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Was in Deutschland heute noch versicherbar ist – und wo die Grenzen liegen

07. Februar 2026

Die Beitragseinnahmen der Versicherungsbranche stiegen 2025 um 6,6 Prozent auf 254 Milliarden Euro, doch dieser Zuwachs resultiert vor allem aus höheren Preisen. R+V‑CEO und GDV‑Präsident Norbert Rollinger macht im Interview mit Table.Briefings deutlich, „dass das Wachstum in der Branche inflationsbedingt ist“. Besonders in der Kfz‑, Wohngebäude- und Krankenversicherung hätten die Schadenkosten spürbar angezogen. „Versicherte erhalten real nicht mehr Schutz, sondern zahlen mehr für das gleiche Niveau“, sagt er.

Das Wachstum ergibt sich derzeit vor allem aus höheren Schadenkosten und nicht aus steigender Nachfrage. Werkstattlöhne, Ersatzteile und Bauleistungen sind zentrale Preistreiber. Rollinger verweist etwa auf „Werkstattstunden, die inzwischen bis zu 300 Euro kosten“. Versicherer müssten diese Belastungen abbilden und „die Schadenaufwendungen, die wir erwarten, an das Kollektiv umlegen“.

Einen weiteren Einfluss auf das Jahresergebnis hatte laut Rollinger die Wetterlage. „2025 war erstaunlicherweise ein sehr schadenarmes Jahr mit Blick auf Naturgefahren“, sagt er. Diese Entlastung steht jedoch im Gegensatz zur langfristigen Entwicklung: Über mehrere Jahre registriert die Branche einen kontinuierlichen Anstieg witterungsbedingter Schäden, der künftig wieder stärker durchschlagen dürfte.

Rollinger widerspricht der Annahme, Versicherer könnten in Phasen größerer Unsicherheit wirtschaftlich profitieren. „Die Schlussfolgerung, dass wir von Krisen profitieren, ist nicht richtig“, sagt er. Zwar steige in unruhigen Zeiten die grundsätzliche Bereitschaft zur Absicherung, doch führe das aus seiner Sicht nicht zu besseren Ergebnissen. Im Gegenteil: Extremwettereignisse erhöhten den Druck auf die Bilanzen, weil Versicherer ihre Schadenrückstellungen für Elementarrisiken kontinuierlich anpassen müssten.

Eine verpflichtende Elementarschadenversicherung lehnt der R&V-Chef klar ab. „Eine Pflichtversicherung fürs eigene Eigentum ist nicht Aufgabe des Staates“, betont er. Für ihn sprechen sowohl verfassungsrechtliche Gründe als auch der Grundsatz der Eigenverantwortung dagegen. Statt einer Pflichtlösung plädiert er deshalb für ein Opt‑out‑Modell, bei dem Versicherte standardmäßig abgesichert wären, den Schutz aber aktiv abwählen könnten. Im Neugeschäft der Wohngebäudeversicherung liege der Anteil der Kunden, die eine Elementarabsicherung wählen, bereits heute bei rund 80 Prozent. Nach Rollingers Einschätzung zeige dies, dass der Markt schon heute eine hohe Durchdringung erreicht – ganz ohne staatliche Pflicht.

Obwohl Rollinger hochexponierte Regionen wie in Kalifornien oder Florida, in denen sich private Versicherer teilweise zurückziehen, in Deutschland derzeit nicht sieht, verweist er auf gefährdete Bereiche hierzulande: Rund 400.000 Gebäude stehen in Zone‑4‑Gebieten, in denen statistisch etwa alle zehn Jahre ein Schadenereignis auftritt. Zugleich warnt er vor jährlich 1.500 bis 2.000 zusätzlichen Neubauten in ausgewiesenen Überschwemmungszonen. „Das halten wir für einen ganz großen Irrweg“, sagt er. Versicherungsschutz ist dort weiterhin möglich, allerdings häufig nur zu höheren Prämien oder mit Selbstbehalten – also mit einer Eigenbeteiligung der Eigentümer –, damit die Risiken kalkulierbar bleiben.

Norbert Rollinger ist seit 2017 Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung und seit 2022 Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Im Podcast Table.Today erklärt er außerdem, wie er auf die Altersvorsorge in Deutschland blickt, welche Reformen er von der Rentenkommission erwartet und warum er gleiche Wettbewerbsbedingungen für Versicherer fordert.

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Letzte Aktualisierung: 07. Februar 2026