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Neujahrs-Hase aus der Hölle

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinesen feiern nach dem Zwölfer-Zyklus der Tierkreiszeichen 2023 als neues Jahr des Hasen. Es beginnt nach dem traditionellen Mondkalender um Mitternacht auf Sonntag. Zu Ehren des Hasen durfte Chinas weltberühmter Künstler Huang Yongyu für die Staatliche Post zwei Motivmarken entwerfen. Empörte Blogger entfachten einen virtuellen Sturm. Sie unterstellten Huang bösartige Absichten. 

Chinas beide karikaturhaften Briefmarken zum Neuen Jahr des Hasen 2023. Beide Entwürfe dazu stammen vom Altmeister unter Chinas Künstlern, Huang Yongyu. Sein blauer Hase mit roten Augen löste einen virtuellen Wutsturm gegen die „Höllenkreatur“ aus. Doch viele Chinesen standen vor den Postämtern Schlange, um sich die Marken zu kaufen.

Denn der dieses Großmeister chinesischer Malerei, vielseitiger Kunst und Satiriker er wird in diesem Jahr 99 Jahre alt lieferte zwei Karikaturen ab. Sein erstes Hoppelwesen schien der Unterwelt entkommen: ein Kinderschreck mit blauem Fell und glühend roten Augen. Ein Hase mit Menschenhänden, der Stift und Notizblock bereithält, um mit China abzurechnen. So zumindest befand ein Blogger, der unter dem blumigen Pseudonym „Orchideengarten aus Zhejiang“ (严州兰苑) eine Wutmail postete: „Giftig! …sieht aus wie eine Ratte, die im Labor ein neues Corona-Virus herstellt. In einer Hand hält sie den Füller des höllischen Buchhalters Panguan und in der anderen die Listen über Leben und Tod. Schockierend ist die Zahl 120!“ („毒!…一只在实验室做新冠病毒试验的老鼠~一只手拿着判官笔一只手拿着生死簿还有令人心惊胆战的120!)

Seit dem 5. Januar verkaufen Postämter die Marken. Seither schmäht die Online-Gemeinde Huangs „hässlichen“ Hasen. Für sie ist er eine dämonenhafte Kreatur, ein „Omikron-Hase“ (奥密克戒兔),der mitten in Chinas entfesselter Pandemie Haken schlägt. Verschwörungstheorien deuten auf den Nennwert der Briefmarke, 1,20 Yuan. 120 sei aber Chinas Telefonnotruf für ärztliche Hilfe. Dazu passt, dass Huangs zweites Hasenbild scheinbar auch voller Anspielungen steckt. Im Vordergrund zeige es zwar drei putzige Hasen beim Ringelreihen. Doch im Hintergrund verstecke sich der Mondhase Yutu, der nach der Sage (玉兔捣药) Arzneien stampft.

Die zweite Marke zeigt drei Karnickel beim Ringelreihen. Im Hintergrund versteckt Huang ein Bild vom Mondhasen Yutu, der Arzneien stampft, eine Anspielung auf die Corona-Pandemie.

Mit Logik kommt man dagegen nicht an. 1,20 Yuan kostet das Porto für einen Inlandsbrief. Auch ist Chinas Trauerfarbe nicht blau, sondern weiß. Zeichner Huang reagierte schmunzelnd in einem Video-Clip: Hasen malen sei keine große Kunst. Das könne jeder. „Ich habe sie gemalt, um alle happy zu stimmen.“ (画个兔子邮票是开心的事 …让大家高兴). Die einzige Anspielung stecke in den Worten für „Blauer Hase“. Sie sind gleich ausgesprochen, aber mit anderen Schriftzeichen geschrieben Homophone für den Neujahrswunsch nach „großartigen Plänen“ (蓝色兔子谐音“宏伟蓝图“). 

Der grotesk-komische Online-Streit, den eine Minderheit angezettelt hat, heizte den realen Run der Mehrheit auf die Marken erst richtig an. Markenfans standen bis zu drei Tagen vor Ausgabetermin an – und mobilisierten ihre Familien, um sich beim Schlangestehen abzuwechseln. Sie witterten die sprichwörtliche Aktie des kleinen Mannes. 

