Frankreich: Kommunalwahlen als Generalprobe für die Präsidentschaftswahl 2027

Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl gelten die Kommunalwahlen am 15. und 22. März als wichtiger politischer Test für alle Parteien.

12. März 2026
Jean-Luc Melenchon, Sophia Chikirou and La France insoumise members, during the rally held in Paris on March 9, 2026, ahead of 2026 municipal elections in France. - 09 03 2026 - France Paris - AntoninxBuratx xLexPictorium LePictorium_0329387
Jean-Luc Melenchon bei einer Wahlkampfveranstaltung seiner Partei La France insoumise in Paris (IMAGO / Le Pictorium)
Deutschlands EU-Briefing Nr. 1 Jetzt Europe.Table 30 Tage kostenlos testen!

Die Themen sind zwar stark lokal geprägt: Es geht um Sicherheit, Lebensqualität oder den Erhalt öffentlicher Dienstleistungen. Dennoch werden die Kommunalwahlen in Frankreich als Generalprobe für den Präsidentschaftswahlkampf gelesen. Sie sollen zeigen, wie sich die politischen Kräfteverhältnisse in den Regionen entwickeln und wie stark die Parteien lokal verankert sind. Immerhin ist es der letzte Urnengang vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2027.

Für die linken Parteien sind die Kommunalwahlen ein erster strategischer Schlagabtausch mit Blick auf 2027. Der Wettbewerb zwischen La France insoumise (LFI) und der Sozialistischen Partei (PS) prägt den Wahlkampf auf der linken Seite. Beide wollen zeigen, dass sie die zentrale Alternative zur extremen Rechten darstellen können. LFI-Chef Jean-Luc Mélenchon reist seit Monaten durchs Land, um „insoumise“-Listen zu unterstützen und die Mobilisierung der Basis zu testen – ein Vorgehen, das bereits an den Auftakt eines Präsidentschaftswahlkampfs erinnert.

Die Sozialisten hingegen wollen die Wahlen als Sprungbrett nutzen. Sie wollen zeigen, dass eine linke Dynamik auch ohne LFI möglich ist. Die PS setzt auf breite lokale Bündnisse, vor allem mit den Grünen und der Kommunistischen Partei. Ziel ist es, als zentrale Kraft eines Bündnisses zu erscheinen, das 2027 die extreme Rechte schlagen könnte. „Die Ergebnisse der Kommunalwahlen dürften eine zentrale strategische Frage entscheiden: Wer von LFI oder der PS wird bei der nächsten Präsidentschaftswahl den ‚vote utile‘ der Linken auf sich vereinen“, erklärt eine französische Europaabgeordnete. Mit „vote utile“ ist eine Stimme gemeint, die abgegeben wird, um einen Sieg des extrem rechten Rassemblement national zu verhindern.

Auch im rechten Lager gelten die Kommunalwahlen als politisches Labor. Die Partei Les Républicains (LR) versucht, ihre starke lokale Verankerung zu bewahren, steht jedoch unter Druck durch den Rassemblement national (RN) und durch interne Verschiebungen im konservativen Lager.

In mehreren Städten wird offen über eine Zusammenarbeit zwischen traditioneller Rechter und extremer Rechter diskutiert. In Marseille etwa streckt der RN-Kandidat Franck Allisio der lokalen traditionellen Rechten die Hand aus. In Paris wirbt die von Éric Zemmour unterstützte Kandidatin, die Europaabgeordnete Sarah Knafo, für eine Annäherung an die konservative Kandidatin Rachida Dati.

Offiziell lehnen LR weiterhin jede formelle Allianz mit der extremen Rechten ab. Zugleich setzt die Partei auf einen harten Kurs gegenüber LFI. Innenminister Bruno Retailleau etwa fordert einen „cordon sanitaire“ gegen LFI – spiegelbildlich zum traditionellen republikanischen Bündnis gegen den RN.

Die Mitte scheint eine Minimalstrategie mit Risiko zu fahren. Nach der schweren Niederlage bei den Kommunalwahlen 2020 verfolgt Renaissance, die Partei von Präsident Emmanuel Macron, eine bewusst zurückhaltende Strategie für die Abstimmung im März. Parteichef ist seit 2024 Macrons früherer Premierminister Gabriel Attal, der als möglicher Präsidentschaftskandidat gilt.

Renaissance ist im Vergleich zu den traditionellen Parteien schwach lokal verankert. Sie stellt daher nur wenige eigene Kandidaten auf und unterstützt häufig konservative Kandidaten mit stärkerer regionaler Basis. „Wenn wir keinen großen Wahlkampf führen, können wir mögliche Erfolge für uns verbuchen – und uns im Fall einer neuen Niederlage leichter distanzieren“, erklärt ein Abgeordneter aus dem Regierungslager.

Anders ist die Situation für einen anderen früheren Premierminister Macrons: Édouard Philippe. Der amtierende Bürgermeister der Hafenstadt Le Havre hat seine Wiederwahl für eine dritte Amtszeit zur Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur gemacht. „Wenn ich die Menschen in Le Havre nicht überzeugen kann, müsste ich daraus Konsequenzen ziehen“, erklärte er. Laut Umfragen liegt der kommunistische Kandidat Jean-Paul Lecoq dicht hinter ihm.

Auch Raphaël Glucksmann positioniert sich für 2027. In dieser fragmentierten politischen Landschaft versucht der Europaabgeordnete, sich als dritte Kraft links der Mitte zu etablieren. Gestärkt durch sein Ergebnis bei der Europawahl 2024 (13,8 Prozent auf einer gemeinsamen Liste mit dem PS) bereitet er schrittweise eine mögliche Präsidentschaftskandidatur vor. Glucksmann präsentiert sich als Bollwerk gegen den RN und kritisiert zugleich scharf LFI, deren demokratische Glaubwürdigkeit er infrage stellt.

Bereits jetzt laufen Gespräche zwischen Glucksmann und sozialistischen Verantwortlichen. Dies deutet auf eine mögliche Neuordnung im Mitte-links-Lager hin. Die Kommunalwahlen könnten damit auch als Test dienen, ob sich diese politische Linie lokal verankern lässt – und mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 an Gewicht gewinnt.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026