso klar wie der Wettbewerb “nicht nur mit China, auch mit den USA und mit Indien”. Als CEO von SolarPower Europe fasst sie ihre Vision so zusammen: “Europa bedeutet für mich Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand. Und dass man gemeinsam innovativ ist.”
Die gebürtige Österreicherin ist seit Jahren in Brüssel zu Hause. Auffällig in ihrer beruflichen Karriere: eine beständige Verbindung zum Energiesektor. Bevor sie zu Europas Solarenergie-Verband kam, leitete sie unter anderem das Brüsseler Büro der Verbund AG, Österreichs größtem Energieversorgungsunternehmen, und war Vorstandsmitglied von Hydrogen Europe. Studiert hat die 47-Jährige Law and Business Administration in Innsbruck. Dieser Hintergrund schärft ihren Blick für die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen in der Energiepolitik.
Für “die europäische Sache”
Auch nach 20 Jahren in der Stadt des EU-Hauptsitzes hat Hemetsberger ihren österreichischen Dialekt nicht verlernt. Nur Deutsch zu sprechen, ist für sie mittlerweile durch ihr englischsprachiges Arbeitsumfeld ungewohnt. Sie sagt: “Ich war immer schon überzeugte Europäerin.” Für “die europäische Sache” beginnt sie direkt nach Studienabschluss zu arbeiten.
Photovoltaik hat sie durch die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten überzeugt: auf Dächern, in Form von großen Solarparks und in der Landwirtschaft. In Bezug auf PV sei Europa 2022 über die Prognosen des Verbands hinausgewachsen. Im Lauf des Jahres wurden nach Zahlen von SolarpowerEurope 41,4 Gigawatt neu installiert – genug um 12,4 Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen.
Solarenergie als gelebte Demokratie
“Solarenergie ist sehr demokratisch. Jeder kann sich beteiligen – auf dem eigenen Hausdach oder über eine Bürgerbeteiligung am Solarpark. Alle werden zu Energiebürgern und helfen bei der Energiewende”, so Hemetsberger. Sie wird nicht müde zu betonen, dass PV auch dort Sinn macht, wo es weniger Sonnenstunden gibt: “Gemeinsam mit Wind wird Solar eine der beiden entscheidenden Technologien sein, die uns hoffentlich aus der Krise herausführen.”
Das Haupthindernis sieht die Österreicherin aktuell in Genehmigungsverfahren, die in ganz Europa noch immer zu langsam seien – besonders angesichts des riesigen Interesses zur Sicherstellung der Energieversorgung. Doch Hemetsberger erkennt auch die kleinen Fortschritte: Sie begrüßt die Möglichkeit von Repowering, mit dem Solaranlagen in Deutschland fortan leichter mit neuen, effizienteren PV-Modulen bestückt werden können, um den Ertrag zu erhöhen.
Eine Riesenchance ist es in ihren Augen, Arbeitskräftein zukunftsträchtige Technologiefelder zu bringen. “Die Frage ist, inwieweit man das nur durch marktwirtschaftliche Mechanismen betreiben kann oder ob es Lenkungsinstrumente braucht, um die PV-Industrie hier wieder anzusiedeln.” Sie wünscht sich mit SolarPower Europa, die Solarfertigung wieder nach Europa zu bringen. Walburga Hemetsberger weiß: “Nur wenn wir in Europa großflächig Gigawatt produzieren, können wir am Ende des Tages auch global wettbewerbsfähig sein.” Julia Klann
Energie
Solar
Termine
Wie sieht der Sitzungskalender des EU-Parlaments aus? Wann finden die Treffen des Europäischen Rates statt? Welche wichtigen Vorhaben möchte die EU-Kommission umsetzen? Wir haben für Sie eine Übersicht über die wichtigsten Termine der EU-Institutionen bis zur Sommerpause 2023 zusammengestellt. Alle Angaben sind als vorläufig zu verstehen und unterliegen dem Vorbehalt möglicher Änderungen durch die jeweiligen Institutionen.