Die Postämter verkauften ihre Bestände oft innerhalb der ersten Stunde. 200.000 Bestellungen notierte das Online-Kaufhaus Taobao. Auch die Vorräte dort waren rasch vergriffen, obwohl sich die Post vorbereitet hatte: Sie druckte die Marken in Rekordauflagen von jeweils 39,5 Millionen Exemplaren.

Zum Auslöser der explodierenden Nachfrage wurde eine Mischung aus volkstümlichem Aberglauben, gepaart mit der Gier nach Schnäppchen und der Bekanntheit des Huang Yongyu. Die Hasen 2023 sind das dritte Tierkreiszeichen, das er für Chinas Post entwarf, seit sie 1980 erstmals Sondermarken zum Jahr des Affen herausgab. 

1980 legte Chinas Post ihre erste Neujahrsmarke zum damaligen Jahr des Affen auf, heute Chinas modernes Pendant zur blauen Mauritius. Huang Yongyu entwarf das Motiv.

Jedes chinesische Kind wächst seither mit der Mär der roten Affenmarke auf, die Huang 1980 für Chinas Post zeichnete. Sie wurde quasi ein chinesisches Pendant zur blauen Mauritius. Mit einem Nennwert von acht Fen – das damalige Porto für einen Inlandsbrief – stieg sie zum teuersten Postwertzeichen der Volksrepublik auf. Ihr heutiger Marktpreis liegt bei weit über 1.000 Euro, obwohl sie 1980 bereits in einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren erschien. 

Vom absurden Hype profitierte auch ein deutscher Chefingenieur, der am frühen Wuhaner Großprojekt eines aus Duisburg importierten Kaltwalzwerks mitarbeitete. In der Yangtse-Stadt vertrieb er sich die Freizeit, indem er mit seinem Sohn bis 1984 China-Briefmarken bogenweise kaufte. Im November 2022 ließ der Sohn die über Jahrzehnte weggeschlossene Sammlung vom Auktionshaus Felzmann versteigern, darunter ein Bogen mit 40 Affenmarken. Der Vater hatte sie 1980 für 3,20 Yuan gekauft. Der Ausruf startete mit 25.000 Euro. Der Zuschlag fiel bei 39.000 Euro.  

Besuch bei Huang Yongyu zum Jahr des Hasen 2011. Der bald 99-Jährige besitzt 1000 Pfeifen.

Seine zweite Neujahrsmarke malte Huang 2016. Es war wieder ein Jahr des Affen. Er zeichnete ihn mit einem Pfirsich, dem Symbol für langes Leben, und spielte auf die Sage vom Affenkönig-Rebellen Sun Wukong an. Der erdreistete sich, einen Pfirsich aus dem Himmlischen Garten zu stehlen. Als weiteres Motiv entwarf Huang einen Affen mit zwei Jungen. Es war sein Plädoyer gegen Chinas Ein-Kind-Politik. „Alle sind hinter diesen Marken her als seien sie selber Affen“, schrieb damals missbilligend Xinhua.

Spottbild des Karikaturisten Huang Yongyu zum Jahr des Hasen 2011.

Als ich Huang vor zwölf Jahren – zum Hasenjahr 2011 – in seinem Pekinger Atelier besuchte, zeigte er mir ein Bild, das er für sich selbst gemalt hatte. Inspiriert vom Sprichwort, wonach ein schlauer Hase zum Überleben drei Schlupflöcher braucht, hatte er drei Hasen gezeichnet, die vergnügt in nur einem Loch hocken. „Wir brauchen hierzulande nicht mehr so viele Plätze, um uns zu verstecken“, sagte Huang verschmitzt. Als ich wissen wollte, ob er Chinas Gesellschaft auf einem guten Weg zur Normalität sehe, stellte er mir als rhetorische Gegenfrage: „Wäre es so, bräuchten wir uns dann noch ein Mao-Portrait am Tiananmen-Tor aufzuhängen?“

So viel Skepsis hielt ihn nicht ab, staatstragende Werke wie eine 24 Meter lange und sieben Meter hohe Bildstickerei mit Flüssen und Bergen zu entwerfen. Sein Wandbild schmückt im riesigen Mao-Mausoleum auf dem Tiananmen-Platz den Empfangsraum hinter Maos Marmorbüste. 

