Steinmeier an der Nato-Nordostflanke – Von Skandinavien lernen, auch wenn nicht alles übertragbar ist

Frank-Walter Steinmeier wirbt für ein Umdenken in der Sicherheitsarchitektur: Finnlands Modell aus Wehrpflicht, Resilienz und Zivilschutz gilt als Vorbild. Diese Ansätze lassen sich jedoch nur eingeschränkt auf Deutschland übertragen.

07. Mai 2026
Frank-Walter Steinmeier in Finnland (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das finnische Verteidigungsmodell als Vorbild für „Wehrhaftigkeit nach außen und Zusammenhalt und Engagement im Inneren der Gesellschaft“ gepriesen. „Das geht in Finnland Hand in Hand“, sagte er bei einer Pressekonferenz mit dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb am Donnerstag in Helsinki. Deutschland könne „einiges von Finnland lernen“, sagte Steinmeier – und erneuerte seinen Vorschlag nach einer sozialen Pflichtzeit, die bei der Bundeswehr oder in „sozialen Einrichtungen ganz unterschiedlicher Art“ geleistet werden könne.

Aus historischen Gründen hat Finnland seine Wehrpflicht nie abgeschafft. Rund 21.000 Menschen werden jedes Jahr eingezogen, was einem Anteil von etwa 65 Prozent pro Geburtsjahrgang entspricht. Die Bereitschaft, in der Armee zu dienen, geht mit einem hohen Verteidigungswillen einher. Einer Umfrage des finnischen Verteidigungsministeriums zufolge stieg die Zustimmung, das Land im Falle eines Angriffs zu verteidigen, seit der russischen Vollinvasion der Ukraine auf 83 Prozent.

Finnlands Grenze mit Russland ist 1.350 Kilometer lang. Das führte schon vor dem Beitritt zur Nato 2023 dazu, dass das Land ein ganz eigenes System zivil-militärischer Resilienz entwickelte. Auch in Schweden, das bis zum Nato-Beitritt 2024 mehr als 200 Jahre lang militärisch blockfrei geblieben war, hatte sich Steinmeier am Mittwoch über das „besondere Zusammenspiel von Wehrhaftigkeit, Krisenvorsorge und Resilienz der Gesellschaft“ ein Bild gemacht. Das schwedische Wehrdienstmodell diente Verteidigungsminister Boris Pistorius als Vorbild bei der Einführung des Neuen Wehrdienstes.

Das ganz andere Bedrohungsgefühl an der Nato-Nordostflanke macht eine Übertragung der skandinavischen Modelle auf Deutschland schwierig. „Bewusstsein lässt sich nicht befehlen, sondern das verlangt geduldige Überzeugungsarbeit“, sagte Steinmeier Table.Briefings. „Teil der Aufklärung, die wir auch leisten müssen, besteht darin aufzuzeigen, wie andere Länder dieselben Herausforderungen managen, damit umgehen. Und genau dazu sind wir hier.“ Das Anfang des Jahres in Kraft getretene Wehrdienstmodernisierungsgesetz sieht zunächst lediglich einen auf Freiwilligkeit basierenden Aufwuchs der Bundeswehr auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten vor. Außerdem soll die Reserve auf 200.000 Männer und Frauen aufgestockt werden.

In Finnland gibt es 900.000 Reservisten – bei einer Bevölkerung von 5,6 Millionen. „Wir verfügen über eine starke Kultur und solide Institutionen für umfassende Sicherheit“, sagte Stubb, der Deutschlands massive Investitionen in Sicherheit und Verteidigung ausdrücklich begrüßte. Im Krisenfall können bis zu 280.000 Soldaten schnell mobilisiert werden. Ossian Hartig von der National Defence University erklärt den Erfolg des finnischen Modells mit der „engen Verknüpfung zwischen Armee und Bevölkerung“. Menschen, die gedient hätten, fühlten sich „ganz natürlich als Teil des Systems“, sagte er Table.Briefings.

Finnland unterhält zudem ein umfassendes Zivilschutzsystem. Dieses basiert auf der Einbindung breiter Teile der Bevölkerung aus allen Altersgruppen. Steinmeier machte sich davon bei einem Besuch der Zivilschutzanlage Merihaka in Finnlands Hauptstadt ein Bild. Dabei wurde er vom Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, und dem Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes, Hermann Gröhe, begleitet.

Die unterirdische Einrichtung bietet im Krisenfall 6.000 Menschen Platz. In Friedenszeiten wird sie von Sportvereinen genutzt; auch ein Fitnessclub wird in der riesigen Anlage mit eigenständiger Stromversorgung und Luftschutzfiltern betrieben – und lässt sich im Fall eines Angriffs in 72 Stunden umwidmen. Finnische Freiwillige beschrieben dem Bundespräsidenten, wie sie als Kinder an Zivilschutzübungen teilgenommen hätten – und sich so ein kollektives Sicherheitsverständnis über Generationen hinweg entwickelt habe. Insgesamt gibt es in Finnland 55.000 Schutzräume, die meisten davon in Privathäusern. Das ist gesetzlich verpflichtend; sie bieten rund 85 Prozent der Bevölkerung im Krisenfall Platz.

Briefings wie Berlin.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 07. Mai 2026