Lieferketten, Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft: Ausblick 2023
Wie systematisch Macron Europapolitik macht
Autoindustrie reagiert verhalten auf IRA-Ankündigung
London verfehlt Handelsziele nach dem Brexit
Kroatien führt den Euro ein
Heads: Walburga Hemetsberger – Die Solarstrom-Enthusiastin
Termine: Das Wichtigste im 1. Halbjahr 2023
Liebe Leserin, lieber Leser,
mit dem Jahreswechsel hat Schweden die Ratspräsidentschaft in der EU übernommen und an Premier Ulf Kristersson richtete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen per Twitter gleich eine Neujahrsbotschaft: “Ihre Führungsstärke wird entscheidend sein, um unsere europäische Einheit zur Unterstützung der Ukraine zu bewahren.”
Daneben hat Schweden im Rat zahlreiche Dossiers aus der regulären Brüsseler Gesetzgebung übernommen. Meine Kollegin Leonie Düngefeld erklärt in ihrem Ausblick zu Lieferketten und zur Kreislaufwirtschaft für 2023, was sich in den nächsten Monaten tun wird hinsichtlich Raw Materials Act, Lieferkettengesetz, Ökodesign und Verpackungen.
Um langfristige Strategien in der EU-Politik geht es in unserer Analyse zu Frankreich. Claire Stam schlüsselt auf, wie Emmanuel Macron seine Europapolitik verfolgt – personell, institutionell und mit politischen Initiativen wie dem CO2-Grenzausgleich CBAM.
Die Termine im ersten Halbjahr 2023 haben wir für Sie am Ende dieser Ausgabe zusammengestellt: Von Parlament, Rat und Kommission finden Sie in dieser Extra-Ausgabe unserer Terminvorschau die Sitzungen und die wichtigsten Vorhaben.
Übrigens: Im neuen Jahr bekommen Sie auch etwas Neues von uns – unser Late Night-Memo als ideale Ergänzung zu diesem Table. Es bringt schon am Vorabend das Wichtigste aus diesem und allen anderen Tables und heißt nach unserem Erscheinungsort Berlin.Table. Wir sind gespannt, wie es Ihnen gefällt.
AllesGute zum neuen Jahr und einen erfolgreichen Start ins Jahr 2023 wünscht
Ihr Manuel Berkel
Analyse
Lieferketten, Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft: Ausblick 2023
Es war eine der intensivsten Debatten des vergangenen Jahres: Sollten Investitionen in Atomkraft und Erdgas in die grüne Taxonomie aufgenommen werden? Ein Veto-Versuch im Parlament scheiterte; im Juli stimmten die Abgeordneten im Plenum für den ergänzenden delegierten Rechtsakt. Dieser ist nun am 1. Januar in Kraft getreten. Spannend bleibt die Nichtigkeitsklage, die Österreich im Oktober beim Gericht der Europäischen Union gegen den Rechtsakt eingereicht hatte (Europe.Table berichtete). Die Dauer des Verfahrens wurde allerdings auf mindestens zwei Jahre geschätzt.
Für vier der sechs Ziele, die in der Taxonomie aufgestellt wurden, müssen noch technische Prüfkriterien entwickelt werden. Diese werden dann in weiteren delegierten Rechtsakten festgelegt. Wann mit konkreten Vorschlägen zur rechnen ist, bleibt unklar.
Raw Materials Act: Entwurf kommt Ende März
Das geplante EU-Gesetzespaket zur Stärkung der Versorgung mit strategisch wichtigen Rohstoffen (Critical Raw Materials Act) will die Kommission Ende März vorstellen. Ursprünglich war auch dieses Paket für Ende 2022 angekündigt gewesen.
