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Wie der Bundestag zum Vorreiter deutscher Arbeitswelten werden kann

Bisher sei das Parlament Spiegelbild moderner Arbeitsbedingungen im Land, schreibt der Director für Demokratie und Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung – daher brauche es Verbesserungen.

FH
03. Februar 2026
Zuständig für Demokratiefragen: Finn Heinrich (Sebastian Pfütze/Bertelsmann-Stiftung)

In den vergangenen Monaten lässt sich im Deutschen Bundestag ein bemerkenswerter Wandel beobachten. Nach Jahrzehnten vergleichsweise geräuschloser Routine bemüht sich das Parlament zunehmend, seine eigene Arbeitsweise zu modernisieren. Erst kürzlich wurden strengere Regeln eingeführt, um Verstöße gegen Debatten- und Verhaltensnormen zu sanktionieren – ein Schritt hin zu einer respektvolleren Diskussionskultur im „Hohen Haus“. Auch die Digitalisierung des zentralen parlamentarischen Prozesses, der Gesetzgebung, scheint kurz vor dem Abschluss zu stehen. Zudem wandte sich Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in einem Schreiben an den Geschäftsordnungs-Ausschuss mit konkreten Vorschlägen für mehr Familienfreundlichkeit wie kürzere und mehr hybride Sitzungen oder mehr sitzungsfreie Wochen.

Familienfreundlichere Arbeitsbedingungen, digitalisierte Prozesse, ein besseres Klima am Arbeitsplatz – viele kennen diese Themen aus ihren eigenen Berufskontexten. Sie stützen die These des Staatssekretärs im Digitalministerium, Philipp Amthor, dass der Bundestag ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen sei – und sein solle. Doch ist das nicht zu wenig ambitioniert? Sollte die Herzkammer der Demokratie nicht selbst Maßstäbe für gute Arbeitsbedingungen setzen? Nicht, um ihre Mitglieder zu privilegieren, sondern um sicherzustellen, dass sie ihre eigentliche Aufgabe – die Debatte über gesellschaftliche Herausforderungen und das Ringen um Lösungen – unter bestmöglichen Bedingungen erfüllen können.

Strukturelle Reformen und bessere Regeln sind daher zu begrüßen. Aber sie greifen zu kurz. Ein moderner Arbeitsplatz entsteht nicht allein durch effiziente Abläufe, sondern auch durch ein konstruktives Organisationsklima, gelebte Werte und gegenseitigen Respekt. „Kultur frisst Struktur zum Frühstück“, gilt auch im Parlament.

Dass hier Nachholbedarf besteht, zeigen die jüngsten Rückzüge zahlreicher Abgeordneter: Kevin Kühnert, Michael Roth, Yvonne Magwas, Marco Wanderwitz und Sven-Christian Kindler stehen exemplarisch für eine wachsende Zahl von Politikerinnen und Politikern, die sich freiwillig aus dem Bundestag verabschieden. Neben strukturellen Faktoren spielen dabei auch „weiche“ Aspekte eine Rolle – das Gefühl mangelnder Selbstwirksamkeit, Burn-out-Erfahrungen, ein zunehmend raues politisches Klima, Schlafmangel, ungesunde Routinen und hoher Dauerstress. Diese Probleme lassen sich nicht allein mit klareren Regeln oder effizienteren Prozessen lösen.

Sie erfordern eine gezielte Stärkung persönlicher Resilienz, psychischer Gesundheit und sozialer Kompetenzen – Qualitäten, die moderne Führung auszeichnen. Doch abgesehen von vereinzelten Onboarding- oder Mentorenprogrammen einiger Fraktionen gibt es bislang hier kaum Angebote. Mit anderen Worten: Es braucht mehr Fokus auf Persönlichkeitsentwicklung statt auf den (typisch deutschen?) Reflex, alles bis ins Detail regeln zu wollen.

Und ja, der Bundestag ist – arbeitssoziologisch gesprochen – ein besonderer Ort. Die Institution ist ein hybrides Gebilde aus unabhängigen Abgeordneten (und ihren Büros), eingebettet in – lose vernetzte – Fraktionen, Ausschüssen und Gremien, unterstützt von hierarchisch organisierten Verwaltungsstrukturen. Verantwortung ist oft diffus, die Perspektiven einzelner Abgeordneter bleiben häufig ungehört. Eine Verbesserung des Arbeitsklimas ist daher eine komplexe Aufgabe, bei der unterschiedliche Akteure zusammenkommen müssen.

Doch der Blick ins Ausland zeigt, dass auch kulturelle Aspekte von politischen Institutionen parteiübergreifend gestaltbar sind. In Australien etwa bietet eine eigene Parlamentsabteilung Unterstützung bei Personalführung, Coaching und Konfliktmoderation. In Großbritannien hat eine fraktionsübergreifende Gruppe das Thema mentale Gesundheit auf die Agenda in Westminster gesetzt – mit konkreten Angeboten wie Achtsamkeitstrainings für Abgeordnete.

Was fehlt, ist zuallererst auch Wissen. Wie erleben Abgeordnete und Mitarbeitende tatsächlich ihre Arbeit im Bundestag? Welchen Verbesserungsbedarf sehen sie selbst? In der Wirtschaft sind „Exit-Interviews“ längst Standard, um aus den Erfahrungen ausscheidender Beschäftigter zu lernen. Im Parlament fehlen solche systematischen Rückmeldungen bisher. Die Studie Arbeitsplatz Bundestag der Bertelsmann-Stiftung, die auf Gesprächen mit freiwillig ausgeschiedenen Bundestagsabgeordneten basiert, zeigt, wie wertvoll diese Perspektiven sind.

Noch besser wäre es, regelmäßig alle im Parlament Arbeitenden zu befragen – und die Ergebnisse in konkrete, überprüfbare Maßnahmen zu überführen. Erst wenn der Bundestag nicht nur seine Strukturen, sondern auch seine Kultur weiterentwickelt, kann er vom Spiegelbild zum Vorreiter moderner Arbeitswelten in Deutschland werden. Das wäre nicht nur ein Gewinn für die dort Beschäftigten – sondern ein starkes Signal für die Attraktivität unserer repräsentativen Demokratie.

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Letzte Aktualisierung: 03. Februar 2026