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Die Ökobilanz hilft nun bei Finanzierung

Die nur schwer zu übersehende Fülle an ESG-Ratings, Indikatoren und Kriterienkataloge will die schädlichen Wirkungen von Unternehmen reduzieren. Impact Investing, das gezielte Investieren in positiven „Impact“, ist anspruchsvoller als das durch ESG anzustrebende „Do No Harm“. Diese Art des Investierens will Unternehmen dabei unterstützen, sich ökologisch und sozial als zukunftsfähig zu positionieren.

Belastbare Daten zum ökologischen Wirtschaften sind ausreichend vorhanden: Die systematische Analyse und Bewertung der Umweltwirkungen im gesamten Lebenszyklus von Produkten und Dienstleistungen gehört als Ökobilanz seit langem zur „nicht-finanziellen“ Berichterstattung. Eine Inwertsetzung dieser Daten erweitert das Feld: Wo ESG zur Pflicht wird, ist Impact Investing die Kür. Neue Geldgeber betreten das Feld, erste Venture Capital (VC) Unternehmen sind bereits aktiv.

Warum die Ökobilanz Unternehmen nützt, führt Lena Thiede aus, Mitgründerin des Hamburger VC Planet A: „Jeder ist ja mittlerweile nachhaltig, und mit der Ökobilanz schneidest du durch diesen grünen Nebel und bringst die Evidenz, dass deine Lösung tatsächlich an den großen Hebeln ansetzt.“ Für die meist jungen Unternehmen heißt das, die Ökobilanz bei Gesprächen mit Geldgebern als überzeugendes Argument für die Finanzierung einzusetzen. Die Lebenszyklusanalysen oder Ökobilanzen erlauben es, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu investieren.

Ökologie und Soziales zusammenführen

Die Ökobilanz ist dabei nur der Anfang dieser Monetarisierung von Wirkung: Derzeit arbeitet Planet A daran, das Rahmenwerk der planetaren Grenzen so mit Ökobilanzierungen zu verbinden, dass die Veränderungen innerhalb der einzelnen Grenzen im System abgebildet werden. Das gilt beispielsweise auch für die Biodiversität, die allerdings nicht so einfach zu messen ist wie der CO2-Ausstoß.

Allerdings profitieren die für eine Transformation erforderlichen sozialen Kriterien nicht von den zunehmend ausgefeilten Instrumenten im ökologischen Bereich. Das liegt laut Thiede vor allem daran, dass im sozialen Bereich der Kontext entscheidet – und der ist in der Regel lokal, nicht skalierbar und damit für Investments ungeeignet. Planet A behilft sich daher zu Fragen wie Menschenrechten, Inklusion und Antikorruption mit ESG-Fragebögen.

Veränderung schafft Allianzen

Dr. Andreas Rickert ist CEO der gemeinnützigen Beratung Phineo AG und hat noch einen anderen Blick auf das Problem fehlender Standards im sozialen Bereich. Für ihn zählt neben der Messbarkeit die Intention. Es geht ihm um das „Mindset“ – zu erkennen, was die Unternehmer und Investoren bewegen wollen, was der Gesellschaft Nutzen stiftet. Das sei zu sehen in Pressemitteilungen, in Gesprächen mit der Geschäftsführung, im Geschäftsmodell. Und selbst wenn die meisten sozialen Kriterien nicht gemessen werden können und nicht skalierbar sind: Erste Standards entstünden, ein Rahmenwerk liege zumindest für den Prozess des Impact Management vor.

Entscheidend ist für Rickert, dass wir nicht mehr in einer Welt leben, in der auf der einen Seite die ganzheitlich denkenden Menschen als „Treehugger“ gelten und auf der anderen Seite Investoren automatisch gierige Kapitalisten sind. Die Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, bringe Akteure zusammen, so Rickert. Dieser Prozess sei im Gang, es gebe erste Frameworks und hilfreiche Ansätze.

Und auch die EU arbeitet daran, eine gemeinsame Sprache für alle Stakeholder zu entwickeln. Die EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) erarbeitete für die Kommission den ersten und „mit allen Stakeholdern abgestimmten“ Entwurf zu European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Das Ziel: übergreifende ESG-Standards zu formulieren und damit die Transparenz zwischen den immer noch oft als Silos wahrgenommenen umweltbezogenen, sozialen und unternehmensbezogenen Inhalten der ESG zu erhöhen.

Auch wenn es einfacher ist, den ökologischen Impact eines Unternehmens als Silo auszuweisen, sind die sozialen und ökologischen Aspekte unternehmerischer Tätigkeit zusammenzudenken. Das ist leichter, als gemeinhin angenommen – denn wer einen Prozess belegbar ökologisch gestaltet, der leistet damit in der Regel auch einen sozialen Beitrag. Nächste Woche stellen wir die kontext-basierten Sustainable Development Performance Indicators (SDPI) vor – einen weiteren Schritt, diesen Zusammenhang nachvollziehbar zu machen

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