Mit dem Paket will die EU die Versorgung der Industrie mit Rohstoffen sichern, die für die Energiewende und die Digitalisierung und somit für das Erreichen des Green Deals und der Pariser Klimaziele benötigt werden. Die Kommission will eine aktivere Rohstoffpolitik antreiben, die andere Staaten wie China, Japan oder die USA bereits länger verfolgen. Sie hat bereits Eckpunkte und einige der Ziele und Maßnahmen verkündet (Europe.Table berichtete):
Prioritäten für den Bedarf bestimmen
Steuerung und Überwachung
Stärkung der europäischen Wertschöpfungskette
Risikomanagement und -minderung
Aufbau nachhaltiger und gleicher Wettbewerbsbedingungen
Stärkung globaler Maßnahmen
Stärkung von Forschung und Fähigkeiten
Recht auf Reparatur: Entwurf kommt im März
Den mehrmals verschobenen Entwurf zum Recht auf Reparatur will die Kommision im März 2023 vorlegen. Dies hatte Ana Gallego Torres, Generaldirektorin für Justiz und Verbraucher (DG JUST), Anfang Dezember in einer Anhörung im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO) des Parlaments angekündigt.
Mit dem Gesetzesvorhaben soll die Lebensdauer von reparaturfähigen Verbrauchsgütern verlängert und die vorzeitige Entsorgung vermieden werden. Die Kommission wird wahrscheinlich vorschlagen, die gesetzliche Garantie für diese Güter zu verlängern und individuell an einzelne Produktgruppen anzupassen. Sie will auch Instrumente vorschlagen, um nach Ablauf der Garantie die Reparatur für Verbraucher zugänglicher und attraktiver zu machen, etwa durch mehr Transparenz bei den Reparaturbedingungen.
Der Entwurf sollte ursprünglich im Sommer 2022, dann Ende Novemberals Teil des zweiten Kreislaufwirtschaftspakets vorgestellt werden, war nach einer negativen Stellungnahme des internen Ausschusses für Regulierungskontrolle (Regulatory Scrutiny Board) jedoch auf 2023 verschoben worden.
Ökodesign-Verordnung: Fortschritte in Rat und Parlament
Weitere Anforderungen an die Reparierbarkeit von Produkten sollen durch die neue Ökodesign-Verordnung etabliert werden. Im März 2022 hatte die Kommission ihren Entwurf vorgestellt. Anfang Dezember stellte Alessandra Moretti (S&D) den Berichtsentwurf im Umweltausschuss des Parlaments vor. Sie schlägt darin vor, den Geltungsbereich der Verordnung auszuweiten, um die soziale Nachhaltigkeit von Produkten sowie Aspekte der Sorgfaltspflicht entlang der Wertschöpfungskette abzudecken, und die EU-Klimaziele sowie den gesamten Material- und Verbrauchsfußabdruck bei der Ausarbeitung von Ökodesign-Anforderungen zu berücksichtigen, sowie einige Produkte (etwa Eisen, Stahl, Aluminium oder Textilien) vorrangig zu berücksichtigen. Der Entwurf wird vermutlich im Frühling im Umweltausschuss abgestimmt.
Im Rat wurde der Vorschlag in der Arbeitsgruppe “Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum” begonnen. Auf den Tagungen des Rates Ende September und Anfang Dezember wurden die Fortschritte vorgestellt. Der Rat für Wettbewerbsfähigkeit tagt wieder am 6. Februar und am 2. März.
Verpackungen und Plastik: Rat und Parlament beginnen Arbeit
Als Teil des zweiten Kreislaufwirtschaftspakets stellte die Kommission Ende November die Reform der Verpackungsverordnung vor. Damit will sie Produzenten und Mitgliedstaaten zur Verantwortung ziehen und Recycling und Wiederverwendung zur Norm machen. Genaue Regeln für kompostierbares Plastik legt ein zweiter Entwurf fest, den die Kommission vorlegte (für mehr Details siehe die Analyse im Europe.Table).
Bis zum 14. Februar läuft noch die öffentliche Konsultation zum Entwurf. Dann wird auch die Arbeit im Rat und Parlament beginnen.
Lieferkettengesetz: Abstimmungen im Frühling
Anfang November hat Berichterstatterin Lara Wolters (S&D) den Berichtsentwurf für das EU-Lieferkettengesetz im Rechtsausschuss vorgestellt, der weit über den Kommissionsvorschlag hinausgeht (Europe.Table berichtete). Im März wird der Ausschuss nach Diskussion der Änderungsanträge über den Bericht abstimmen; die Abstimmung im Plenum ist für Mai geplant.
