Neustart der Liberalen: Warum die FDP auf dem Parteitag gleich zwei große Experimente anstößt

Nach der Kampfabstimmung zwischen Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann scheint die FDP gespalten und geschwächt. Doch der Parteitag hat auch viele Neue in die Führung gewählt, die keinem der beiden Lager angehören und der Partei ein neues Profil geben könnten.

31. Mai 2026
Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki (Imago/Steinsiek.ch)

Wenn man von oben drauf schaut, sind die klassischen Bewertungen für das, was am Wochenende auf dem FDP-Parteitag geschehen ist, einfach. Wolfgang Kubicki hat zwar gewonnen, ist ob des schwachen Ergebnisses aber beschädigt. Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist vor allem ihrem Ego gefolgt und hat darüber erst recht verloren. Und die FDP hat gezeigt, wie zerstritten sie in ihren Neuanfang startet. So oder ähnlich lässt sich das Geschehen durchaus bewerten. Aber das wäre nicht die ganze Geschichte dieses Parteitags.

Die FDP hat in Berlin zwei Experimente gestartet, die eine enorme innere Spannung erzeugen können. Mit Kubicki setzen die Liberalen auf einen Frontmann, der „vor allem von der Stimmung lebt, weil er sie besonders gut erspüren kann“, wie einer seiner Unterstützer schwärmt. Zugleich wählt die Partei einen deutlich weiblicheren und jüngeren Vorstand – eine Neuaufstellung, die dem Modell Kubicki zu widersprechen scheint.

Kubicki setzt auf schnelle Wirkung. Er hofft, mit seiner direkten Sprache schon bald bei vielen Protestwählern zu punkten. Ob das Experiment gelingt, wird sich im September in Sachsen-Anhalt zeigen. Das Land ist fast so etwas wie die letzte Hochburg. In Berlin war die FDP seit 1989 an keiner Regierung mehr beteiligt; in Schwerin seit 1994. Nur in Magdeburg regiert sie noch mit. Mit Betonung auf: noch.

Auch Strack-Zimmermann weiß um Kubickis Stärken und wie sehr ein schneller Erfolg der Partei helfen würde. Aber der neue Chef hat den Delegierten in Berlin zugleich gezeigt, dass er auch selbst von Stimmungen getrieben sein kann. Der 74-Jährige wurde von der Kampfkandidatur nicht nur überrascht, was ihn, den Stimmungserspürer, besonders gefuchst haben dürfte. Er hat sich hinterher auch so zornig gezeigt, dass selbst seine Unterstützer erschraken. Nach seinem knappen Sieg antwortete er auf die Frage, was er tun werde, um Strack-Zimmermanns Anhänger für sich zu gewinnen, mit einem kurzen: „Gar nichts“.

Er hat so, ob gewollt oder nicht, ausgerechnet seine Kritiker bestätigt. Also jene Delegierten, die vor dem Parteitag verzweifelt waren, weil sie nur die Wahl zwischen Kubicki und einer Nein-Stimme hatten. Von vielen Dutzenden ist auf dem Parteitag die Rede, die im Vorfeld nicht nur bei Strack-Zimmermann vorstellig wurden, sondern auch bei vielen anderen erfahrenen FDP-Kollegen. Ihre Botschaft: Sie würden der FDP den Rücken kehren, sollte sich niemand gegen Kubicki positionieren. Sie fürchteten einen Parteichef, der ziemlich rücksichtslos herrscht, waren bereit für ein zweites Experiment – und beknieten Strack-Zimmermann, anzutreten. So schildern es ihre Anhänger. Und was erklärte Kubicki nach der Abstimmung? Jetzt wisse Strack-Zimmermann, „wo der Hammer hängt“.

Damit wissen nun auch viele junge Frauen in der neuen Führung, woran sie mit Kubicki sind. Neben der Wahl des Frontmanns sind auch Präsidium und Vorstand in erheblichen Teilen neu aufgestellt worden. Dabei hat nicht nur Kubickis Generalsekretär Martin Hagen mit knapp 59 Prozent eine Schlappe erlitten. Es sind zugleich so viele Frauen wie nie in die Parteiführung gekommen. Nimmt man die ins Präsidium kooptierte Strack-Zimmermann dazu, dann sitzen im obersten Führungsgremium künftig neben fünf Männern auch fünf Frauen.

Gut möglich, dass sie jetzt eine Chance wittern, die FDP jünger und weiblicher auszurichten. Das gilt unter anderem für Susanne Seehofer und Nadin Zaya, die als Beisitzer im Präsidium dabei sind. Zaya kam als Flüchtlingskind nach Deutschland und arbeitet heute als Anwältin. Zu ihr und Seehofer kommt im erweiterten Vorstand ein gutes Dutzend weiterer Frauen, die sich nicht alle in Lager für oder gegen Kubicki eingruppieren lassen, sich aber durch Strack-Zimmermanns Chuzpe ermutigt fühlen könnten, Kubicki auch mal selbstbewusst entgegenzutreten, sollte er sich nicht für die neue, also ihre Welt öffnen. Wie das mit Kubicki und seinem Politikstil zusammenpasst, ist die spannendste Frage nach diesem Parteitag.

Unseren Podcast zur Lage der FDP nach dem Parteitag hören Sie ab 5 Uhr hier.

Briefings wie Berlin.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 31. Mai 2026