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Chinas lustlose Tiger

von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Es gibt eine chinesische Redewendung: Fasse einen Tiger nicht am Hintern an (老虎屁股摸不得). Der Altmeister chinesischer Satire Hua Junwu zeichnete einen Tiger mit Schild am Po: „Tabuzone“ und der Bildzeile: „Der Alleinentscheider“. Er wollte Funktionäre verspotten, die man nicht kritisieren darf. Das war 1979. Hua durfte nach dem Ende von Maos Kulturrevolution, in der er übelst verfolgt wurde, nach zehn Jahren Berufsverbot wieder zeichnen. Doch seine harmlose Karikatur bescherte ihm erneuten Ärger. Ideologen warfen ihm einen hinterhältigen Angriff auf Mao vor. Hua zeigte mir, wie in deren Augen die von ihm gezeichnete Kralle des Tigers angeblich, wie das Schriftzeichen Mao im Namen des Staatengründers aussah. Er musste seine Kralle neu und verändert zeichnen.

Karikatur von Hua Junwu: Tiger mit Funktionärskappe und dem Schild am Po:
Karikatur von Hua Junwu: Tiger mit Funktionärskappe und dem Schild am Po: „Tabuzone.“ Hua veralbert die Redewendung: „Berühre nie den Hintern eines Tigers“ = „Übe keine Kritik an Funktionären!“

Satire hatte es in der humorlosen Volksrepublik immer schwer. Heute flüchten sich ihre Zeichner in immer kompliziertere Andeutungen, frei nach dem Motto des Aphoristikers Karl Kraus: „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.“

Die linke Version der Kralle sieht aus wie das Schriftzeichen 毛. Eine Anspielung auf Mao?
Die linke Version der Kralle sieht aus wie das Schriftzeichen 毛. Eine Anspielung auf Mao?

Dieser Tage fiel mir das „Bild der 100 Tiger“ (百虎图) des Kantoner Karikaturisten Kuang Biao auf. Er zeichnete für das am 1. Februar 2022 beginnende neue Jahr des Tigers 128 wohlgenährte Raubtiere auf freiem Feld. Ihre Zahl ähnelt – chinesisch ausgesprochen – dem Glücksspruch: „Ich will reich werden“. Im Bild versteckt sich indess noch eine zweite Botschaft: Seine Tiger wirken sehr träge. Manche sehen wie dösende Robben aus, haben ihre Augen zu, wollen partout nicht auffallen, ducken sich einfach weg.

Der Kantoner Karikaturist Kuang Biao zeichnete für Neujahr 2022 (Chinas Jahr des Tigers) 128 wohlgenährte Raubkatzen. Ihre Zahl wünscht als Glücksspruch:
Der Kantoner Karikaturist Kuang Biao zeichnete für Neujahr 2022 (Chinas Jahr des Tigers) 128 wohlgenährte Raubkatzen. Ihre Zahl wünscht als Glücksspruch: „Ich will reich werden.“. Auf dem zweiten Blick aber geben sie sich lustlos träge, wirken mehr wie dösende Robben als Tiger, wollen nicht auffallen, ducken sich weg. Es ist eine Anspielung auf das neue Kultwort „Flachliegen“.

Die Karikatur spielt nun eindeutig auf ein derzeit geflügeltes Wort in China an, das in der Internet- und Jugendsprache erst seit wenigen Monaten en vogue ist. Es heißt „tangping“( 躺平) und bedeutet „flachliegen“. Der Sprachrubrik von China.Table zufolge „trended es derzeit als Schlagwort in allen sozialen Medien, als eine Art stilles Auflehnen der jungen Generation.“

Man könnte es auch mit „Nichtstun“ übersetzen. Die Pekinger Korrespondentin der New York Times, Elsie Chen, portraitierte Luo Huazhong (骆华中), der es mit seinem Post im Internetportal Baidu im April zum neuen Kultwort machte. Der heute 31-jährige Luo hatte 2016 hatte als Fabrikarbeiter die Nase voll, warf seinen Job hin. „Ich fühlte mich wie eine Maschine“, sagte er der Reporterin. Zuerst ging er auf Fahrradtour und strampelte sich 2.100 Kilometer bis nach Tibet durch. Zurück in seiner Heimatstadt Jiande in Zhejiang wollte er nach keinem neuen Job mehr suchen, übte Konsumverzicht, wollte nur „chillen“ und lebte von seinen mageren Ersparnissen. Luo versteht sich als genügsamer „Flachlieger“ und fühlt sich wie Diogenes in der Tonne. Sein Leitspruch „Flachliegen ist gerecht“ (躺平即是正義) schrieb er als Motto unter sein Foto, auf dem er in einem Raum mit zugezogenen Vorhängen auf dem Bett liegt. In Chinas Leitmedien von Sina Weibo bis Douban wurde er über Nacht zum IT-Star.