Der Rat hingegen hat in seiner Position, über die er Anfang Dezember abstimmte, den Kommissionsentwurf deutlich abgeschwächt und etwa beschlossen, die Finanzbranche nicht automatisch mit in die Sorgfaltspflichten einzubeziehen. Frankreich hatte sich mit seiner Forderung durchgesetzt (Europe.Table berichtete).
Emmanuel Macron ist der erste Präsident, der die Europapolitik in die Innenpolitik Frankreichs so weitreichend integriert hat, stellt Eric Maurice, Leiter des Brüsseler Zweigs der Schuman-Stiftung, fest. “Wir kommen an einen Punkt, an dem bestimmte französische Ideen in Europa viel besser akzeptiert werden. Dies gilt zum Beispiel für die strategische Autonomie, die industrielle Souveränität oder den CO2-Grenzausgleich“, stellt er fest.
Die Geschichte des CO2-Grenzausgleichs (CBAM) spricht für sich: Ursprünglich vom französischen Präsidenten Jacques Chirac vorgeschlagen und von Nicolas Sarkozy gefordert, der erklärte, dass “diejenigen, die Schmutz produzieren, dafür bezahlen müssen”, stieß das Projekt einer CO2-Steuer an den EU-Grenzen bei den europäischen Partnern Frankreichs auf Misstrauen. François Hollande hatte es dennoch erneut auf den Tisch gebracht, jedoch ohne weiteren Erfolg. Dann setzte sich Emmanuel Macron weiter für diese Position ein. In Brüssel ist sie nun beschlossene Sache.
Elysée bestimmt EU-Posten maßgeblich mit
“Es gibt eine sehr starke Steuerung in Brüssel, die aus dem Elysée-Palast kommt”, fügt Eric Maurice hinzu. Diese Dynamik des Elysées spiegelt sich in der Besetzung strategischer Posten in Brüssel wider: Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, haben ihre Posten der Intervention des französischen Präsidenten zu verdanken.
Paris konnte sich dann auf die Wahl von Ursula von der Leyen stützen, um ein bedeutendes EU-Kommissarsportefeuille zu erhalten, in diesem Fall das von Thierry Breton besetzte Industrieressort, heißt es in Brüsseler diplomatischen Kreisen. Hinzu kommt die Ernennung von Christine Lagarde zur Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), gibt ein Diplomat zu bedenken.
Die Wahl von Pascal Canfin, einem ehemaligen Grünen-Mitglied, der zu Renew gewechselt ist, zum Vorsitzenden des einflussreichen Envi-Ausschusses – des größten Ausschusses im Europäischen Parlament – verschafft Paris Einfluss auf das “Super-Paket” Fit-for-55, heißt es weiter. Und man sollte auch die Fraktion der Liberalen, die von “Alde” zu “Renew” geworden ist, nicht aus der Augen zu verlieren.
Renew, ein politisches Relais
“Die Fraktion steht unter starkem französischem Einfluss, und es gibt ein französisches Management der Renew-Partei”, berichtet ein französischer EU-Parlamentarier. Er erklärt, dass die große Mehrheit der französischen Europaabgeordneten in der Fraktion ihr erstes Mandat innehaben. “Und sie sind mit der Idee angetreten, die Position des Elysée-Palastes zu verteidigen”, berichtet er. Die Logik und die Art und Weise, wie im Europäischen Parlament vorgegangen wird, ist jedoch eine ganz andere, betont er.
Der Parlamentarier stellt fest, dass die deutschen Parlamentarier niemals sagen werden, dass man die Position Berlins verteidigen muss. “Sie werden sagen, dass man die Position der Industrie, der Zivilgesellschaft oder der gesamten Fraktion verteidigen muss, aber nicht die nationalen Interessen. Selbst wenn das der Fall ist, werden sie das nie sagen”, sagte er.
