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Wang Huning: Diener dreier Herren

Von Johnny Erling
Johnny Erling zu Wang Huning

Es ist immer das gleiche protokollarische Ritual, und wird jährlich am 5. März zelebriert. Am heutigen Freitag eröffnet Chinas Ministerpräsident Li Keqiang die Mammutversammlung des Nationalen Volkskongresses mit seinem Rechenschaftsbericht und den Eckdaten für den neuen Fünf- und diesmal zusätzlich für einen 15-Jahres-Plan. Tausende Delegierte warten schon in der Großen Halle des Volkes, wenn kurz vor neun Uhr die sieben mächtigsten Männer Chinas aufmarschieren. Staatschef Xi Jinping führt seinen Ständigen Ausschuss des Politbüros im Abstand von knapp zwei Metern an. Er lässt sich „der Kern“ (核心) nennen, weil sich alles um ihn zu drehen hat. Premier Li, Nummer 2 sitzt links neben ihm in der ersten Reihe des Präsidiums. Die Übrigen der Sieben nehmen abwechselnd links und rechts neben dem Kern Platz. 

Chefberater und Redenschreiber seit 1995

Nur Xi und Li sind dem Ausland ein Begriff. Dabei lohnt es sich Nummer 5 näher anzusehen. Der 65-jährige Wang Huning ist unter den Technokraten und Apparatschicks der inneren Führung eine Ausnahmeerscheinung. Er ist der einzige Intellektuelle ohne Regierungserfahrung. Seit 2012 dient er Xi als Chefberater und Redenschreiber. Wang war das schon von 1995 an, zuerst für Parteichef Jiang Zemin und danach für Hu Jintao (2002 bis 2012). Er stieg in den Diensten dreier Herrscher auf, bereitete ihnen ihre Theorien auf, die sie als ihre ultimative Weiterentwicklung des Marxismus ausgaben. Jiang verkündete die Leitlinien zur Modernisierung der Partei als die „Dreifache Vertretung“, Hu seine „Wissenschaftlichen Entwicklung“ für eine harmonische Gesellschaft. Xi glänzt mit „Chinas Traum zur Wiederbelebung der Nation“.

Ein ergrauter Parteifunktionär verriet mir einst in Peking: „In all diesen Lehren versteckt sich Wangs Handschrift.“ Das funktionierte, weil alle das Ziel verfolgten, unter Absicherung der Einparteienherrschaft China zur dominierenden sozialistischen Weltmacht aufsteigen zu lassen. Das sei auch Wangs Traum gewesen, seit er 1985 mit 30 Jahren jüngster Professor für politische Wissenschaften an Shanghais Fudan-Universität wurde.

Es ist nicht der einzige Grund, warum Wang hinter dem Bambusvorhang der Macht unter drei Parteichefs politisch überlebte und die Karriereleiter erklomm, vom ZK-Sekretär, zum Mitglied im Politbüro und im Ständigen Ausschuss. Wichtiger war, dass der jungenhaft wirkende, schlanke Akademikertyp die Kunst beherrscht, sich selbst zu verleugnen. Obwohl er bei vielen Dutzend internationaler Treffen immer neben seinem jeweiligen Präsidenten saß, fiel er viele Jahre nicht auf. Das Interesse an ihm erwachte erst, als die New York Times Wang als „Spin-Doktor“ hinter den Kulissen beschrieb, oder das Wall Street Journal in ihm den „klassischen Typ eines konfuzianischen Beamtengelehrten“ entdeckte, „der sein Leben dem Kaiser widmete.“

Seine Bücher sorgen für Furore

China-Experten in den USA beklagen, wie wenig sie heute über Chinas Führung wissen. Seit Wikileaks enthüllte, was hochrangige Chinesen einst US-Diplomaten erzählten, dringt aus Chinas Topelite gar nichts mehr durch.

