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Der rote Umschlag und das Problem mit dem Geld

Von Felix Lee
Roter Umschlag: Unser Autor schreibt vom Problem mit dem Geld an chinesisch Neujahr.

Was den Deutschen an Weihnachten das dekorativ verpackte Geschenk, ist dem Chinesen zu seinem Neujahrsfest der rote Umschlag (hongbao 红包). Schon Wochen vor dem wichtigsten Fest des chinesischen Kulturkreises werden sie in allen möglichen Variationen auf der Straße, in den Kaufhäusern und Supermärkten angeboten: oft aus Glanzpapier gefaltete Umschläge, verziert mit (möglichst goldenen) Schriftzeichen, die ein langes Leben, viele Nachkommen, Glück, Reichtum und dergleichen versprechen. Und in diesen roten Umschlägen steckt Geld.

Die Umschläge haben zwar auch Vorteile. Anders als beim christlichen Weihnachtsfest entfällt die bange Frage, ob der Inhalt dem Beschenkten wirklich gefällt. Ein Geldgeschenk passt schließlich immer. Ins Fettnäpfchen kann man aber trotzdem treten. 

Vor einigen Jahren habe ich rund um das chinesische Neujahrsfest meine ganz eigenen Erfahrungen mit dieser Geschenkkultur machen müssen. Seit meinem vorigen Besuch bei der chinesischen Verwandtschaft war ich altersbedingt vom Empfänger dieser roten Umschläge zum Geber aufgerückt. Denn es gilt: Wer Kind, Student, Rentner, Berufsanfänger oder arbeitslos ist, darf diese Umschläge entgegennehmen. Wer ordentlich Geld verdient, gibt. 

Entsprechend bereitete ich mich vor. Vorbildlich hatte ich mich beim nächsten Supermarkt mit roten Umschlägen im Zehner-Pack eingedeckt, sie brav mit besonders sauberen und faltenlosen 100-Yuan-Scheinen gefüllt, die ich das ganze Jahr über eifrig gesammelt hatte. Davon waren etwa 200 Yuan für meine siebenjährige Cousine vorgesehen, 200 für die neunjährigen Zwillinge meiner jüngsten Tante. Doch dann wurde es schon kompliziert: Wie sieht es mit meinem nur zwei Jahre jüngeren Cousin aus, dem Sohn meiner zweitältesten Tante? Er stand mit einem – wenn auch schlecht laufendem – Architektenbüro schon auf eigenen Beinen. Bereite ihm auch ein Umschlag vor, riet mir meine Mutter. „Falls er dir auch einen vorbereitet hat.“

Und wie sieht es mit den Großeltern aus? „Unbedingt“, antwortete meine Mutter. Das sei sogar Pflicht. Die „kindliche Ehrerbietung“ (xiaoshun 孝顺) gebiete es, dass Kinder ihren Eltern und Großeltern zum Neujahrsfest Geld geben. Ihr selbst, der Mutter, müsse ich keinen roten Umschlag geben: Sie wisse ja, dass ich mit dieser Tradition nicht aufgewachsen sei. Der Oma aber schon – und nicht zu knapp. „意思,意思 (yisi, yisi)“ – nur der Symbolik wegen. Sie werde ihn ohnehin nicht annehmen.

Ich sah mich also bestens vorbereitet für die Silvesterfeier mit meiner Großfamilie. Als noch mein fast gleichaltriger Cousin begann, seine vorbereiteten Umschläge zu verteilen, wollte ich es ihm nachmachen. Doch das war gar nicht so einfach. Während ich noch nach meinen Umschlägen kramte, kam es zwischen meinem Cousin und der Tante mit den Zwillingen zu ersten Handgreiflichkeiten. „Das sei viel zu viel“, rief meine Tante, das hätten die Kinder gar nicht verdient. Sie riss ihren beiden Söhnen die Umschläge aus der Hand und versuchte sie, dem Cousin wieder in die Hand zu drücken. Der wehrte ab und nannte alle möglichen Gründe, warum die Geldgeschenke doch gerechtfertigt seien. Sie seien doch so fleißig gewesen im vergangenen Jahr, so lieb und hilfsbereit zu den Großeltern.

Ich wollte es meinem Cousin nachmachen und trotz der gespielten Ablehnung auf meinem Geschenk bestehen, aber ich beherrschte diese Höflichkeitsfloskeln nicht so gut. Und mein Gefuchtel wirkte etwas unbeholfen. Ich bin sicher, jeder merkte, dass ich das zum ersten Mal machte.

Schließlich gab meine Tante aber nach, forderte ihre beiden teilnahmslos blickenden Söhne auf, sich bei meinem Cousin und mir zu bedanken. Die roten Umschläge steckte sie sich aber in ihre eigene Tasche. Als ich etwas überrascht nachfragte, warum die Zwillinge sie nicht bekamen, antwortete sie: „Na hör mal“, schließlich müsse sie ja das Geld für die vielen roten Umschläge aufbringen, die sie anderen geben müsse. Deswegen stecke sie die Geldgeschenke ein. Das sei doch nur logisch. 

Eine ähnliche Abwehrhaltung wie bei der Tante mit den Zwillingen erwartete ich auch von meiner Großmutter. Doch sie sagte kurz „danke“ und kassierte kurzerhand ihren Umschlag. Das war der Moment, wo ich mich fragte, ob die ganze Tradition nicht einen Geldkreislauf zwischen Erwachsenen in Gang gesetzt hatte, von dem die Kinder nur wenig haben.

Auch, wer sonst eigentlich Geld nötig hat, kommt tendenziell zu kurz. Als ich meinem fast gleichaltrigen Cousin einen Umschlag überreichen wollte, wirkte er etwas pikiert. Ich wusste nicht, ob aus Höflichkeit, oder ob er es ernst meinte, als er sagte: Das sei für ihn jetzt ein „Gesichtsverlust“. Warum das jetzt?, fragte ich. Seine Antwort: Weil er nichts für mich vorbereitet hatte.

Am Ende des Abends war für mich wieder klar, dass die mehr oder minder sorgfältig ausgesuchten Geschenke im christlichen Kulturkreis ihre Vorteile gegenüber den scheinbar so pflegeleichten Geldumschlägen haben. Denn Geld ist eben doch immer Geld. Auch, wenn es in Glanzpapier verpackt wird.

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