Doppelfunktion des Fraktionschefs sorgt für Spannungen
Der Europaparlamentarier beklagt auch die Doppelfunktion von Stéphane Séjourné: die des Vorsitzenden der Renew-Fraktion in Brüssel und die des Generalsekretärs der Renaissance-Partei, dem neuen Namen von La République en Marche, der von Emmanuel Macron gegründeten Partei. “Es ist nicht möglich, den Parteivorsitz in Paris und den Parteivorsitz in Brüssel zu verwalten“, bedauert der Parlamentarier. “Man muss zu 100 Prozent dort in Brüssel sein”, fügt er hinzu und verweist auf die Unzufriedenheit einiger nicht-französischer Renew-Parlamentarier.
Was Pascal Canfin betrifft, so wurde der ehemalige Journalist neben seiner Funktion als Vorsitzender des Envi-Ausschusses auch zum stellvertretenden Generalsekretär der Renaissance-Partei in Frankreich ernannt. Die Partei hat ihn außerdem mit dem Thema “gerechte Verteilung von Unternehmensgewinnen” betraut, das derzeit im Land heiß diskutiert wird.
Das “SGAE”, ein institutionelles Relais
Die Europäisierung der französischen Politik – und umgekehrt – macht sich auch bei den Diplomaten bemerkbar. Der französische Präsident hat den Willen, die bilateralen Beziehungen zwischen Frankreich und jedem der 27 Mitgliedstaaten zu stärken, wie eine französische diplomatische Quelle berichtet. “Das dient den französischen Positionen im Rat der Europäischen Union und im Europäischen Rat”, fügt er hinzu. “Wir haben also einen Präsidenten, der jeden der 27 Mitgliedstaaten besucht hat”, sagt er. “Wir haben Aktionspläne ausgehandelt und bilaterale Beziehungen gestärkt, zum Beispiel mit Italien durch den Vertrag von Quirinal, mit Deutschland durch den Vertrag von Aachen und mit den Niederlanden, wo sich die Minister regelmäßig treffen”, erläutert er.
Bei dieser Arbeit kann sich der Elysée-Palast auf ein grundlegendes institutionelles Element stützen: das Generalsekretariat für europäische Angelegenheiten, im französischsprachigen Raum besser bekannt unter dem Akronym SGAE. Dieses Sekretariat ist dem Premierminister unterstellt, der die Aufgabe hat, das Handeln der Regierung zu koordinieren, erklärt die diplomatische Quelle. “In Paris hilft uns das SGAE dabei, die Kohärenz unserer Europapolitik zu gewährleisten”, berichtet die diplomatische Quelle.
Dieses Sekretariat wurde von großen Experten des europäischen Räderwerks geleitet. Die derzeitige Sekretärin des SGAE, Laurence Boone, ist eine erfahrene Kennerin der Europapolitik. Was ihre Vorgänger betrifft, so ist Clément Beaunes Europa-Begeisterung und Expertise in Brüssel in bester Erinnerung geblieben und Philippe Leglise-Costa leitet die ständige Vertretung Frankreichs in Brüssel.
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Autoindustrie reagiert verhalten auf IRA-Ankündigung
Jüngste Entspannungssignale der US-Regierung zum Inflation Reduction Act (IRA) sieht die Automobilwirtschaft noch nicht als Lösung in Handelsfragen. “Die Bundesregierung und die EU müssen sich weiter für eine Lösung bezüglich der Benachteiligung europäischer Produkte durch den IRA einsetzen”, sagte ein VDA-Sprecher am Neujahrstag auf Anfrage. “Mit Blick auf die globalen Entwicklungen müssen sich Berlin und Brüssel zudem endlich dem verschärften Standortwettbewerb stellen. Wichtig ist dabei auch, dass die EU ihre eigenen Lieferketten für die Elektromobilität aufbaut.”
Das US-Finanzministerium und die US-Steuerbehörde IRS hatten jüngst zusätzliche Informationen zu den im IRA vorgesehenen Steuervergünstigungen für elektrische Fahrzeuge veröffentlicht. Nach einer Mitteilung der EU-Kommission vom vergangenen Donnerstag legen die neuen Leitlinien fest, dass zumindest bestimmte Steuergutschriften bei gewerblichen Fahrzeugen auch europäischen Firmen zugutekommen können. So könnten EU-Unternehmen amerikanischen Bürgern etwa elektrische Autos leasen.