Auch Wang ist loyal, weicht in offiziellen Reden kein Jota vom stereotypen Parteichinesisch ab. Er gibt keine Interviews. Dabei konnte er reden wie kein anderer. Als Dekan für Internationale Politik an der Fudan coachte er seine Studenten in britischer Redekunst, gewann mit ihnen in Singapur 1988 und 1993 zweimal den ersten Preis beim Debattier-Wettbewerb asiatischer Hochschulen. Vor 1995 schrieb er mehr als ein Dutzend Bücher, die Furore machten. Chinas Führer holten ihn 1995 nach Peking an die ZK-Stabsstelle für politische Forschung. Von 2002 bis 2020 leitete er als Direktor das wichtigste Beratungsgremium für die höchste Parteielite.

Wang Hunings politisches Tagebuch ist nun Pflichtlektüre.
Wang Huning 1995 veröffentlichtes politisches Tagebuch „Ein politisches Leben“, in dem er viele Entwicklungen vorwegnahm, die zur Ideologie Xi Jinpings gehören. Heute wird es bei Antiquaren für 800 bis 1000 Yuan angeboten – mehr als das 100-fache des ursprünglichen Preises.

Der enorm belesene Wang, der einst fünf Jahre Französisch studierte, veröffentlichte im Januar 1995 das Buch „Ein politisches Leben“ mit hunderten seiner Tagebucheinträge vom Januar bis Dezember 1994. Er empfahl wegen der aktuellen Bedeutung für China, Alexis de Tocquevilles Analyse der Französischen Revolution „Das alte Regime und die Revolution“ zu lesen. 18 Jahre später verordnet das Politbüro allen Parteimitgliedern das Buch als Pflichtlektüre, um die Frage zu beantworten: „Warum kommt es gerade in Reformzeiten, wenn ein Regime daran geht, Fehlentwicklungen zu korrigieren, zu den gefährlichsten Gemengelagen für sein Überleben?“ Wang befasste sich auch als Erster mit dem US-Politologen Joseph Nye und dessen Theorie der „Soft Power“, dachte über den „Traum“ nach, China stark werden zu lassen. Er widmete sich auch der Aussage von Deng Xiaoping, dass Staatliche Souveränität (guoquan) über dem Schutz der Menschenrechte (renquan) stehen muss, eine Frage, die Xi Jinping zur absoluten Maxime seiner Politik gemacht hat.

Chinas Hassliebe zu den USA

Wangs vergriffene Bücher sind Kult. Sein 1991 erschienenes „USA kämpft gegen USA“ (美国反对美国) wurde nach dem Sturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol von Chinas Online-Antiquariat Kungfz.com für 16.666 Yuan angeboten, das 3000-fache des einstigen Verkaufspreis. Wang hatte es nach einem halbjährigen USA-Aufenthalt 1988 als Visiting Scholar an den Universitäten Iowa und Berkeley geschrieben. „Ich besuchte mehr als 30 Städte und 20 Universitäten“, so Wang. Er fand eine Nation vor, die in sich zerrissen und voller Gegensätze sei, zugleich aber Großartiges zustande bringe. Er wolle das Phänomen erklären, warum China mit vieltausendjähriger Geschichte zurückblieb, während die USA nach nur 200 Jahren zur Weltmacht wurden. Er habe die USA weder dämonisiert noch idealisiert, sondern ihre Widersprüche beschrieben. Mit ebensolcher Hassliebe sieht Chinas Führung heute auf die USA.

Viele kritisch gestellte Fragen machen Wang nach 1986 zu einem Verfechter der Schule des Neuen Autoritarismus (新权威主义)Sozialistische Staaten stünden im Spagat zwischen ihrer einstigen Zentralisierung der Macht und der Forderung nach politischen Reformen und Demokratie. Damit sie nicht in Instabilität abstürzten, bräuchten sie für den Übergang ein autoritäres Ordnungs- und Herrschaftssystem. Wang schwebt eine „aufgeklärte Autokratie“ vor, die eine „hoch effektive Verteilung der sozialen Ressourcen“ und ein „schnelles Wirtschaftswachstun“ ermöglicht. Das sieht sein Chef Xi wohl ähnlich, nicht jedoch das von Wang einst mit angepeilte Ziel, zu mehr Demokratie zu kommen. Vom Neuen Autoritarismus zur sich einmauernden Polizeistaat-Diktatur war es nur ein kleiner Schritt. Was sich Wang wohl heute dabei denkt?

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