Tschernobyl-Unglück: Neue Risiken 40 Jahre danach

Die Kämpfe in der Ukraine verhindern nicht nur eine fachkundige Sicherung des Unglücksreaktors in Tschernobyl. Der Krieg erschafft neue Gefahren unter anderem, weil radioaktives Material aus unterschiedlichen Nutzungsquellen verschwunden ist, schreibt der Pressesprecher und Diplomphysiker.

NZ
24. April 2026
Norbert Zoubek ist Sprecher des Fachverbandes für Strahlenschutz.

Der Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl am 26. April 1986 wirkt bis heute nach, und Russlands Krieg gegen die Ukraine bringt neue atomare Gefahren für die Ukraine und darüber hinaus. Allen voran verhindert der Krieg in der Ukraine notwendige Arbeiten an der Schutzhülle des Reaktors selbst. Zugleich erhöht er die Gefahr für andere nukleare Anlagen im Land, sollten sie bewusst oder versehentlich beschossen werden oder etwa wichtige Kühleinrichtungen ausfallen. Doch schon ohne große Vorfälle ist mit leicht steigender Radioaktivität in der Luft in Europa zu rechnen – auch wenn die Strahlungsintensität unterhalb des natürlichen bei uns vorkommenden Wertes liegt.

Zur Sicherung des havarierten Reaktors wurde für 2,1 Milliarden Euro als Schutzhülle das weltgrößte bewegliche Bauwerk (New Safe Confinement) errichtet und 2019 offiziell in Betrieb genommen. Dieses ist heute durch russische Drohnen schwer beschädigt und kann maßgebliche Sicherheitsfunktionen nicht mehr erfüllen. Bisher tritt aber keine Radioaktivität aus. Die Reparaturkosten werden zurzeit vorsichtig auf mehr als 100 Millionen Euro geschätzt.

Ein weiteres Problem stellen verschwundene Strahlenquellen dar. In Folge des Angriffskriegs sind in der Ukraine von den über 8000 Strahlenquellen viele verschwunden oder zerstört worden. Genaue Zahlen gibt es nur für den Standort Tschernobyl, dort sind 133 Quellen aus Umweltlabors entwendet worden. Aber auch Quellen, die etwa im industriellen und wissenschaftlichen Umfeld verwendet werden, zum Beispiel zur Kalibrierung von Strahlungsmessgeräten, zur Überwachung von Industrieanlagen oder für medizinische Einrichtungen sind infolge des Kriegs nicht mehr unter Kontrolle.

Normalerweise sind solche Quellen gekapselt, fest umschlossen und gut abgeschirmt. Unsachgemäßer Umgang oder Beschädigungen können eine große Gefahr darstellen. Bei der Zerstörung von Industriekomplexen durch russische Truppen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit viele der dort verbauten Strahlenquellen beschädigt worden. Das Schicksal der Quellen aus Pokrowsk, Mirnograd und Rodinske im Donbas ist nicht bekannt.

In den metallurgischen Werken Azowstal und Illicha in Mariupol wurden solche Strahlenquellen verwendet. Es gibt bereits Berichte über erhöhte Strahlungswerte im Umfeld und im dortigen Seehafengebiet, die auf Beschädigungen solcher Quellen zurückgeführt werden können. Belastbare und vertrauenswürdige Informationen aus den besetzten Gebieten sind nicht vorhanden. Bekannt geworden ist aber beispielsweise, dass Menschen durch die von einer beschädigten Cobalt-60-Quelle ausgehenden Strahlung so hoch exponiert wurden, dass sie an Leukämie erkrankt sind. Hierbei handelt es sich um Beobachtungen des renommierten Wissenschaftlers aus der Ukraine Dimitry Bazyka (Managing Director at National Academy of Medical Sciences of Ukraine). Genauere Untersuchungen wie in Friedenszeiten sind derzeit nicht möglich. Auffällig ist aber, dass vier Jahre nach Kriegsausbruch die Leukämiefälle in Teilen der Ukraine gehäuft vorkommen. Unkontrollierte, vagabundierende Strahlenquellen stellen eine Gefahr dar und können theoretisch im terroristischen Umfeld an Bedeutung gewinnen.

Bis heute gibt es Folgen des Unglücks von 1986 auch in Deutschland, Stichwort radioaktive Kontamination von Pilzen und Wildschweinen. Häufig wird nun die Frage gestellt: Kann aus der Ukraine auch heute noch Radioaktivität bis nach Deutschland gelangen? Wenn ja, bei welchen Szenarien?

Waldbrände in kontaminierten Gebieten spielen eine wichtige Rolle. Durch sie wird Radioaktivität aufgewirbelt und atmosphärisch transportiert. Dies geschah über die letzten Jahrzehnte regelmäßig. Heute werden aber Löscharbeiten dieser Brände durch Landminen der russischen Truppen erschwert. Wir müssen also mit mehr atmosphärischem Austrag rechnen. Dies kann durch höchstempfindlichen physikalischen Nachweis von nur wenigen Atomen pro m3 Luft sogar in Deutschland gemessen werden, führt aber bei uns keinesfalls zu gesundheitlichen Auswirkungen, denn es liegt weit unter dem Niveau der natürlichen Radioaktivität.

Eine weitere Beschädigung des havarierten Reaktors hätte zwar ausschließlich lokale Auswirkungen in der Ukraine. Anders sieht es aber bei im Betrieb befindlichen Kernkraftwerken aus – Saporischschja, Südukraine, Riwne und Chmelnyzkyj. Die Ukraine verfügt über 15 Druckwasserreaktoren (russischer Bauart, aber ähnlich westlichen Reaktoren), von denen sechs in Saporischschja abgeschaltet sind. Die neun weiteren decken die Hälfte des landesweiten Stromverbrauchs. Auch diese sind in jüngster Vergangenheit unter Beschuss geraten. Bei einer schweren Beschädigung könnte von diesen eine Kontamination über hunderte von Kilometern erfolgen.

Norbert Zoubek ist Pressesprecher des Fachverbands für Strahlenschutz. Der Diplomphysiker hatte auf dem Gebiet der Beschleuniger-Physik promoviert.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 24. April 2026