“Das ist ein Gewinn für beide Seiten, da es die Zusammenarbeit zwischen der EU und den USA bei dem gemeinsamen Ziel der Bekämpfung des Klimawandels stärkt und die transatlantischen Lieferketten fördert”, schrieb die Brüsseler Behörde. Insgesamt bereite der IRA aber nach wie vor Sorgen. ber/dpa
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London verfehlt Handelsziele nach dem Brexit
Großbritannien hat sein für den Jahreswechsel selbst gesetztes Ziel für Handelsverträge nach dem Brexit deutlich verfehlt. Weniger als zwei Drittel des Außenhandelsvolumens sind bislang durch Post-Brexit-Handelsverträge abgedeckt, wie ein Sprecher des britischen Handelsministeriums auf Anfrage bestätigte. Ursprünglich hatte die Regierung in London als Ziel ausgegeben, bis Ende 2022 sollten neue Handelsverträge 80 Prozent ausmachen.
Die Möglichkeit, als souveräner Staat eigene Handelsverträge frei von EU-Regularien zu schließen, war eines der zentralen Versprechen des Brexits. Nach den jüngsten verfügbaren Regierungszahlen von Ende September hat Großbritannien mit der EU und 71 Ländern Handelsverträge geschlossen.
Handelsverträge mit Indien, Golf- & Indopazifik-Staaten
Das britische Handelsministerium teilte mit, man wolle sich als nächstes auf Deals mit Indien, den Golfstaaten, Kanada, Mexiko, Israel und dem Indopazifik konzentrieren.
“Wir haben uns hohe Ziele gesteckt, aber um diese zu erreichen, brauchen wir einen Deal mit den USA, und es ist deutlich, dass die Regierung Biden Handelsverträgen mit anderen Ländern keinen Vorrang einräumt”, hieß es zudem aus britischen Regierungskreisen. Bis zu einer Lösung werde man daran arbeiten, Handelshürden für britische Unternehmen auf dem US-Markt abzubauen und Verträge mit einzelnen Bundesstaaten zu schließen. Verkompliziert würden die Verhandlungen mit den USA aber auch durch den Streit mit der EU über Post-Brexit-Handelsregeln für Nordirland, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Andrew Lee von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. dpa
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Kroatien führt den Euro ein
Zum Jahreswechsel hat Kroatien den Euro anstelle der Landeswährung Kuna eingeführt. Ein Euro entspricht 7,5345 Kuna. Zugleich trat das beliebte Urlaubsland der grenzkontrollfreien Schengen-Zone bei. Im Flugverkehr werden die Grenzkontrollen ab 26. März fallen. Grund ist laut EU-Kommission die nötige Übereinstimmung mit der Umstellung auf die internationalen Sommerflugpläne.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die slowenische Präsidentin Natasa Pirc-Musar und der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic trafen sich Sonntagmittag am kroatisch-slowenischen Grenzübergang Bregana. An Pirc-Musar gewandt sagte von der Leyen: “Ihre Anwesenheit hier zeigt deutlich, wie wichtig dieser Tag nicht nur für Kroatien, sondern auch für alle seine Nachbarn ist.”
Von der Leyen verteidigte außerdem die Idee des Reisens ohne Kontrollen. “Schengen ist keine Selbstverständlichkeit. Sein Funktionieren wurde in der Vergangenheit und wird auch jetzt manchmal in Frage gestellt. Schengen bedarf des Engagements und gegenseitigen Vertrauens. Im Schengen-Raum sind wir aufeinander angewiesen. Und wir wissen, dass wir Ihnen vertrauen und uns auf Kroatien verlassen können.” ber/dpa
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Walburga Hemetsberger – Die Solarstrom-Enthusiastin
Walburga Hemetsberger ist CEO von SolarPower Europe.