Doch er lässt sich weder für Parteipropaganda noch von Kritikern des Systems vereinnahmen. Jüngst tauchte online ein angebliches Protestfoto von ihm auf, gegen Pekings Umgang mit der Pandemie. Es zeigt ihn mit seiner Zeichnung einer Hand, die Peking den bekannten ausgestreckten Mittelfinger zeigt. Daneben steht der Ausruf: „Das Volk ist aufgebracht!“ (中国人活得有气). 

Fälschung: Scheinbares Protestbild, das Huang mit einer von ihm gemalten Hand zeigt, die Peking den bekannten Mittelfinger entgegenstreckt. Daneben steht der Ausruf: „Das Volk ist aufgebracht!“ (中国人活得有气). Das Foto wurde manipuliert.
Original: Auf dem nach dem Covid 19-Ausbruch in Wuhan gemalten Originalbild streckt Huangs Hand in einer Solidaritätsgeste zwei Finger zum Victoryzeichen aus. Der Ausruf heißt: „Das Volk ist voller Elan!“ (中国人活得有气势) Für die Manipulation wurde aus zwei Fingern einer gemacht und ein Schriftzeichen wurde entfernt.

Das Foto war eine Fälschung. Für die Manipulation wurden ein Finger und ein Schriftzeichen übermalt. Auf dem nach dem Covid 19-Ausbruch in Wuhan gemalten Originalplakat zeigen zwei Finger das Victoryzeichen V. Der Ausruf heißt: „Das Volk ist voller Elan!“ (中国人活得有气势). 

Dabei hätte Huang hinreichend Grund, verbittert zu sein. Er überlebte brutale Verfolgungen – in der Anfangsphase der traumatischen Kulturrevolution durch aufgehetzte Rotgardisten und sieben Jahre später durch intrigante Gefährten von Mao, darunter dessen Frau Jiang Qing. 

Der Reihe nach: 1966 lehrte Huang an Pekings Hochschule für Schöne Künste als ihr jüngster Professor. Kulturrevolutionäre brandmarkten den Dekan Ye Qianyu, Maler Lu Gongliu und Huang als Konterrevolutionäre und Verräter an Mao. Am 23. August 1966 wurden alle drei Künstler nach öffentlichem Tribunal blutig ausgepeitscht. Huang überlebte 242 Hiebe mit dem Ledergürtel. 

Jahre der Landarbeit in einer Kaderschule in der Provinz Hebei folgten. 1973 wurden Huang und weitere Maler plötzlich aus der Verbannung nach Peking zurückgeholt – vom damaligen Premier Zhou Enlai. Heute weiß man, dass es auf Geheiß Maos geschah. Peking sollte nach dem Nixon-Besuch 1972 nun erwarteten weiteren Staatsgästen des Westens ein freundlicheres Bild bieten. Huang und andere Maler sollten dafür ein Wandbild vom Jangtse-Strom als Blickfang im Foyer des neugebauten Peking-Hotels malen.  

Besuch bei Huang Yongyu im Hasenjahr 2011. Er sitzt in seinem Atelier auf seinem Arbeitstisch aus Massivholz.

Huang, der wieder Bekannte besuchen durfte, zeichnete für einen Freund als privates Geschenk eines seiner Lieblingsmotive – das Tuschebild einer Eule mit einem geschlossenen und einem offenen Auge. Das war der Beginn des berüchtigten Eulenbild-Vorfalls, deren Opfer an erster Stelle Huang wurde. Er erfuhr nicht, dass der Freund die ihm geschenkte Zeichnung weitergab und sie in einen Shanghaier Katalog moderner Malerei einging. Zhou Enlai wollte international wieder für Chinas Kunst werben lassen.

