CEO.Table Table.Standpunkt

Europas Hebel: Warum der Kontinent stärker ist, als er glaubt

Eine Analyse der europäischen Verhandlungsposition gegenüber den USA.

PS
21. Februar 2026

Die gängige Vorstellung lautet, dass die USA die Supermacht und Europa der Bittsteller ist – doch diese Sicht verwechselt Macht mit Hebel. Macht beschreibt absolute Fähigkeiten, Hebel dagegen die Möglichkeit, einem Partner höhere Kosten aufzuerlegen, als man selbst erleidet. Genau hier zeigt sich, dass Europa stärker ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Europa hat mehr Hebel als gemeinhin angenommen.

Europa verfügt mit seinem 10‑Billionen‑Dollar‑Markt über einen zentralen strategischen Hebel. Europa und die USA sind die beiden größten Konsummärkte der Welt, und amerikanische Tech‑Konzerne bleiben auf europäisches Wachstum angewiesen. Angenommen, dass alle sieben großen US‑Technologiekonzerne – analog zu Meta – rund 23 Prozent ihres Umsatzes in Europa generieren, wäre der hiesige Markt gut 500 Milliarden US-Dollar jährlich wert. Ein Verlust dieses Zugangs würde nicht nur die Bilanz, sondern auch die Wachstumsnarrative der „Magnificent Seven“ infrage stellen. Die scharfen amerikanischen Reaktionen auf europäische Digitalregulierung unterstreichen diese Abhängigkeit.

In kritischen Lieferketten besitzt Europa zudem spezifische Produkthebel, insbesondere bei Uran und Turbinen. Rund 80 Prozent des niedrig angereicherten Urans, das für die geplante Ausweitung der amerikanischen Atomstromproduktion benötigt wird, stammt aus Europa – ein struktureller Engpass, der sich nicht kurzfristig schließen lässt. Auch im Segment der 40‑bis‑60‑MW‑Gasturbinen, die für neue KI‑Rechenzentren zunehmend unverzichtbar sind, dominiert Siemens Energy. Verzögerungen bei diesen Komponenten könnten für US‑Hyperscaler Kosten im zweistelligen Milliardenbereich verursachen und kritische Infrastrukturprojekte zeitlich zurückwerfen.

Auch der US‑Anleihemarkt, vermeintliche Säule amerikanischer Stärke, eröffnet Europa einen gewichtigen finanziellen Hebel. Die Käuferstruktur von Treasuries hat sich verschoben: Ausländische Zentralbanken treten kaum noch als stabilisierende Käufer auf, während gehebelte Hedgefonds dominieren, die sich in Stressphasen abrupt zurückziehen können. In solchen Phasen musste die Fed bereits massiv intervenieren; im Frühjahr 2025 stiegen die 30‑jährigen Renditen zeitweise über fünf Prozent, woraufhin Trump eine 90‑tägige Zollpause ankündigte. Europa – insbesondere London – spielt als globaler Handelsplatz für Treasuries eine zentrale Rolle. Strengere europäische Margin‑ oder Clearing‑Regeln könnten die Fondsnachfrage dämpfen und Renditen spürbar bewegen; schon 20 Basispunkte mehr kosten Washington rund 60 Milliarden Dollar pro Jahr.

Europas Problem ist nicht der Mangel an Hebeln – es ist die Schwierigkeit, sie als Union von Nationalstaaten koordiniert einzusetzen. Diese drei Maßnahmen sind zentral:

  1. Das Anti-Coercion-Instrument aktivierbar machen: Das ACI gibt der Kommission rechtliche Befugnisse für Gegenmaßnahmen. Doch solange unklar bleibt, ob es jemals aktiviert würde, weil die politischen Anreize nicht stimmen, fehlt ihm die Abschreckungswirkung. Kompensationsmechanismen für betroffene Mitgliedstaaten würden die Glaubwürdigkeit erhöhen.

  2. Priorisierungsrechte für strategische Güter ausbauen: Die EU sollte bei kritischen Produkten wie Turbinen europäische Abnehmer vorziehen können – analog zum US Defense Production Act.

  3. Finanzmärkte geopolitisch denken: Die veränderte Käuferstruktur bei US-Staatsanleihen und die Volatilität der Trump-Administration haben die Risiken im Treasury-Markt erhöht. Europäische Regulatoren und Investoren sollten diese geopolitischen Faktoren in ihre Risikobewertungen einbeziehen – und sich bewusst sein, dass London als Handelsknotenpunkt einen regulatorischen Hebel darstellt.

Keine dieser Maßnahmen wird die globalen Machtverhältnisse transformieren. Aber in einem fragilen Markt, in dem Trump die Renditen obsessiv beobachtet und 20 Basispunkte 60 Milliarden Dollar kosten, zählen auch marginale Verschiebungen.

Philippa Sigl-Glöckner ist Ökonomin und Gründungsdirektorin der Denkfabrik „Dezernat Zukunft – Institut für Makrofinanzen“.

Briefings wie CEO.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 21. Februar 2026