Walburga Hemetsberger sieht Europa als Vorreiter bei Energiewende und Klimaschutz. Und diese Rolle zu verteidigen als Ziel – auch in puncto Wettbewerbsfähigkeit. Die Dringlichkeit zum Erneuerbaren-Ausbau ist für sie ebenso klar wie der Wettbewerb “nicht nur mit China, auch mit den USA und mit Indien”. Als CEO von SolarPower Europe fasst sie ihre Vision so zusammen: “Europa bedeutet für mich Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand. Und dass man gemeinsam innovativ ist.”
Die gebürtige Österreicherin ist seit Jahren in Brüssel zu Hause. Auffällig in ihrer beruflichen Karriere: eine beständige Verbindung zum Energiesektor. Bevor sie zu Europas Solarenergie-Verband kam, leitete sie unter anderem das Brüsseler Büro der Verbund AG, Österreichs größtem Energieversorgungsunternehmen, und war Vorstandsmitglied von Hydrogen Europe. Studiert hat die 47-Jährige Law and Business Administration in Innsbruck. Dieser Hintergrund schärft ihren Blick für die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen in der Energiepolitik.
Für “die europäische Sache”
Auch nach 20 Jahren in der Stadt des EU-Hauptsitzes hat Hemetsberger ihren österreichischen Dialekt nicht verlernt. Nur Deutsch zu sprechen, ist für sie mittlerweile durch ihr englischsprachiges Arbeitsumfeld ungewohnt. Sie sagt: “Ich war immer schon überzeugte Europäerin.” Für “die europäische Sache” beginnt sie direkt nach Studienabschluss zu arbeiten.
Photovoltaik hat sie durch die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten überzeugt: auf Dächern, in Form von großen Solarparks und in der Landwirtschaft. In Bezug auf PV sei Europa 2022 über die Prognosen des Verbands hinausgewachsen. Im Lauf des Jahres wurden nach Zahlen von SolarpowerEurope 41,4 Gigawatt neu installiert – genug um 12,4 Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen.
Solarenergie als gelebte Demokratie
“Solarenergie ist sehr demokratisch. Jeder kann sich beteiligen – auf dem eigenen Hausdach oder über eine Bürgerbeteiligung am Solarpark. Alle werden zu Energiebürgern und helfen bei der Energiewende”, so Hemetsberger. Sie wird nicht müde zu betonen, dass PV auch dort Sinn macht, wo es weniger Sonnenstunden gibt: “Gemeinsam mit Wind wird Solar eine der beiden entscheidenden Technologien sein, die uns hoffentlich aus der Krise herausführen.”
Das Haupthindernis sieht die Österreicherin aktuell in Genehmigungsverfahren, die in ganz Europa noch immer zu langsam seien – besonders angesichts des riesigen Interesses zur Sicherstellung der Energieversorgung. Doch Hemetsberger erkennt auch die kleinen Fortschritte: Sie begrüßt die Möglichkeit von Repowering, mit dem Solaranlagen in Deutschland fortan leichter mit neuen, effizienteren PV-Modulen bestückt werden können, um den Ertrag zu erhöhen.
Eine Riesenchance ist es in ihren Augen, Arbeitskräftein zukunftsträchtige Technologiefelder zu bringen. “Die Frage ist, inwieweit man das nur durch marktwirtschaftliche Mechanismen betreiben kann oder ob es Lenkungsinstrumente braucht, um die PV-Industrie hier wieder anzusiedeln.” Sie wünscht sich mit SolarPower Europa, die Solarfertigung wieder nach Europa zu bringen. Walburga Hemetsberger weiß: “Nur wenn wir in Europa großflächig Gigawatt produzieren, können wir am Ende des Tages auch global wettbewerbsfähig sein.” Julia Klann
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Termine
Wie sieht der Sitzungskalender des EU-Parlaments aus? Wann finden die Treffen des Europäischen Rates statt? Welche wichtigen Vorhaben möchte die EU-Kommission umsetzen? Wir haben für Sie eine Übersicht über die wichtigsten Termine der EU-Institutionen bis zur Sommerpause 2023 zusammengestellt. Alle Angaben sind als vorläufig zu verstehen und unterliegen dem Vorbehalt möglicher Änderungen durch die jeweiligen Institutionen.