Doch gerade dieser Katalog wurde Steilvorlage für eine mächtige Gruppe ultralinker Gefolgsleute um Maos Frau Jiang Qing, darunter auch der damalige Kulturminister Yu Huiyong. Er machte sich zum Wortführer für eine erneute Verfolgung der „schwarzen bourgeoisen Malerei“, Chinas Wort für entartete Kunst, mit der angebliche Feinde das Ende von Maos Kulturrevolution betreiben wollten. Am 15. Februar 1974 zeigte die Pekinger Kunstgalerie eine Kritik-Ausstellung „Schwarzer Malerei“ mit 215 Bilder der achtzehn besten Maler Chinas. Huangs Eule ist darunter das mit Abstand „schwärzeste Bild“. Die Eule halte ein Auge offen und eines geschlossen. Der Künstler drücke so seine Gleichgültigkeit und Verachtung für Mao und den Sozialismus aus. 

Huang Yongyus weltberühmte Eule, die ihn fast das Leben kostete. Die Eule hält ein Auge offen und eines geschlossen. In der Spätphase der Kulturrevolution 1974 wollten ultralinke Gefolgsleute Maos um den damaligen Kulturminister und Maos Frau Jiang Qing erneut Maler und Künstler verfolgen lassen. Huangs Eule wurde als Hauptwerk der „konterrevolutionären schwarzen Kunst“ (entartete Kunst) denunziert. Sie verschließe ein Auge vor dem Sozialismus. Doch Mao würgte eine Neuauflage der linksradikalen Kampagne ab. „Eulen sehen so aus“, sagte er.

Pekings Kulturkritiker Li Hui hat in einer umfassenden Biografie über Huang Yongyu (李辉: 黄永玉传奇) das damalige Ränkespiel nachrecherchiert, das in Wirklichkeit den verhassten Premier Zhou Enlai zu Fall bringen sollte. Huang hat sich das Original des Vorschlags für eine Kampagne gegen die Schwarze Kunst mit der handschriftlichen Zustimmung aller Beteiligten, auch Maos Frau, beschafft, rahmen lassen und in sein Schlafzimmer gehängt, schreibt Li Hui. Für Huang ist es Realsatire, für andere ein Stück Zeitgeschichte aus dem chinesischen Tollhaus in der Spätphase der Kulturrevolution. 

Ausgerechnet der wankelmütige Diktator Mao sorgte dafür, dass die Verfolgung der Künstler abrupt endete. Als ihm die Fotos der Kritikausstellung „Schwarze Kunst“ gezeigt wurden, um seine „höchste Weisung“ zum Start eines landesweiten Kulturkampfs zu erhalten, kann der alterssieche Mao nichts Anrüchiges erkennen. Er lobt sogar Huangs Eule. Ein geschlossenes und ein offenes Auge sei bei Eulen üblich. Einst habe ihm ein deutscher Maler so ein Bild geschenkt. Die Kampagne endete unverrichteter Dinge. 

Huang Yongyu hat sich nach Auskunft seines Biografen Li Hui diese interne Anklageschrift (ein seltenes Zeitdokument) der Kulturrevolution eingerahmt und in seinem Schlafzimmer aufgehängt.

Das aktuell beste Portrait über Huang Yongyu und eine Hommage auf ihn als Satiriker veröffentlichten Reporter 2022 in der Zeitschrift Renwu (人物), Persönlichkeiten. Sie nannten ihren Essay: „Solange Menschen lachen können, ist noch nichts verloren“ (人只要笑,就没有输).

Huang kann lachen. Auf das Jahr des Hasen folgt 2024 das Jahr des Drachen. Dann wird er 100 Jahre alt. Auf seine Neujahrszeichnung darf man gespannt sein. Den Reportern von Renwu verriet er, dass er eine Jahrhundert-Ausstellung vorbereitet. Falls sie ihn dann regungslos sehen, „zwickt mich und guckt nach. Wenn ich lache, lebe ich noch“ (到时候胳肢我一下,看看我笑不笑. 笑了,我就还活着).

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