Alle total entspannt: Detail des Tiger-Bildes von Kuang Biao.

Das Aussteiger-Feeling traf den Nerv einer Generation, die den Schul-, Prüfungs- und ständigen Leistungsstress nicht mehr abkann. 2019 hatte ihr kollektiver Aufschrei im Internet gegen das „System 996“ den Boden bereitet. 996 steht dafür, sechs Tage in der Woche von neun Uhr früh bis neun Uhr nachts arbeiten zu müssen, besonders in den Hightech- und IT-Zukunftsindustrien Chinas. Junge Chinesen spotteten online bitter über sich selbst, sie seien wie „Schnittlauch“, der ständig abgeschnitten wird, weil er immer nachwachsen kann. Ihr neues Idol Luo hält dagegen: Schnittlauch, der flachliegt, kann nur schwerlich geschnitten werden (躺平的韭菜不好割).

Seine Tangping-Philsophie wurde Synonym für die Suche nach einem neuen Lebensstil. Sieben Jahrzehnte, nachdem die Hippie-Generation ihre Eltern in den USA mit ihrer Verweigerungshaltung geschockt hat, packt China nun eine ähnliche Bewegung. Davor kam bereits der Begriff Neijuan (内卷) auf, (Deutsch: Involution). Er steht für die Gefühle vieler junger Chinesen, die sich in einem „Rattenrennen“ gefangen sehen, oder sinnlos auf der Rolle wie „im Hamsterkäfig“ nach vorne rennen. Die jungen Leute reagieren, so analysieren Soziologen, auf den sich „ständig verschärfenden Wettbewerb, aus dem es keinen Ausweg gibt“ mit Stress, Burnout und Verzweiflung.

Chinas Partei reagierte ihrerseits sofort auf die ersten Anzeichen des passiven Sozialprotests. Die Zensur ließ Luos Spruch „Flachliegen ist Gerecht!“ online verschwinden, löschte Gruppenchats, untersagte den boomenden Onlinehandel mit T-Shirts, Teetassen oder Handy-Schutzhüllen mit dem Spruch. Einen Monat nach Luos ersten Posts attackierten Parteimedien das „Flachliegen“ als „schamlos.“

Die Jugend will chillen, Xi predigt harte Arbeit

Selbst bis zu KP-Führer Xi Jinping drang das gefürchtete Jugendwort vor, der sein Ohr ganz nah am Puls der Zeit hält, wenn er sich anbahnende Krisen oder subversive Trends vermutet. In einer Rede am 17. August, verlangte er, um sein Programm für gemeinsamen Wohlstand im Sozialismus zu promoten, „alle zu ermutigen, dafür hart zu arbeiten und innovativ zu sein … und ein Umfeld zu schaffen, zu dem wir alle beitragen müssen. Involution und Flachliegen müssen wir vermeiden.“ (共同富裕要靠勤劳智慧来创造….形成人人参与的发展环境,避免“内卷“、“躺平“.)

Ungeachtet solcher Interventionen hielt die Online-Begeisterung für das Flachliegen weiter an. Im November widmete die China Daily den Kontroversen um das Schlagwort eine ganze Zeitungsseite. Die Philosophie des Nichtstuns weise „eine Lebens- und Arbeitskultur zurück, die auf ständigen Wettbewerb aufgebaut ist.“ Schließlich bestätigte jetzt Chinas nationales Sprachmonitoring- und Forschungszentrum (国家语言资源监测与研究中心), dass „tangping“ zu den zehn 2021 am häufigsten verwendeten Online Begriffen (十大网络用语) gehört.

Chinas Parteimedien versuchen nun, der Auswahl des Wortes „tangping“ einen positiven Spin zu geben. Es sei doch nur der Wunsch „ein Nickerchen im fortwährenden Kampf einzulegen. Das kurzzeitige Flachliegen ist dazu da, um neue Energie zu gewinnen und wieder zu starten.“ Die nationalistische Parteizeitung Global Times kommentierte: Es stimme zwar, dass viele junge Chinesen danach lechzten, eine Atempause in unserer schnelllebigen und hoch wettbewerbsstarken Gesellschaft einzulegen.“ Aber sie seien die gleiche Generation, die darauf schwören: „Wir arbeiten für die Revitalisierung der chinesischen Nation.“

Auch wenn Chinas Ideologen es nicht zugeben wollen, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Die Partei hat mit ihren Vorstellungen ein dickes Motivationsproblem bei Chinas Jugend.

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